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Feuilleton Großbritannien

Schneewittchen ohne Zwerge

Kleinwüchsige Schauspieler sind zu teuer

Hier im friedlich verschlafenen Guildford, der Universitätsstadt südlich von London, wo die Cafés um 19 Uhr schließen, in den Pubs nach 22 Uhr nicht einmal ein Sandwich mehr erhältlich ist, und der letzte Zug aus London kurz nach Mitternacht ankommt, kam es in den letzten Tagen zu einer erregten Diskussion rund um das Stadttheater, das mit seinem immer überraschenden und experimentellen Spielplan die vorweihnachtliche Premiere von »Schneewittchen und die sieben Zwerge« angekündigt hatte.

»Equity«, die Gewerkschaft der Schauspieler, kritisierte die Theaterdirektion des Stadttheaters, dass bei der Produktion von Schneewittchen und einem weiteren Weihnachtsspiel, die Zwerge in Grimms Geschichte und dem anderen Märchen nicht mehr mit kleinwüchsigen, professionellen Schauspielern besetzt werden, sondern mit Kindern, die Masken von Zwergen tragen würden. Ähnliches geschehe in Theaterproduktionen in Durham, High Wycombe und Liverpool, wo Schauspieler, die als Pantomimen seit Jahrzehnten in diesen Stücken Rollen bekommen, plötzlich arbeitslos in der so wichtigen Vorweihnachtszeit auf den Straßen stehen würden.

Hyden Parker, einer der Veranstalter des Pantomimen-Preises, der jedes Jahr in Großbritannien vergeben und oft von kleinwüchsigen Schauspielern für ihre Rollen in Märchen gewonnen wird, empörte sich über diese »faulen Tricks« der Theater und nannte es eine Beleidigung der Zuseher und eine Zerstörung der Kunstwerke, wenn Kinder versuchen würden, erwachsene Kleinwüchsige zu imitieren.

Kinder sind billiger

Doch wie so oft im Leben geht es hier weniger um künstlerische Qualität, sondern um Geld. Schauspieler sind durch ihre Gewerkschaften geschützt und haben auch als Pantomimen einen garantierten Mindestlohn pro Vorstellung, der mindestens 500 Pfund bei 5 bis 7 Vorstellungen pro Woche beträgt. Gewerkschaftsfunktionäre setzten jedoch in den letzten Jahren Sonder-Gagen für Schauspieler mit körperlichen und anderen Behinderungen durch, so dass jene, die Zwerge in Schneewittchen spielen, oft mehr als das Doppelte der anderen Schauspieler pro Woche verdienen.

Bei sieben Zwergen komme da eine ganz schöne Summe zusammen, meinte der Theaterdirektor in Guildford und klagte, dass ihm die Schauspieler der Zwergengruppe mit Überstunden oft mehr als zehntausend Pfund pro Woche kosten würden, was durch den Verkauf der Tickets nicht einzubringen sei.

Für Kinder gibt es von den Gewerkschaften nur Richtlinien und keine verpflichtenden Mindestlöhne. Üblicherweise bekommen sie etwa 50 Prozent der Honorare der Erwachsenen, es sind jedoch Fälle bekannt von zahlreichen West End Musicals in London, wo Kinder weitaus weniger bekamen. Bei den extrem hohen Sonderhonoraren für kleinwüchsige Schauspieler und der ständigen Anwesenheit von sieben Zwergen auf den Bühnen, kann der Unterschied zu den Honoraren für die als Zwerge verleideten Kinder – beklagen die Theaterdirektoren – für kleinere Theater in der Provinz dramatisch und existenzgefährdend sein.

Dean Whatton, einer der Stars unter den Kleinwüchsigen und seit mehr als 17 Jahren in den Wochen vor Weihnachten als Zwerg in zahlreichen Produktionen von Schneewittchen komplett ausgebucht, macht sich dennoch Sorgen um seine Zukunft als Schauspieler. Es gäbe während des Jahres ohnehin nur wenige Stücke, wo ein Künstler wie er eine Chance habe, und Weihnachten sei dann die große Ausnahme im Vergleich zu den schwierigen Monaten.

Er kritisierte, dass Kinder keine Zwerge spielen könnten, sie würden sich anders bewegen, anders reagieren und anders aussehen. Sie seien eben keine kleinwüchsige Erwachsene, über die Kinder so herzlich lachen würden. Der ganze Zauber dieses Märchens würde verloren gehen. Kinder unter den Zusehern ließen sich nicht täuschen und würden sofort erkennen, dass hinter den Masken Kinder die Rollen übernommen hätten und aus dem Märchen »Schneewittchen mit den sieben Zwergen« würde ein Kindergarten werden mit einer Kindergärtnerin und sieben Kindern. Die ganze Geschichte mache dann keinen Sinn mehr.

Agentur für Kleinwüchsige

Steve Redford, der eine Agentur für kleinwüchsige Schauspieler unter dem Namen »MiniMen« in London besitzt, sagte in einem Interview mit der britischen The Sunday Times, dass er keine Pantomimen für Kinderstücke mehr aufnehme. Es gäbe einfach keinen Bedarf mehr. Wegen der Erfolge einiger Super-Stars wie Peter Dinklage in Game of Thrones und Tony Cox in Bad Santa 1 und 2 habe sich zwar die Situation für sprechende Schauspieler unter den Kleinwüchsigen verbessert, aber das betreffe nicht die Pantomimen. Etliche Theater würden sogar mit einer Änderung der Namen der Stücke reagieren, wie zum Beispiel das Twongate Theatre in Basildon, das aus »Schneewittchen und die sieben Zwerge« einfach »Snow-White« machte, und damit die Zwerge aus der Ankündigung verbannte.

Berühmte Namen unter den Kleinwüchsigen wie David Rappaport (Time Bandits), Warwick Davis (Willlow), Zelda Rubinstein (Poltergeist) und Felix Villa (Spaceballs) seien immer gefragt gewesen, doch die meisten Schauspieler unter den Kleinwüchsigen würden mit Pantomimen versuchen zu überleben, und dafür gäbe es immer weniger Möglichkeiten. In der deutschen Tatort -Serie ist Christine Urspruch bekannt geworden als die medizinische Assistentin des Teams »Thiel und Boerne«, allerdings auch hier als Sprechrolle und nicht als Pantomime.

Der selbst kleinwüchsige Universitätsprofessor Tom Shakespeare, der sich auf Behinderungen aufgrund der Körpergröße spezialisierte, riet der ganzen Theaterszene, mit den alten Märchen überhaupt aufzuhören. Es sei genug Schneewittchen gespielt worden, und kaum ein Kind würde sich heute noch dafür interessieren.  Der Erfolg und der Humor der Stücke liege nicht in der Handlung, sondern im Verhalten der kleinen Menschen, und hier sollten Schriftsteller und nicht Theaterdirektoren mit ihren Sparmaßnahmen ansetzen. Es sei einfach lächerlich, dass seit Jahrhunderten niemandem eine neue Geschichte eingefallen sei, in dem kleinwüchsige Menschen die Zuseher unterhalten würden. Pantomime habe eine lange Tradition, und unterstützend bei sprachlosen Darstellungen sei immer der optische Eindruck wie Körpergröße und andere äußerlichen Merkmale gewesen.

Der Fluch der guten Tat

Doch es gäbe heute keine Diskussion mehr über kleine, große, dicke, dünne, langbeinige oder kurzarmige Menschen, ohne dass sie nicht in einer der Schubladen für »political correctness« landen würde. Ob heute überhaupt noch »Schneewittchen mit Zwergen« gespielt werden könne, wird bereits diskutiert, und es melden sich jene zu Wort, die darin eine Verunglimpfung von Menschen aufgrund ihres Aussehens kritisieren. Nicht weil das Stück veraltet und langweilig sei, oder kleinwüchsige Schauspieler zu viel kosten würden und nicht durch Kinder ersetzt werden sollten, sondern weil man über Kleinwüchsige lache, aufgrund ihrer besonderen körperlichen Erscheinung.

Menschen, die vom Aussehen, der Körpergröße oder sonstigen Merkmalen, von der Norm der Mehrheit abweichen, sollten damit die Zuseher nicht unterhalten. Das sei keine akzeptierte Form des Humors, über Menschen zu lachen, die einen kleingewachsenen Körper mit kurzen Armen und Beinen und dennoch einen normal geformten Kopf haben.  So werde das Lachen über das »Anders-Sein« schnell zu Verhöhnung und Auslachen, und damit zu einer Beleidigung und Diskriminierung. Wie könnten Kinder mit dieser Form von Humor unterhalten werden, wenn ihnen kleinwüchsige Menschen wie Clowns vorgeführt werden würden. Damit werde ihnen von Beginn an erklärt, man dürfe sich über Menschen, die anders aussehen, einfach gut unterhalten.

Klingt alles überzeugend, wenn da nicht ausgerechnet die Betroffenen, die man schützen möchte, lautstark dagegen protestierten. Und zwar mit der Umkehr des Arguments, dass nämlich ein Austauschen von kleinwüchsigen Schauspielern durch Kinder eine Form der Diskriminierung darstelle, da junge nicht-kleingewachsene Menschen, die irgendwann einmal groß werden und für Zwergen-Rollen neben Schneewittchen nicht mehr in Frage kommen, jederzeit für andere Rollen engagiert werden könnten, wenn sie eine schauspielerische Begabung zeigten. Den Zwergen-Darstellern aber sei diese Zukunft versperrt, denn sie hätten nichts anderes – beklagen sie – als die Rollen der fröhlichen, schweigenden Zwerge, die ihnen nun Kinder streitig machten, weil sie billiger wären, und Erwachsene, weil sie sie vor Diskriminierung schützen wollen.

 

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