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Europa Naher Osten

November

Photo: Israel Defense Forces, CC BY-SA 2.0

Und Raketen fallen auf Ashkelon

Die Worte fein gedrechselt, die Schuhe blank geputzt. Betroffenheit in den Gesichtern. Man gedenkt. Unter dunklen Anzügen blitzen weiße Hemden, die Damen tragen dezente Tücher zu dezenten Kostümen, die Herren tragen Krawatten in gedeckten Farben, und alle tragen würdevolle Mienen.

»Im November erinnern wir Deutsche an beides: an Licht und an Schatten unserer Geschichte«, sagt der deutsche Mann, der sich im Jahr davor am Grab des Judenmörders Arafat verneigt hat, und niemand fragt, ob es im Land gerade heller oder dunkler wird. Die Verantwortung für den »unvergleichlichen Bruch der Zivilisation, für den Absturz Deutschlands in die Barbarei« kenne keinen Schlussstrich, fährt Deutschlands Bundespräsident fort. Alle sind gerührt, vielleicht von der Erinnerung, vielleicht auch vom Gedanken, sich selbst wieder zur Zivilisation zählen zu dürfen. Auftritt Kanzlerin. Sie freut sich über das »blühende jüdische Leben in Deutschland«, nennt es ein »unerwartetes Geschenk nach dem Zivilisationsbruch der Shoa«. Merkel mahnt: »Lassen Sie uns alle jeden Tag mit dem Verständnis von heute daran arbeiten, dass so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder passiert.«

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Neue Gesichter, die gleichen dunklen Anzüge, die gleichen dezenten Kostüme, die gleichen würdevollen Mienen. Man gedenkt. Der deutsche Mann, der einen Kranz am Grab des Judenmörders Arafat niedergelegt hat, legt einen Kranz bei den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs in London nieder. Beides tat er als erstes deutsches Staatsoberhaupt. Frank-Walter Steinmeier ist gut im Kranzniederlegen. Er fühlt sich »geehrt, hier Seite an Seite zu gedenken, dankbar für Versöhnung, hoffnungsvoll für eine Zukunft in Frieden und Freundschaft«.

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Währenddessen in Paris. Andere Gesichter, dunkle Anzüge, dezente Kostüme, dunkle Mäntel. Es regnet. Man gedenkt. Emmanuel Macron, die deutsche Kanzlerin an seiner Seite, trägt eine besonders würdevolle Miene: »Wer sagt ›Unsere Interessen zuerst, ganz egal was mit den anderen passiert‹, der löscht das Wertvollste aus, das eine Nation haben kann, das eine Nation groß macht und das Wichtigste ist: seine moralischen Werte.«

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Es gibt eine Zeit des Gedenkens und eine Zeit des Handelns. Die Gesichter sind die gleichen, aber die Anzüge werden heller, die Kostüme bunter, die Mienen etwas weniger ernst. Zwischen den Gedenkfeiern zu den Novemberpogromen und jenen zum Ende des Ersten Weltkriegs reist die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Frederica Morgherini, nach Washington, um »die klare Position der EU« zu bekräftigen, das Atomabkommen mit Iran würde funktionieren. Mit allen Mitteln hält die Europäische Union am Iran-Deal fest. Vermutlich wegen der moralischen Werte. Die sind das Wichtigste.

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Die Gedenkfeiern zu den Novemberpogromen liegen nur wenige Tage zurück. Sigmar Gabriel, der frühere Außenminister Deutschlands, macht mit 15 Unternehmern im Schlepptau einem Holocaust-Leugner in Teheran seine Aufwartung. Mit dabei: Hossein Amir-Abdollahian, der erst im Februar die Vernichtung Israels angekündigt und Irans Finanzierung von Hamas und Hisbollah gepriesen hatte. Europäische Politiker und Wirtschaftstreibende, allen voran deutsche und französische, tun ihr Möglichstes, um die Taschen eines Regimes zu füllen, das den jüdischen Staat von der Landkarte radieren will. Freilich könnte es sich dabei auch um Übersetzungsfehler handeln. Wir werden sehen. Das Wichtigste einer Nation sind die moralischen Werte.

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Eine Woche nach den Gedenkfeiern zu den Novemberpogromen treffen sich Vertreter aller 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in New York. Der Ausschuss für besondere politische Fragen und Entkolonialisierung (»Vierter Ausschuss«) ist einer von sechs Hauptausschüssen der UN-Generalversammlung. Der Dresscode hier ist bunter als bei Gedenkveranstaltungen, und statt Betroffenheit trägt man die eigene Wichtigkeit vor sich her. Neun Resolutionen werden im Vierten Ausschuss an diesem Tag gegen Israel verabschiedet, keine einzige zu irgendeinem anderen Land der Welt. Deutschland und Österreich stimmen wie die anderen EU-Staaten achtmal gegen Israel und enthalten sich einmal der Stimme. Das Wichtigste einer Nation sind die moralischen Werte.

Und Raketen fallen auf Ashkelon.

Es schneit. Doch der Winter wird gehen wie er gekommen ist. Wir werden uns wieder an der Frühlingssonne wärmen, werden unter der sommerlichen Hitze stöhnen und an lauen Herbstabenden bis in die Nacht hinein im Freien sitzen, bevor erneut der Winter naht.

Im November sind dann wieder Gedenkveranstaltungen. Weniger als heuer, weil es kein Jubiläum zu begehen gilt, aber die Worte werden nicht weniger fein gedrechselt werden, die Schuhe nicht weniger blank geputzt. Die Anzüge werden wieder dunkel sein, die Kostüme dezent, und die Gesichter werden ihre würdevollste Miene tragen. Die Redner werden von ihren Reden und ihrer Bedeutung gleichermaßen ergriffen sein. Das Publikum wird wieder so tun, als hörte es alles zum ersten Mal.

Und Raketen werden fallen auf Ashkelon.

Epilog

Von 12. bis 13. November 2018 wurden innerhalb von 24 Stunden 470 Raketen und Granaten vom Gaza-Streifen auf Israel abgefeuert. Mehr als siebzig Menschen wurden dabei verletzt, in Ashkelon wurde ein Mann getötet. Mahmoud Abu Asabeh stammte aus Halhoul, einer kleinen palästinensischen Stadt nordwestlich von Hebron, er hatte in Israel gearbeitet. Nach dem Waffenstillstand drohte der Hamas-Führer Yahya Sinwar, das nächste Mal werde es Tel-Aviv treffen.

Zuerst erschienen auf mena-watch

 

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