Islam Österreich

Oje, VdB!

Der ‚links-liberale‘ Irrtum

Die Einlassungen des Bundespräsidenten zum Thema Kopftuch sind gründlich missglückt. Bei einer Diskussion mit Schülern im Haus der EU in Wien fragten zwei muslimische Schüler nach der Meinung des Präsidenten zum Urteil des EuGH, das Arbeitgebern das Recht gibt das Tragen von Kopftüchern zu verbieten, und der ihrer Ansicht nach steigenden Islamophobie. Van der Bellen antwortete:

Also erstens: Wie ich klein war, also kleiner als Sie heute, war es am Land zumindest absolut üblich für alle Frauen in Österreich, Kopftuch zu tragen. Es ist also eine relativ neue Entwicklung, dass man kein Kopftuch mehr trägt. Insofern finde ich es schon einmal das Normalste der Welt.  …
Überall sonst finde ich, ist es das Recht der Frau – tragen Männer auch Kopftücher? Nein, oder? – ist es das Recht der Frau, sich zu kleiden, wie auch immer sie möchte. Das ist meine Meinung dazu. Im Übrigen nicht nur muslimische Frauen, jede Frau kann ein Kopftuch tragen. Und wenn das so weitergeht – und damit bin ich schon bei der nächsten Frage: Bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. – Alle! – Als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.
Das ist nicht so weit hergeholt. Wenn ich mich richtig erinnere, haben die Dänen während der deutschen Besatzung doch etwas Ähnliches gemacht. Und nichtjüdische Dänen haben angefangen, den Davidstern zu tragen, als sozusagen symbolische Geste, oder auch tatsächliche Geste des Widerstands gegen die Deportation von Juden damals.

Das Offensichtliche zuerst:

Nichts davon ist Ironie, wie Maria Vassilakou nach dem Bekanntwerden der Äußerungen behauptete. Dass Hans Rauscher im STANDARD „böswilliges Missverstehen“ unterstellt, wenn man Van der Bellens Aussagen nicht als „ironisch klingende Zuspitzung“ erkenne, ist unredlich. Rauscher beschwichtigt, indem er Van der Bellens Äußerungen absichtsvoll als Ironie missversteht. Die ganze Diskussion ist auf Facebook nachzusehen, die zitierten Äußerungen fallen ungefähr ab Minute 23:40. Jeder kann sich sich davon überzeugen, dass die Äußerungen ernsthaft und mit Nachdruck vorgebracht wurden, ohne einen Hauch von Ironie. Der Präsident meint was er sagte. Also nehmen wir es ernst.

Der Vergleich mit Dänemark ist historisch falsch und – was noch viel schwerer wiegt – monströs abstoßend. Mag sein, dass Aische und Mohamad da und dort schwerer eine Wohnung finden als Johanna und Christian, aber das hat mit dem Holocaust so viel gemeinsam wie ein Schnupfen mit Krebs im Endstadium. Nichts an der Situation europäischer Muslime ist auch nur im Entferntesten mit der Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus vergleichbar. Und der Hijab ist als selbstgewähltes identitäres Abzeichen das Gegenteil des zwangsweise verordneten ‚Judensterns‘. Der ‚Gelbe Stern‘ stigmatisierte seine Träger, der Hijab stigmatisiert die Frauen, die ihn nicht tragen. Einem konservativen oder rechten Politiker würde man einen ähnlichen Vergleich nicht durchgehen lassen, ohne ihn der „Verharmlosung des Holocaust“ zu bezichtigen. Außerhalb der österreichischen Empörungsindustrie wird Van der Bellen niemand ernsthaft Antisemitismus oder Verharmlosung des Nationalsozialismus unterstellen. Geschmacklos und peinlich bleibt sein Vergleich allemal.

Kommen wir zu den anderen Behauptungen des Präsidenten, die seine Sätze implizieren:
1. Der Hijab sei so was Ähnliches wie das Kopftuch am Land.
2. Es gäbe eine ‚Islamophobie‘ und diese greife um sich.
3. Unsere Solidarität sollte Kopftuch tragenden Musliminnen gelten.
4. Aus Solidarität sollten alle Frauen Kopftücher tragen.

Kopftuch und Hijab

Der Bundespräsident hat sich offensichtlich keinerlei Gedanken über Symbolik und Funktion des Hijab gemacht. Seine Verharmlosung ist ein Armutszeugnis für jemanden, der sich selbst als Feministen bezeichnet.

Alice Schwarzer bezeichnet den Hijab als „Flagge des Islamismus“. Die Gründerin des Schweizer ‚Forum für einen fortschrittlichen Islam‘, Saïda Keller-Messahli, bezeichnet das Kopftuch als „politisches Gebot der Islamisten“. Sie erinnert daran, dass der Ursprung des Kopftuchs im 7. Jahrhundert liegt: es diente dazu, „den sozialen Rang der muslimischen Frau als freie Frau – im Gegensatz zur Sklavin – zu markieren und die freie Frau so vor sexueller Belästigung zu schützen“. Und die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes hält fest: „Alle Formen des Körperschleiers und des Gesichtsschleiers, sind Ausdruck religiösen Fundamentalismus, der Missachtung und Erniedrigung der Frau und ihrer Degradierung zu einem Objekt. Der Schleier, wie auch das Kopftuch, unterteilt Frauen in so genannte ‚ehrbare‘ und ‚nicht ehrbare‘ Frauen und ist somit eng mit dem Themenkomplex der Gewalt im Namen der Ehre verbunden.“

Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol sondern ein identitäres Abzeichen. Es stigmatisiert jene Frauen, die es nicht tragen, als haram und sexuell verfügbar. Wo die Verhüllung der Frau als gesellschaftliche Norm anerkannt wird und Männer als „nicht ehrbar“ gekennzeichnete Frauen als sexuelles Freiwild betrachten, ist die Sicherheit aller Frauen beeinträchtigt. Darum betrifft die Frage der Verhüllung nicht nur die Musliminnen. Das Kopftuch der einen beschneidet die Freiheit der anderen – unabhängig davon, ob es freiwillig getragen wird oder nicht. Eine Posterin schrieb dazu auf Facebook treffend:

Jede Hijab tragende Frau mehr, ob aus Zwang, religiöser Überzeugung oder Solidarität (mit Zwang und sexistischen religiösen Vorschriften?), ist ein weiterer Schritt in eine ungleiche und für Frauen letztendlich gefährliche Gesellschaft. Jede Hijab tragende Frau mehr bedroht, gesamtgesellschaftlich gesehen, die Freiheit der ‚unverschleierten‘ Frau – oder besser gesagt, der Frau, die für sich in Anspruch nimmt, sich so frei, bequem und zweckmäßig zu kleiden, wie es für jeden Mann selbstverständlich ist.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Mit dem Kopftuch einer Tiroler Bäuerin hat all das nicht das Geringste zu tun.

Islamophobie

Eine Phobie bezeichnet eine krankhafte Angststörung. Islamophobie wäre demnach die krankhafte Angst vor dem Islam. Populär wurde der Begriff nach der Revolution Khomeinis, um den Politischen Islam gegen Kritik zu immunisieren und dessen Kritiker zu pathologisieren. Dem Begriff zufolge sind Kritik am oder Widerstand gegen den Politischen Islam eine Krankheit, auch jegliche Angst vor dem Islam wäre demnach automatisch krankhaft.

Nun, obwohl es jede Menge Gründe gäbe, vor dem Islam Angst zu haben, habe ich keine. Aber ich halte den Poltischen Islam für die mächtigste Bedrohung der freien Gesellschaften im 21. Jahrhundert, und darum schreibe ich gegen ihn an. Sein eliminatorischer Antisemitismus, sein globaler Herrschaftsanspruch und die radikale Ablehnung der Moderne erinnern an den Nationalsozialismus. Der Politische Islam ist mit einer liberal-demokratischen, rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft nicht vereinbar:

Wir haben es mit einem neuen Totalitarismus zu tun. Nein, er ist nicht neu, er ist nur anders. Nach dem linken Faschismus der Sowjets, nach dem rechten Faschismus der Nazis, ist der Islamismus der Faschismus des 21. Jahrhunderts. (Leon de Winter).

Indem der Bundespräsident den Kampfbegriff Islamophobie nicht nur verwendet sondern sogar dessen „um-sich-Greifen“ beklagt, fällt er nicht nur den Opfern des Islamismus in den Rücken sondern auch jenen fortschrittlichen, säkularen Muslimen, die für einen Islam europäischer Prägung eintreten, die – oft unter Lebensgefahr – den spirituellen Islam von seinem gesellschaftlichem Ordnungsanspruch befreien wollen, die einen Islam ohne Scharia, ohne Hijab, Niquab und Jungfrauenkult wollen.

Falsche Solidarität

Van der Bellens Einlassungen und die Reaktionen seiner Anhänger darauf erwecken den Eindruck als bedürften Musliminnen unserer Solidarität, um ein Kopftuch tragen zu dürfen. Das Gegenteil ist der Fall. Keine einzige Muslimin wird daran gehindert ein Kopftuch zu tragen. Hingegen werden unzählige Mädchen und Frauen mit Gewalt und/oder familiärem Druck unter das Kopftuch gezwungen. Seit Jahren steigt der Druck auf junge Mädchen aus islamischen Familien sich zu verhüllen.

Der Bundespräsident ist offenbar der Meinung, dass unsere Solidarität allen freiwillig Kopftuch tragenden Musliminnen zu gelten habe. In Anbetracht der Funktion und Symbolik des Hijab wird jedoch klar, dass Freiwilligkeit als Kriterium für Solidarität nicht taugt. Hierzu wieder Terre des Femmes:

Unsere Unterstützung gilt vor allem denjenigen Frauen und ihren Familien, die die Verschleierung ablehnen, sich emanzipieren von religiösen Dogmen und Patriarchat. Frauen, die freiwillig volle Verschleierung tragen, akzeptieren und unterstützen die Vorstellung der Unterordnung der Frau unter den Mann, seine Vormundschaft. Sie akzeptieren und unterstützen auch die patriarchalische und religiöse Vorstellung der sündigen Frau, die, falls unverschleiert oder nicht ordentlich bekleidet, verantwortlich für die „Versuchung“ des Mannes ist und entschuldigen Männer, statt diese in die Verantwortung zu nehmen, falls es zu einem Übergriff kommen sollte.

Dem schließe ich mich vorbehaltlos an. In einem Facebook-Kommentar war zu lesen, „dass viele junge Musliminnen das Kopftuch als Zeichen ihres neuen Selbstbewusstseins und Bekenntnis zum Islam tragen. Zum liberalen Islam westlicher Ausprägung.“ Das ist eine grobe Verzerrung der Wirklichkeit. Die Realität sind Väter, Brüder, Cousins und nicht zuletzt Mütter, die junge Musliminnen kontrollieren und deren „sittsames Verhalten“ möglichst lückenlos überwachen.

Natürlich gibt es Musliminnen, die das Kopftuch freiwillig tragen. Sie halten es für eine religiöse Pflicht, tun es aus „Ehre und Stolz“ oder verwenden es als identitäres Symbol, mit dem sie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe signalisieren. Und ganz sicher tragen es manche „als Zeichen ihres neuen Selbstbewusstseins und Bekenntnis zum Islam“. Aber dieser Islam ist das Gegenteil eines „liberalen Islam westlicher Ausprägung“. Der Islam, für den diese Musliminnen stehen, verkörpert die Vormoderne, das Patriarchat, die Sexualisierung und Unterdrückung der Frau.

Warum sollte man mit diesen Musliminnen solidarisch sein?

Und selbst wenn es irgendwo eine muslimische Ärztin oder Architektin gäbe, die ihr Kopftuch tatsächlich ernsthaft als Zeichen eines „liberalen Islam westlicher Ausprägung“ interpretierte, verdiente sie nicht mehr Solidarität als eine blonde Blauäuige, die darauf bestünde, mit einem Hakenkreuz ihre Verbundenheit zu Odin auszudrücken.

Die Mehrheit der Musliminnen verhüllt sich nur zu bestimmten Anlässen oder in der Moschee. Das angesprochene Urteil des EuGH betrifft sie nicht. Niemand will den Hijab verbieten. Aber dass Nico Alm auf seinem Führerscheinfoto ein Nudelsieb aufhat, bedeutet nicht, dass jeder Pastafarian das Recht hat, an seinem Arbeitsplatz, sagen wir am Kassenschalter einer Bank, ein Nudelsieb zu tragen.

Die links-liberale Misere

Warum eine so ausführliche Stellungnahme zu ein paar Sätzen des Bundespräsidenten? Weil sie exemplarisch die Oberflächlichkeit charakterisieren, die hierzulande das Milieu, das sich selbst gerne als links-liberal bezeichnet, kennzeichnet. Denn nichts an den zitierten Äußerungen Van der Bellens hält einer näheren Überprüfung stand. Nichts davon ist links und nichts davon ist liberal.

Ein Linker würde sich nicht auf die Seite der Unterdrücker stellen sondern auf die Seite der Unterdrückten. Ein Linker würde sich nicht mit einer Religion solidarisieren, die sich anmaßt, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ihrer „göttlichen“ Ordnung zu unterwerfen sondern eine solche Religion Seite an Seite mit allen aufklärerischen Kräften bekämpfen. Ein Linker stünde auf der Seite der Reformer, nicht auf der Seite der Reaktionäre.

Ein Liberaler würde sich mit den Millionen Frauen solidarisieren, die für die Freiheit kämpfen, selbst über ihre Kleidung entscheiden zu dürfen. Ein Liberaler stünde auf der Seite der säkularen Muslime, die unter religionsfaschistischen Regimen leiden. Ein Liberaler solidarisierte sich mit der Aufklärung statt patriarchale Traditionen zu verteidigen oder gar zu stärken. Ein Liberaler würde die Feinde der Offenen Gesellschaft bekämpfen anstatt sich in bloßer Beliebigkeit zu gefallen.

Im österreichischen politischen Diskurs ersetzen Angriffs- und Verteidigungsmodus den inhaltlichen Meinungsaustausch. Die floskelhaften Beschwörungen und beschwichtigenden Allgemeinplätze von links-liberaler Seite sind fast noch deprimierender als die Äußerungen Van der Bellens selbst.

#MenInHijab

Unter dem Hashtag ‚MenInHijab‘ präsentieren sich Männer mit verhülltem Kopf in den Sozialen Medien. Ihre Solidarität gilt den Millionen Frauen, die sich gegen ihren Willen bedecken, verhüllen oder verschleiern müssen. Van der Bellen hat nicht nur zur Solidarität mit den Falschen aufgerufen. Er meint auch, um die falsche Geste bitten zu müssen. Wenn sich jemand aus Solidarität verhüllen sollte, sind es nicht die unverhüllten Frauen sondern die Männer.

Ich gehe mit gutem Beispiel voran. Wenn Van der Bellen der Präsident ist, für den ihn viele halten, wird er folgen.

 

3 Comments

  • Gute Analyse! Ich möchte noch ein Schauferl zulegen. Die oben zitierten Äußerungen unseres lieben Herrn Bundespräsidenten sind für jede westlich orientierte Frau eine Zumutung und zeugen von extremer Mißachtung des hierzulande üblichen Respektes, der Frauen unserer Gesellschaft entgegengebracht wird. Wir leben im 21. Jahrhundert, Herr Bundespräsident! Wenn Frauen hierzulande gebeten werden, Kopftuch (Hijab) zu tragen, heißt das ja im Umkehrschluss, dass Frauen ohne Kopftuch hierzulande Angst vor männlichen Übergriffen haben müssen, sozusagen Freiwild sind. Heißt auch, dass VdB sich offensichtlich solidarisch zeigt mit den Haudegen des Islam! Das kann jetzt nicht sein.

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