Feuilleton

Mit Opa demonstrieren?

Photo: Washington Area Spark, CC BY-NC 2.0

Lächerlich, peinlich, unwirklich

Sie erinnern sich gerne an die Sechziger Jahre, die Omas und Opas heute, und erzählen stolz wie sie gegen Vietnam und eine bürgerliche Elite in den Straßen demonstrierten, auch wenn es hier in Europa eher ein unterhaltsames, gesellschaftliches Ereignis war, im Vergleich zu den Brutalitäten der US-Polizei und Armee-Einheiten gegen die Anti-Vietnam-Bewegung.

Doch es entwickelte sich ein wichtiger Protest, der den Generationskonflikt überlagerte mit Zweifel am politischen Establishment, dessen Werte und Wichtigkeiten, mit neuer Musik, neuen Ideen für gesellschaftliche und politische Strukturen und dem grundsätzlichen Sinn des Daseins. Philosophen, Politwissenschaftler, Musiker, Schriftsteller, bis hin zu Modeschöpfern, definierten ihre Generation neu und im Widerspruch zu der Eltern-Generation. Der Zweifel und die Kritik an den Errungenschaften des Establishments war die Grundlage der Bewegung.

Ich erinnere mich an eine Deutsch-Stunde in der Unterstufe des Gymnasiums, als der im Grunde genommen fortschrittliche Lehrer eine Diskussion über die Musik der Beatles im Unterricht begann und die Schüler aufforderte, zu erklären, warum sie glaubten, dass diese Pop-Sänger Künstler wären, vergleichbar mit seinen »Helden« aus Oper und Konzertsaal. Als Vierzehnjähriger meldete ich mich damals zu Wort und sagte einfach, da Kunst von Können komme, und die Beatles zweifelsfrei etwas konnten, könnte man sie auch als Künstler bezeichnen. Der Lehrer lachte und meinte mir in wenigen Sätzen zu beweisen, dass ich Unrecht hätte und die Beatles so wie alle anderen Pop-Musiker keine Ahnung von Kunst hätten. 

In den Sommerferien 1965 arbeitete ich im Süden von London in einer chemischen Fabrik. In den Wochen, die ich in England verbracht hatte, überraschten die Beatles mit dem Lied »Yesterday«. Es ist kaum mehr zu beschreiben, wie wir Jungen auf dieses Lied reagierten, es war ein Kulturschock. Plötzlich bewiesen unsere »Helden«, dass es nicht nur um Rhythmus und Geschrei ging, sondern dass sie auch fähig waren, ein langsames, stimmungsvolles und romantisches Lied zu schreiben. 

Meine Tanten in London hatten mir ein Zimmer in Hampstead gemietet. Die Fabrik lag in Stockwell, also eine lange Fahrt mit der Northern Line vom Norden in den Süden von London. Als ich an diesem Tag am Abend von der U-Bahn-Station nach Hause ging, an dem Paul McCartney »Yesterday« vorstellte und die Schallplatte verfügbar war, sah ich in den Straßen die Fenster vieler Wohnungen weit geöffnet, und das Lied konnte man überall hören. Aus vielen Wohnungen erklangen die Stimme und das Gitarrenspiel von Paul, die stolzen Besitzer der Platte drehten die Plattenspieler auf volle Lautstärke, und die ganze Straße klang wie ein Konzertsaal. 

Wir erlebten damals die Provokation und den Konflikt mit der älteren Generation als wichtige Selbstfindung, als Solidarität untereinander, und waren überzeugt, eine bessere Welt zu schaffen, vor allem mit besserer Musik. Entscheidende Motivation der Bewegung waren die Unterschiede. Die Unterschiede in Kleidung, Musik, Lebenseinstellung, politischen Ansichten, Einstellung zur Sexualität, Kunstverständnis und der Auswahl der Urlaubsorte. Wir erlebten es als Kampf. Die Eltern eines Freundes in London warfen seine Beatles-Platten in den Mülleimer und verbrannten die bunten Glockenjeans. Ein anderer in Berlin fand Dokumente, dass der Vater ein ehemaliger SS-Offizier war und sprach nie wieder ein Wort mit ihm, und eine Bekannte in Frankfurt zog aus der Villa der Eltern aus, nachdem sie die Fabrik in Indien gesehen hatte, wo die Hemden des Unternehmens produziert wurden. Wir definierten uns als eine Generation, die alles anders wollte und die »alte Welt« verachtete. 

Was für ein Unterschied zu den Protestbewegungen heute – einer anscheinend generationslosen Bewegung. Als der österreichische Präsident Van der Bellen den Schülerstreik gegen Klimaveränderung und die Demonstrationen als notwendigen Aufstand gegen die Zerstörung der Umwelt lobte, bedankten sich die »Aufständischen« für die netten Worte.

Wenn allerdings Opas und Omas den Protest ihrer Enkel unterstützen und voller Bewunderung kommentieren – tut mir leid, aber da kann etwas nicht stimmen. Die Auflösung des Generationskonfliktes macht mehr Angst als alle Ursachen der Demonstrationen. Es verlieren alle drei Generationen ihre Identität. Die Kinder denken wie die Eltern, die Großeltern wie die Enkel, und alle freuen sich über die Gemeinsamkeiten.

Manchmal sehen auch alle drei Generationen gleich aus, tragen ähnliche Kleider, benehmen sich vergleichbar, benutzen die gleichen Worte und vergnügen sich mit den gleichen Aktivitäten. Opa will dem Enkel beweisen, wie jung er noch ist/denkt, wie sehr er diese Generation verstehe und wie stolz er sei, dass die Enkel dort weitermachen, wo er zu früh aufgehört hat. Die Alten sind nicht alt, denn wer ist schon alt heute, und die Jungen nicht mehr jung, denn wer will schon als unerfahren, naiv, unbelesen und meinungslos gelten. Greta, als zeitlose Sechzehnjährige, die von Greisen genauso bejubelt wird wie von Kindergarten-Kindern, spiegelt eine Epoche wider, in der Menschen ihr reales Alter an der Garderobe abgegeben haben, sich in konservierter Zeitlosigkeit so alt fühlen wie sie sein wollen.

Anlässlich der Klima-Demonstrationen in London flogen einige britische Hollywood-Schauspieler/Innen aus Los Angeles Erster Klasse ein und hielten motivierende Reden. Sie gaben begeisterte Interviews bis sie wieder zurück mussten zum Flughafen, um den nächsten Drehtag nicht zu versäumen. Grauhaarige Stars sprachen zu jungen Müttern, die mit Kindern in Kinderwägen kamen, die T-Shirts mit Klima-Protesten trugen. Als wären sie alle unter Drogen, verfielen Drei- bis Neunzig-Jährige in einen gemeinschaftlichen Freudentaumel und feierten den Beginn des neuen Klimas und einer alterslosen Solidarität.

Auf den Fotos und TV-Filmen der Marschierenden und Protest-Sitzenden fallen manchmal ältere Herrn und Damen auf mit grauen längeren Haaren, bei den Männern oft der Rest am Hinterkopf zusammengebunden, in lockerer, weiter Kleidung, immer einen Schal um den Hals und einfachem Schuhwerk. Ebenso uniformiert wie ihr Aussehen sind die Worte, die sie hastig und nervös ins Mikrofon stammeln, als wäre es ihre letzte Chance, kurz vor dem Ende des Lebens noch einmal eine imaginäre Bühne zu nutzen. Sie äußern sich immer begeistert über das Engagement der Jugend und sehen auch keine Unterschiede zwischen sich selbst und Menschen, die fünfzig Jahre jünger sind. Sie wirken lächerlich und peinlich, unwirklich, und die biologische Realität leugnend, versuchen sie sich zu zeigen, wie sie gern sein würden – aber sie sind es nicht und wirken wie Schauspieler, die durch den guten Kontakt zum Produzenten eine Rolle bekamen, die eigentlich jemand hätte übernehmen sollen, der zwanzig Jahre jünger ist.

Die Solidarisierung und das Verständnis der Alten gegenüber den Jüngeren ist keine Unterstützung, sondern im Gegenteil, es raubt der jungen Generation den notwendigen Konflikt und wichtige Reibflächen, um das »Alte« zu überwinden, zu besiegen, zu zerstören und das »Neue« zu bilden. Verweigert man einer Generation den Generationskonflikt, so zieht man ihr den Boden unter den Füßen weg, destabilisiert sie und macht sie während der Entwicklungsjahre bereits zu alten Frauen und Männern, bevor sie überhaupt die Chance hatten, erwachsen zu werden.

 

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