Feuilleton

Religiöse Dialektik

Photo by Wagner T. Cassimiro „Aranha“ (edited), CC BY 2.0

Der Glaube gehört in den inneren Dialog

Im Grunde ist es immer dasselbe. Hier der Mensch, dort das göttliche Wesen. Hier irdisches Maß, dort himmlische Unendlichkeit. Hier sich Fügen, dort schicksalhafte Instanz.

Worauf die religiöse Dialektik sehr grundsätzlich und praktischerweise abzielt, ist klar: es geht um die seelische Führung des Menschen. Dessen schwieriger Charakter, vermehrt um einen Mangel an tieferer Einsicht, soll auf höherer Ebene Ausgleich erfahren.

So weit so gut – und im Prinzip nicht mal falsch, den Alltag des Menschen und noch mehr seine Einbettung in komplexere Sinnfügungen betreffend. Doch leider hört der Mensch auch unter göttlichen Kontrollfunktionen namens Allah, Gott, Jahwe usw. nicht auf, schwierig zu sein. Und tut nicht durchweg Gutes, sondern handelt tendenziell aus Eigennutz – was noch hingeht und vielleicht gar nicht kontrolliert werden müsste…

Die Macht der religiösen Verkünder

Bedenklich wird es, wenn der Mensch Ärgeres tut und gelegentlich sogar Mitmenschen um ihr Leben bringt, weil eine göttliche Instanz ihm derlei auferlegt. Von besonderer Bedeutung dabei ist, wie Leute, die letzteres tun, zu ihrer göttlichen Order gelangen – falls sie nicht schizophren sind und seltsame Stimmen hören.

Fast ausnahmslos verkünden ihnen nämlich religiöse Führer, was von höherer Warte aus gewollt ist. Religionen jedoch, in denen göttliche Wesen sich angeblich mitteilen, indem Menschen sie so brachial auslegen, laufen Gefahr, dass kein göttlicher Wille, sondern ein zutiefst menschlicher Teufelskreis in Gang gesetzt wird.

Genau das geschieht in unseren Tagen, und es geschieht viel zu oft – und damit muss es ein Ende haben. Doch das gelingt nur, indem die Macht der religiösen Verkünder gebrochen wird.

Religionen sind nur persönliche Überzeugungen

Die Kraft dazu hat allein die Zivilgesellschaft, deren bislang praktizierte Trennung von Kirche und Staat dafür allerdings nicht ausreicht. Und darum muss für unser aller Zukunft konstitutionell verankert werden, dass Religionen nichts als persönliche Überzeugungen sind.

Keine Religion darf alleinige, generalisierende Wahrheitsansprüche erheben. Genauso wenig darf der Staat sich zu ihrem Träger machen und auch nicht in ihrem Namen Eidesformeln oder Symbole gebrauchen oder Steuern für sie einziehen.

Des Weiteren muss in einem neuen Gesellschaftsvertrag niedergelegt werden, dass sämtliche Heiligen Schriften, Propheten und Priester kein göttliches, sondern menschliches Maß haben. Denn der Glaube an göttliche Instanzen als Ausdruck numinoser Sehnsucht ist eine transzendentale Chiffre und metaphysische Allegorie, mehr nicht. Und reine Privatsache und nur als solche zu schützen.

Von einem Tag auf den andern ist das nicht hinzubekommen. Aber die Hass- und Bluttaten unserer Tage lehren, dass die Inanspruchnahme göttlicher Sendung nicht mehr hinzunehmen ist.

Das Ende der religiösen Dialektik

Die Zivilgesellschaft muss sich deshalb als eine Gemeinschaft von Individuen definieren, die jegliche, bislang von religiösen Werten getragene, Zielsetzung rational neu formuliert und offensiv umsetzt. Die bisher praktizierte Ausbalancierung von religiösen und sogenannten profanen Kräften hat darin keinen Platz, auch und schon gar nicht im Schulunterricht.

Es wäre das Ende der religiösen Dialektik: Religionen, über Jahrhunderte und Jahrtausende auch ein wesentlicher Hort kultureller Werte, würden endlich des bedenklichen Mummenschanzes entkleidet, den angemaßte Verkünder mit ihren Gläubigen treiben.

Der kulturelle Kern aber würde davon nicht tangiert. Und auch die transzendente Substanz bliebe erhalten, wenn der Glaube dorthin zurückkehrt, wohin er gehört, in den inneren, den zutiefst privaten Dialog.

Der Gestus von Religionen als Herrscher über die Welt, über den menschlichen Geist und die Seelen hat sich überlebt.

 

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