Feuilleton Österreich

Marko Feingold: A Mensch

Foto: Innenministerium Österreich (cropped), CC-BY-ND 2.0

1913 – 2019

›A Mensch‹ fasst im Jiddischen alles zusammen, was die meisten Menschen nicht sind (und die daher im Jiddischen zurecht unter ›A Unmensch‹ zusammengefasst werden). Heute ist Marko Feingold gestorben. Er war einer jener wenigen ›Menschen‹.

1913 in Wien geboren, arbeitete er nach einer kaufmännischen Lehre als Handelsvertreter und bereiste gemeinsam mit seinem Bruder vor allem Italien, bis er 1938 in Wien verhaftet wurde. Nach seiner Flucht nach Prag musste er weiter nach Polen, kam mit falschen Papieren zurück nach Prag und wurde wieder verhaftet. Von 1939 bis 1945 war er Häftling in vier verschiedenen Konzentrationslagern, zuletzt in Buchenland, wo er 1945 befreit wurde.

Nach dem Krieg ließ er sich in Salzburg nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte. Politisch sah sich Feingold immer auf der sozialdemokratischen Seite, trat jedoch in den 50er Jahren wegen antisemitischer Attacken und Polemik aus der SPÖ wieder aus. Heute ist er Ehrenmitglied der SPÖ. Er hielt sich nie zurück mit seiner Kritik am Antisemitismus in der SPÖ und sagte mehrmals in Interviews, dass nach dem Krieg »die Sozialisten die Schlimmsten« gewesen wären.

Als Präsident der Jüdischen Gemeinde Salzburg war das Schicksal der Juden nach dem Holocaust für ihn eine besondere Verantwortung. Er organisierte 1945–1948 mit der Flüchtlingsorganisation ›Bricha‹ die Durchreise von mehr als 100.000 Flüchtlingen nach Palästina.

Er selbst sah sich nie als Opfer, erwähnte immer wieder wie dankbar er sei, überlebt zu haben, und verweigerte sich dem oft kult-artigen Stil vieler ehemaliger Häftlinge, die sich gerne als ›Wir Überlebende‹ bezeichneten, die erlebt und überlebt hatten, was sich keiner vorstellen konnte, und was sie zu ›besonderen‹ Menschen gemacht hätte.

Für ihn war das Gemeinsame erstens das ›Jüdische‹ und zweitens alle anderen Menschen, die mit ihm reden und zusammenarbeiten wollten. Dabei machte er keine Unterschiede bezüglich der religiösen oder politischen Herkunft oder Überzeugung. Selbst in der Zeit des Boykotts während der Koalitionsregierung ÖVP-FPÖ unter Bundeskanzler Schüssel lud er Vertreter der FPÖ nach Salzburg und auch zu sich nach Hause ein. 

Ich selbst hatte das Glück, ihn immer wieder alle paar Jahre zu treffen, vor meiner politisch aktiven Zeit, während und auch danach. Für ihn gab es da keine Unterschiede. Ein Jude blieb ein Jude, unabhängig von seinen politischen Ansichten. Nicht dass er Antisemitismus verharmloste oder negierte, im Gegenteil. Er reiste als Vortragender herum, arbeitete mit Schriftstellern an Theaterstücken und gab immer wieder Interviews über seine Erlebnisse. In den Interviews beschränkte er sich nicht auf die Zeit des Holocaust und sprach sehr offen über den fortgesetzten Judenhass nach dem Krieg in Österreich, der in allen Parteien vertreten war. 

In einem Interview mit der deutschen Zeitschrift STERN sagte er: »Selbst bei den Sozialisten hieß es: Saujud, schleich dich!« und sprach in vielen Gesprächen immer wieder das Problem des Antisemitismus sowohl unter den Rechten als auch den Linken an. Er sah da wenig Unterschiede und ärgerte sich genauso über die eindeutig rassistischen Bemerkungen von FPÖ-Vertretern wie über die als ›Israel-Kritik‹ versteckte Polemik von Grünen.

Ich erinnere mich an ein Abendessen bei ihm zu Hause in Salzburg. Es war während der Zeit, als ich bei der FPÖ im EU-Parlament saß. Vor dem Treffen war ich nervös und unsicher, ob es eine gute Idee sei, ihn überhaupt zu besuchen, bei dem Wirbel, den meine Kandidatur für die FPÖ in der Jüdischen Gemeinde in Wien ausgelöst hatte. Doch er überraschte mich. Wir sprachen über die FPÖ, über Haider, und Feingold stellte eine Frage nach der anderen, ohne mich zu belehren oder als Schulmeister aufzutreten. Er entschuldigte nichts, reagierte kritisch auf viele Ereignisse, doch konfrontierte er mich nicht mit einer vorgefassten Meinung, sondern wollte einfach nur wissen, warum ich diesen Schritt getan hätte und was meine Erfahrungen wären. 

Er war ›A Mensch‹, ein offener, positiver Charakter, gutmütig und hilfsbereit, fast zu gut für diese Welt, der das Leben liebte und Ärger, Wut und Misstrauen zu vermeiden versuchte. 

Als ich damals seine Wohnung verließ, nach einem ausführlichen Abendessen und langen Gesprächen, dachte ich mir, was ich mir nach jedem Treffen mit ihm dachte: Warum konnte ich nicht auch so sein wie er…

 

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