Österreich

Da Papa wird’s scho richtn

Korruption, der Blutkreislauf Österreichs

Da Papa wird’s scho richtn
Des ghört doch zu den Pflichten
Von jedem Herrn Papa
Und brauch ich einen Postn
Dann lasst er sich’s was kostn
Sunst frog ich mich »Zu wos’n
Is er sonst da?«

Das ist nur eine Strophe dieses Liedes, Text und Musik von Gerhard Bronner, gesungen von Helmut Qualtinger, mit der zeitlosen Botschaft, dass es sich in der Alpenrepublik ›richten‹ lässt, vom Job in der Atomkommission bis zum vertuschten Autounfall – wie es in einer anderen Strophe des Liedes heißt. Der österreichische Karriereweg. Mit den richtigen Beziehungen ist alles möglich. Hast du die nicht, auch nicht dein Vater, deine Mutter und keiner deiner Verwandten, verlasse das Land und versuche es woanders.

Also, warum jetzt plötzlich die Aufregung über parteipolitischen Einfluss bei Besetzungen durch die FPÖ, oder der Aufschrei, als der Kärntner Landeshauptmann seinen noch studierenden Sohn als Abgeordneten im EU-Parlament versorgen wollte, wo doch der zukünftige Vertreter in der EU in einem Interview erklärt hatte, er sei der ideale Kandidat, da er im slowenischen Gymnasium beim Fußballspiel erleiden musste, wie es Mitgliedern von Minderheiten gehe, für die er sich im EU-Parlament einsetzen werde.

Österreich ist ein funktionierendes Beziehungsnetz für ›Auserwählte‹, Nepotismus ist kein Fremdwort hier, sondern eine erzieherische Maßnahme der Eltern gegenüber ihren Kindern, die von klein auf darauf vorbereitet werden, dass es mit Papas oder Mamas Hilfe nach ›oben‹ schon klappen werde. Das Lied ›Der Papa wird’s schon richten‹ ist eine Kurzfassung der psychoanalytischen Diagnose des alpenländischen Karriere-Denkens.

Eine Ärztin in Chicago, die mich einst untersuchte, stellte sich als Österreicherin vor, sie hatte mich am Akzent erkannt, und mir kam ihr Englisch auch nicht ganz geheuer vor. Sie sei Internistin in den USA, habe in Wien studiert und dann die zusätzlichen Prüfungen in Amerika gemacht. Wie es ihr hier gefalle, fragte ich sie. Überhaupt nicht, antwortete sie und lachte, Wien gehe ihr ab, sie sei jedoch froh, in Chicago arbeiten zu können. Dann erklärte sie mir, warum sie wegging. Nach dem Studium sei es unmöglich gewesen, einen Platz für die Facharzt-Ausbildung zu bekommen. Ständig seien ihr andere Absolventen vorgezogen worden, obwohl diese länger für das Studium gebraucht hätten und schlechtere Noten hatten – aber sie waren die Söhne und Töchter von Ärzten oder hatten andere Beziehungen. Es entstehe dadurch eine Auswahl der Inkompetenz, erklärte sie mir, denn nicht die Besseren oder Besten würden zu Karrieren zugelassen werden, sondern jene mit den besten Kontakten. Hier in den USA werde sie nach einen Punktesystem befördert oder eben nicht, das die Qualität und den Erfolg widerspiegelt. 

Die entscheidenden Fragen, die man sich selbst und seiner Umgebung in Österreich bei der Besetzung einer Position stellt: wen kenne ich, wen kennen meine Eltern, wer hat Einfluss, welcher Partei wurde diese Position versprochen, bei welcher Partei ist der zukünftige Chef, wer ist jetzt im Sinne der Verteilung zwischen den Parteien an der Reihe, wer schuldet mir etwas, was könnte ich für den/die tun, der/die die Entscheidung trifft, gibt es andere Mitgliedschaften bei Organisationen, vom Alpenverein bis zum ÖAMTC, die helfen könnten?

Bevor noch Fähigkeiten hinterfragt werden, kommt es zur Entscheidungs-Analyse, der Besetzungs-Bedingungen und des Besetzungs-Geflechts. Und die ältere Generation prahlt dann eher mit dem eigenen Beziehungsnetz als mit dem Talent der Tochter oder des Sohnes.  

»War eine Kleinigkeit für mich, hat mich einen Anruf gekostet, und mein Sohn hatte den Posten«, erzählen Väter stolz am Stammtisch oder vor Freunden und rühmen sich ihres korrupten Verhaltens. Ihre Kinder, die sich um Stellen bewerben, werden mit dem Satz beruhigt: »Lass nur mich machen, ich kenne da jemanden.« Und die auf diese Art und Weise Beförderten agieren ebenso, wenn sie einmal selbst Kinder haben. Es setzt sich fort von einer Generation zur nächsten.

Korruption beginnt lange vor der Bestechung. Sie fließt dem Österreicher durch den Blutkreislauf in alle Körperteile, ist überall zur Stelle und jederzeit abrufbar. Der Griff zum Telefon die automatische Reaktion zur Problemlösung. Ein Konflikt ist nur so gefährlich wie das fehlende Netzwerk zur Konfliktlösung. Lange Zeit funktionierte die Aufteilung des Einflusses zwischen den beiden Parteien ÖVP und SPÖ, inzwischen haben sich FPÖ und Grüne dazugesellt. Das Verhalten ist parteilos, demokratisch gerecht verteilt und ideologielos. In der Vergangenheit ein oft gehörtes Argument: »Diesmal haben wir keine Chance, mit noch so guten Kontakten, denn jetzt sind die anderen an der Reihe. Vorher war es doch einer von uns.«

Österreich hat so immer gut funktioniert. Aus der geplanten demokratischen Gesellschaft mit möglichst gerecht verteilten Chancen wurde eine Diktatur des Mittelmaßes. Die Kleinbürger siegten in diesem Land und besetzten Positionen und Besetzungsgremien, damit ja niemand dazwischenkommen könnte. Man höre sich nur eine Debatte im österreichischen Parlament an und dann eine Übertragung aus dem britischen Parlament. Eine Rede eines Wiener Bürgermeisters im Vergleich zu einer des Bürgermeisters von Paris oder Rom. 

Natürlich gibt es Bereiche, in denen sich Qualität durchsetzt, wie in der Privatindustrie, die Gewinn machen muss, und in der Kultur, wo Orchester, Museen, Theater und Opernhäuser sonst nicht überleben würden. Doch im großen Bereich der verstaatlichten Industrie, den Beamten, halbstaatlichen Institutionen wie ORF, Krankenkassen, Gewerkschaftsbund, staatliche Krankenhäuser und Dutzenden anderen Institutionen dominiert immer noch das gut-bewährte korrupte Beziehungsnetz. 

Und es wird sogar schlimmer. Die Karrierechancen für ›Beziehungslose‹ sind eher schlechter als besser geworden. Die meisten Studien beschreiben schwierige Situationen für Berufseinsteiger und Anfänger im Vergleich zur Vergangenheit. Universitätsabsolventen müssen Monate ohne Bezahlung arbeiten, um dann eventuell eine Stelle zu bekommen. Der Konkurrenzkampf hat sich verschärft, zumindest für jene, die nicht durch die Kontakte der Eltern ins System gedrückt werden.

Natürlich bedeutet eine parteipolitische Besetzung nicht automatisch, dass die bevorzugten Kandidaten keine entsprechende Qualität haben. Doch selbst die Begabten unter den ›Geförderten‹ werden durch diesen Prozess benachteiligt, denn ihre Qualitäten interessieren niemanden. Was zählt, ist die Zugehörigkeit, das Wir-Gefühl der Korruption, die Zufriedenheit jener, einen oder eine ›von uns« untergebracht zu haben.

Beamte sehen staatliche Systeme als ›ihre‹ Unternehmen, als ob es Familienbetriebe wären und versorgen ihre Freunde und ihren Nachwuchs entsprechend. Die Besetzung von Positionen durch politischen Druck wird nicht als korruptes Verhalten verstanden, sondern als berechtigte Intervention im Interesse der Partei. Die Versorgung von Parteifreunden als ein Ausdruck von Macht und Einfluss, der zeitlich begrenzt ist – daher muss in solchen Situationen schnell gehandelt werden. 

All das sind Einzelfälle, die ein Bild ergeben, in dem wie in einem Mosaik jeder Stein genau zu den anderen passt. Da alle mit den gleichen Methoden arbeiten, gleicht es sich auch aus zwischen Parteien, Interessenvertretungen, Organisationen, staatlich- und halb-staatlichen Unternehmen. Wenn jeder durch seinen Einfluss seinen Einfluss auf die Besetzung von Positionen durchsetzt, ergibt es das erwähnte Mittelmaß, das sich ausbreitet und unser Leben bestimmt – womit Österreich mit entsprechender Bescheidenheit in vielen Bereichen ganz gut auskommt.

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

 Über diesen Beitrag auf Facebook diskutieren