Feuilleton Österreich

Mercedes Echerer

Echerer Copyright Roman Picha 2

Die Normalität der Kunst

In einem Café im 8. Bezirk in Wien sitzt im Hinterzimmer eine Gruppe von Autoverkäufern, eng an einander gedrängt mit zu vielen Sesseln um den kleinen Tisch, und lachen laut über ein Erlebnis, das einer der Kollegen erzählt, heben ihre Biergläser und prosten einander zu.

Der neben dem Erzähler Sitzende, motiviert durch die aufgeregten Reaktionen der Zuhörer, beginnt mit seiner Anekdote und auch er bekommt die Begeisterung der Kollegen, und so geht es weiter in der Runde, von einem zum anderen, lauter und lauter, bis wir beide, Mercedes Echerer und ich, die wir ein anderes Eck im Hinterzimmer aufgesucht hatten, um in Ruhe mit einander zu sprechen, unsere eigenen Worte kaum mehr verstehen. Für einen Moment verliere ich die Aufmerksamkeit und versuche den Bericht eines laut und nervös erzählenden Verkäufers zu verstehen, doch es bleibt nur als Lärm in meinem Kopf zurück, bis ich die Gruppe ersuchen, etwas leiser zu sein. Mercedes Echerer fügt noch freundlich hinzu, dass wir hier ein Interview machen würden und ersucht ebenfalls um mehr Ruhe, allerdings mit einer Stimme, die weitaus mehr Eindruck hinterlässt als meine.

1963 in Linz geboren und zweisprachig aufgewachsen mit einer Mutter aus der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien, betont sie die Wörter obwohl in perfektem Hochdeutsch ausgesprochen eine winzige Spur anders, und die Sprache mit dem Klang der Stimme wird dadurch messerscharf und klar. Doch es ist nicht eine Technik, die einen gewissen Einfluss auf andere ermöglicht. Dahinter steckt mehr, der Wille, durch Sprechen den Kontakt zu suchen, Brücken zu bauen, mit Worten zuerst jemanden an sich zu ziehen, ihn an der Hand zu nehmen und in eine andere Welt zu führen.

Später im Interview spricht sie von einer Verantwortung, die diese Begabung mit sich bringt, in dem jedes Referat, jede Rede, selbst eine harmlose Unterhaltung oder auch ein Streit durch die Kraft der Sprache immer auch eine politische Dimension habe. Wenn man andere beeinflussen könne, würde das auch eine große Verantwortung mit sich bringen.

Hier im Café hat es die Wirkung, dass die Autoverkäufer plötzlich verstummen, sie entschuldigen sich sogar, und einer von ihnen dehnt das Wort ‚entschuidig’n‘ in perfektem Wiener Dialekt. Dann allerdings sprechen sie weiter, genau so laut wie zuvor und auch wir beide werden lauter, beugen uns über das Mikrophon, damit ja nichts verloren geht.

Stimme und Sprache 

Die »Stimme« erinnert an die Gespräche, die Mercedes Echerer einst auf Ö1 in der Sendung »Café Sonntag« geführt hatte, als zwei, die einander gut kannten oder nie zuvor gesehen hatten, innerhalb weniger Minuten intensiv sich unterhielten und eine spannende Sendung boten. Es sei dieses »Mit einander Reden« gewesen, wie es Mercedes Echerer beschreibt, das die Sendung so wertvoll und beliebt gemacht hätte, keine vorbereiteten Interviews, sondern Dialoge, die überall hinführen konnten. Stimme und Sprache sind Mercedes Echerers Visitenkarte in der Welt der Kultur, aber auch der Politik, wo sie 1999 bis 2004 als Abgeordnete für die Grünen ins EU-Parlament gewählt wurde. Als Schauspielerin, Regisseurin, bei Diskussionen und Lesungen setzt sie dieses Werkzeug der Kommunikation gekonnt und überzeugend ein und zwingt mit einfachsten Mitteln zum Zuhören.

Kulturelle Vielfalt ist bei Mercedes Echerer kein Klischee der Selbstdarstellung. Eines ihrer neuesten Projekte beschreibt das Schicksal der ungarischen Krankenschwester Erzsebet Fekete. Der ungarische Regisseur Arpad Schilling, in seiner Heimat als »Staatsfeind« vom ungarischen Parlament verurteilt, bearbeitete mit seiner Coautorin Eva Zabezsinskij den Protest der ungarischen Krankenschwester und schuf daraus eine Bühnenfassung. Grundlage ist eine wahre Begebenheit, als die später berühmte Krankenschwester im Jahr 2015 eines Tages nicht im üblichen weißen Schwesterngewand zur Arbeit kommt, sonst schwarz gekleidet und auf die Frage, warum sie in schwarz kommen würde, antwortet, sie trauere um ihren Berufsstand. Ihrem Protest schlossen sich die Kollegen und Kolleginnen des Krankenhauses an, wo sie arbeitete, später andere in Budapest, bis sich eine landesweite Solidarität gegen die katastrophalen Zustände des Gesundheitswesens in Ungarn entwickelte. Doch das System schlägt zurück. Die Krankenschwester bekommt eine Auszeichnung, gleichzeitig beginnen Mobbing und Attacken gegen sie. Kurze Zeit später wird ihre Krankenstation geschlossen.

Als Regisseurin versucht Mercedes Echerer die Gratwanderung bei der Inszenierung des »Tag des Zorns« (in Wien und Villach) zwischen Tragödie, Satire und Parodie und bekommt hervorragende Reaktionen von Publikum und Kritikern.

Die neue Welt des Theaters 

Die Welt des Theaters habe sich verändert, sagt Mercedes Echerer. Ein Erfolg in einem kleineren Theater bedeute nicht, dass es so wie vor vielen Jahren von größeren Häusern übernommen werde. Es gäbe einerseits mehr Theaterstücke, und anderseits zeigen Theater immer öfter Bühnenfassungen von Büchern und Filmen. Ein Konzept, ein Thema, ein Jubiläum genüge, und es würden Stoffe gesucht und für das Theater vorbereitet werden. Das könnte auch ein erfolgreicher Film sein. Dafür sucht man einen Autor, der Erfahrung mit der Bearbeitung von Filmen hat und nicht das bereits geschrieben Stück, das eventuell das gleiche Thema behandelt.

Wir wandern herum in der Welt der Filme, Theater und TV-Shows, wo Mercedes Echerer überall aktiv war und ist und landen plötzlich bei der simplen Unterhaltung, dem nicht übersetzbaren englischen Wort »Entertainment«. Das vermisse sie im deutschen Sprachraum, beklagt sie, das Wort habe im Deutschen einen negativen Beigeschmack und britische Vorbilder seien nicht immer übertragbar. »It‘s just entertaining« könne man eben nicht übersetzen mit »es ist nur Unterhaltung«. Entertainment – Unterhaltung für Geist und Seele ist auch niemals anspruchslos! Die niveauvolle Unterhaltung hatte einst eine Tradition, wenn man an die »Telefonbuchpolka« denkt, die Peter Alexander gesungen, jedoch Georg Kreisler geschrieben hatte, und erst die Nennung des Autors gab dem Lied plötzlich eine gewisse Bedeutung. Ein verkrampfter Anspruch an den Humor habe den Humor zerstört, er gehe meist schon auf dem Weg von der Idee zum Produkt verloren.

Fehlendes Entertainment im Bereich der kulturellen Unterhaltung sei allerdings nur ein kleiner Teil des Problems, ein anderer ist das enorme und immer noch steigende Angebot an kulturellen Veranstaltungen für ein Segment der Bevölkerung, das nicht größer wird. Allein in Wien gäbe es 300 kulturelle Veranstaltungen pro Tag, erklärt Mercedes Echerer, von der Diashow einer Reise nach Tibet bis zur Opernaufführung für einen Bevölkerungsteil, der seit Jahren stabil ist. Dazu komme, dass sich der Entscheidungsprozess, welche Veranstaltung man besuche, verändert habe. Man nehme nur das Problem der Abonnenten, früher ein heiß umkämpftes Privileg bei vielen Theatern. Wenn heute ältere Abonnenten das Land verlassen oder sterben, wird plötzlich das Abo nicht mehr automatisch von der nächsten Generation übernommen. Die Jungen wollen kein Abo. Sie wollen sich frei entscheiden, jeden Tag, je nach Angebot. Sie schauen im Internet nach und treffen spontan eine Entscheidung. Die Gemeinschaft des Publikums, als man den Besucher auf dem Sitz neben sich kannte, ist jetzt eine andere. So genannte Gemeinsamkeiten finden sich auf Facebook oder anderen Internetforen.

Diese Veränderungen sind problematisch, besonders für die Theater, und hätten einen Einfluss auf Planung und Kalkulationen. Theater müssten sich der Konkurrenz der Spontanität stellen, Angebote entwickeln, die für das »spontane« Publikum attraktiv seien. Mercedes Echerer könne sich vorstellen, dass Inszenierungen von Filmen für die Bühne besonders junge Menschen interessieren, Bühnenfassungen von Romanen eher das ältere Publikum ansprechen würden. Die Strategien seien durchaus legitim und es kämen teils exzellente Produktionen auf den Markt, doch das Problem sei die Bindung an ein Theater, die man mehr und mehr verliere, und damit auch eine gewisse finanzielle Sicherheit bei der Planung von Projekten.

Das sei kein Generationsproblem, meint Mercedes Echerer. Die Jungen würden weiter ins Theater gehen. Man könne sie überall in den traditionellen Häusern finden wie Burgtheater, Akademietheater und Josefstadt und vor allem in den Klein- und Kleinstbühnen, wo interessante, neu Stücke geboten werden. Auch die ältere Generation trifft man weiter in den bekannten Häusern als auch in den kleineren Theatern, doch wo ist die Altersgruppe dazwischen geblieben? Sie vermisse den Mittelbau, warum würden die Dreißig- bis Fünfzigjährigen immer weniger ins Theater gehen? Niemand weiß darauf eine Antwort.

Echerer ist noch lange nicht fertig mit ihrer Analyse der aktuellen Situation des Theaters. Ihr Tee ist inzwischen kalt geworden. Die Gruppe der Autoverkäufer am Nebentisch ist immer noch so laut wie vorher, doch auch das stört sie nicht, wenn sie über das Theater spricht. Sie redet aufgeregt und doch konzentriert und macht keine Pausen, mit perfekten und treffenden Formulierungen als hätte sie ein Referat vorher einstudiert, doch es ist eben kein Vortrag, begann als spontanes Gespräch, das mehr und mehr zum Monolog wird und mich in die Rolle des faszinierten Zuhörer drängt. Es gibt Interviews, bei denen man als Journalist froh ist, mit vorbereiteten Fragen zu kommen und nach den meist kurzen Antworten vom Zettel die nächste Frage abliest. Doch manchmal hat man das Glück, einfach nur da zu sitzen und zuzuhören, als bekomme man eine private Vorstellung mit einer überzeugenden Präsentation und Inhalten, die einem bei der Vorbereitung der Fragen nie in den Sinn gekommen wären.

100 neue Schauspielerinnen und Schauspieler

»Und jetzt kommt noch etwas dazu«, sagt Echerer und nimmt doch einen Schluck des kalt gewordenen Tees, ruft den Ober und bittet ihn, den Tee mit heißem Wasser aufzugießen. »Wir produzieren in Österreich zwischen achtzig und hundert Schauspielerinnen und Schauspieler pro Jahr, also nicht im deutschsprachigen Raum, sondern nur in Österreich! Jedes Bundesland hat mehrere Schauspielschulen, neben den staatlichen noch etliche private Institute. Die Produzenten, die auf diese 100 neuen Schauspielerinnen und Schauspieler gewartet haben, wurden allerdings noch nicht geboren, auch nicht die Theaterintendanten. Das ist einfach nicht zu schaffen, diese Menge an jungen Talenten auch nur zu beobachten. Also was tun sie?

Schauspieler müssen gesehen werden, also entwickelten viele Absolventen ihre eigene parallele Theaterwelt, selbständig, mutig, eigenverantwortlich und mit geringer oder ganz ohne finanzielle Unterstützung. Das klingt vorerst sehr ermutigend und kreativ und ist auch nicht ganz neu, nur die Rahmenbedingungen sind trügerisch. Interessiertes Publikum, neugierige Öffentlichkeit, erste Anerkennungen und künstlerische Erfolge motivieren zum Totaleinsatz. Die Ausbeutung der eigenen Ressourcen ist selbstverständlich und dieser unbezahlte Einsatz wird dann am Markt vorausgesetzt. Das darf aber nicht sein. Schließlich lebt der Mensch nicht von Luft und Theater alleine und die Miete muss auch bezahlt werden. Diese enorme Arbeitsleistung rund um den eigentlich kreativen Prozess muss erkannt und gewürdigt werden. Wenn nicht so hat auch dies einen drastischen Einfluss auf die Finanzierung von Projekten. Die Verantwortung wird immer mehr zu den Kreativen verlagert, vor allem am freien Markt, aber nicht nur dort.

Mercedes Echerer erklärt das an Hand eines Beispiels, den Lesungen: »Früher rief man mich an und bat mich, zu einer Lesung zu kommen. Ich sah mir den Text an und fragte nach der Bezahlung, und wenn alles zusammenpasste, fuhr ich hin, machte die Lesung, übernachtete, die Spesen wurden bezahlt, ich kassierte die Gage und fuhr wieder nach Hause. Heute muss ich einen Veranstalter kontaktieren, um eine Lesung zu organisieren und ihm eine gewisse Anzahl verkaufter Karten garantieren, bevor wir über eine Aufteilung der Einspielung verhandeln können. Das bedeutet, ich muss mich um die gesamte Werbung kümmern, was früher der Veranstalter übernommen hatte. Die Vorbereitung und die Vermarktung liegen beim Künstler. Bei der Digitalisierung sind die Investitionen nicht sehr unterschiedlich zwischen großen und kleinen Häusern, zwischen den Salzburger Festspiele und einer kleinen, experimentellen Bühne. Selbst bei Kleinstbühnen fällt schon einmal die Hälfte der Besucher weg, wenn man Karten nicht online kaufen könnte und stattdessen anrufen müsste. Das digitale Service und damit der Aufwand ist allerdings der gleiche wie bei der Staatsoper«.

Der Markt verlangt heute einen gewissen Service, den wir alle bieten müssen: Funktionierende Websites, aktuelle Fotos am laufenden Band, ständige Erreichbarkeit, selbstredend ist man auf den wichtigsten Social Media vertreten, hat eigene Pressesprecher und noch mehr. Alles nötige Investitionen in die eigene Marke und in der Regel – rühmliche Ausnahmen bestätigen diese Regel – liegt auch die Vermarktung der einzelnen Projekte beim Künstler mit dem Ergebnis, dass wir Kulturschaffende um das gleiche Geld mindestens doppelt so viel arbeiten. Oft bleibt zu wenig Zeit für die eigentliche Arbeit – die künstlerische.

Auf aktuelle Projekte angesprochen beschreibt Mercedes Echerer mit Begeisterung das Programm »Rumänisches Roulette«, das sie selbst zusammengestellt und geschrieben hatte: »In Rumänisches Roulette erzähle ich gemeinsam mit mehreren Jazzmusikern meine eigene Lebensgeschichte. Eine EU-Politikerin muss ausgerechnet am 23.12. zu einem Treffen mit dem Europaminister Rumäniens. Auf dem Weg zum Flughafen wird ihr Taxi überfallen, sie wird auf die Straße geworfen mit dem, was sie am Leib trägt, einen Tag vor Weihnachten im Nowhere Land mitten in Siebenbürgen. Sie tippelt ins nächste Dorf, das heißt Fleck, bittet die Polizei um Hilfe, die nach einem Ausweis fragt, sie hat jedoch weder Telefon noch Ausweis. Das Internet auf der Polizeistation funktioniert nicht, die eigene Familie sitzt im Flugzeug und kann nicht erreicht werden, alle anderen Nummern kennt sie nicht auswendig. Da fällt ihr ein, dass sie noch einen Verwandten im Dorf hat. Die Polizei ruft ihn an, er sagt, er kenne die Frau nicht und legt auf. Sie muss eine Nacht auf der Polizeistation verbringen und versucht, ihre eigene Familiengeschichte in dieser Region zu verstehen und zu hinterfragen. Dabei fällt ihr der Satz von Kennedy ein: Denk nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern, was könntest du für den Staat tun – und sie überträgt das auf ihre Familie«.

Das Stück liege ihr sehr am Herzen und sie freue sich sehr, dass es so gut ankommen würde. In den nächsten Monaten werde es Aufführungen im Frankfurt, Budapest, Rumänien geben, München, Hamburg sind in Verhandlung.

Nach all der Kunst kommt Mercedes Echerer wieder auf die Macht der Sprache und beschreibt plötzlich ein Erlebnis in einer voll besetzten Straßenbahn, als sie einen jungen Mann direkt ansprach, ob er aufstehen würde, damit sie sich setzen könne. Er sei nicht böse gewesen, hätte eher erstaunt reagiert, sich sogar später bedankt über die freundliche Behandlung. Es habe ihn noch nie jemand mit »Sie« angesprochen und so höflich um einen Gefallen ersucht. Auf meinen Einwand, der hätte auch anders reagieren können, antwortet sie: »Sicherlich, aber wenn ich diesen Schritt wage, muss ich auch in der Verfassung sein, mit einer Reaktion umgehen zu können. Es geht dabei nicht um die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man anspricht, sondern um einen selbst, ist man bereit, dieses Risiko einzugehen und hat man den Mut auf andere zuzugehen. Nicht, was kann ein anderer für mich tun, sondern, was kann ich tun, um dem anderen zu helfen. Jeder hat die Verantwortung, in seinem Raum auf andere zugehen, er muss sich nur trauen!«

Nach unserem Gespräch, in der Straßenbahn sitzend, kommt mir der Begriff »faszinierende Frau« in den Sinn und ich ärgere mich über dieses strapazierte Klischee, das für alles und nichts benutzt wird. Dann beruhige ich mich und überlege, was er für mich bedeuten würde, und komme wieder zu Mercedes Echerer, der ich – und das sage ich ganz ungeniert als Mann – zurückgelehnt mit geschlossenen Augen stundenlang einfach nur zuhören könnte.

 

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