Feuilleton

Me too – but not you

Eine situative Empörungs-Kultur

Ich mache mich wahrscheinlich (mit)schuldig mit diesem Beitrag. Er ist für manche eventuell verharmlosend und relativierend, lenkt ab von den wahren Problemen und versucht vielleicht sogar die Schuldigen zu entschuldigen. Mit dem Vorwurf ist zu rechnen.

Das ist keine gute Zeit für Zögern oder Zweifel. Verurteilt und schuldig gesprochen wird man schnell von all jenen, die als machtvolles Kollektiv derzeit auftreten, um den – sicherlich real existierenden – stillschweigend geduldeten sexuellen Missbrauch aufzudecken, zu thematisieren, anzuklagen und hoffentlich zu beenden.

Das Thema eignet sich nicht für Diskussionen. Dazu kann es nur eine einzige Meinung geben, nur eine Haltung, nur eine Position.

Irgendwer, und es ist auch völlig egal wer (ich habe diesmal auf das Recherchieren verzichtet), hat im Internet Frauen aufgefordert, mit Me Too zu antworten, wenn sie ähnliche Erfahrungen wie die Opfer von Weinstein hatten, jedoch nie damit an die Öffentlichkeit traten. Und es haben sich viele gemeldet, vielleicht Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende, auch das wird irgendwo im Internet zu finden sein.

Daraus bildete sich ein Tsunami der Empörung und Solidarisierung, die alles mit sich riss. Es gab keinen Ort mehr, an dem Frauen nicht belästigt, gedemütigt und vergewaltigt wurden. Und sie meldeten sich in Unternehmen, politischen Organisationen, Parlamenten, Verwaltungen, Theatern, Universitäten, Schulen und anderen Strukturen, wo Männer und Frauen vertreten und voneinander abhängig sind. Sie thematisierten damit ein Problem, das, obwohl es bekannt war, nie zuvor in einer derartigen Breite diskutiert wurde.

Zwei Minuten Hass

Und trotzdem – auch wenn ich dieses ‚trotzdem’ jetzt schon bereue – erinnert dieser plötzliche und völlig überraschende kollektive Aufschrei an G. Orwells ‚two minutes of hate’ (zwei Minuten Hass), als sich die Belegschaft im totalitären System Ozeaniens jeden Tag einen Hass-Film gegen die Feinde der Partei ansehen musste und in eine Begeisterungs-Hysterie verfiel. Der Oberfeind hieß übrigens ‚Goldstein’, was reiner Zufall ist; neben Silberstein und Weinstein hat es schon lange vorher einen Bösewicht namens Goldstein gegeben.

Die Welle der Empörung, die sich jetzt über Social Media ausbreitet, musste damals noch in Form eines Films gezeigt werden, das Ergebnis war das gleiche:

In einem lichten Augenblick ertappte sich Winston, wie er mit den anderen schrie und trampelte. Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass-Sendung war nicht, dass man gezwungen wurde mitzumachen, sondern im Gegenteil, dass es unmöglich war, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Eine schreckliche Ekstase der Angst und der Rachsucht, das Verlangen zu töten, zu foltern, Gesichter mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern, schien die ganze Versammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so dass man gegen seinen Willen in einen Grimassen schneidenden, schreienden Verrückten verwandelt wurde. Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte, ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einem Gegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte.

Wie bei Orwell macht die Welle vor niemandem mehr halt.

Vor ein paar Tagen beklagte sich eine Schauspielerin, dass Ex-Präsident George Bush, also der ältere der beiden, heute 93 Jahre alt und im Rollstuhl sitzend, vor einigen Jahren – auch damals schon im Rollstuhl – sie von hinten unkorrekt berührt und einen eindeutig sexistischen Witz erzählt habe. Hat er das wirklich, der alte Haudegen, der im 2. Weltkrieg, nachdem sein Flugzeug getroffen worden war, stur weiterflog und den Angriff beendete, wie es sein Auftrag war?

Im Rollstuhl sitzend, kaum noch imstande, seine Arme zu heben, nach mehreren Schlaganfällen zittrig und nur mehr stammelnd, habe er die Frau unsittlich berührt und einen schlechten Witz gemacht. Nun wird er in den Medien in einer Reihe mit all den Weinsteins als sexistisches Schwein bezeichnet. Und er entschuldigte sich, wieder stammelnd, und kündigte an, in Zukunft seine zittrigen Arme nicht mehr zu heben und sie einfach brav auf dem Schoß liegen zu lassen.

Das Urteil

Die Täter sind bereits verurteilt, lange vor jeder Verhandlung. Weinstein hat alle Beschuldigungen abgestritten, doch das Urteil ist längst gefällt. Es gibt keine Organisation mehr, die ihn noch nicht ausgeschlossen hat.

Es geht um den Verdacht und die Betroffenheit und nie um Aussage gegen Aussage. Die Wiederholung von Franz Kafkas ‚Urteil’.

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Manche der Betroffenen fühlen sich verleumdet, haben nicht das Gefühl ‚etwas Böses getan zu haben’, und sind dennoch bereits verurteilt. Auch wenn sie versuchen, wie Josef K. ihre Unschuld zu beweisen. Doch es ist alles sinnlos. Wer auf diese schiefe Ebene gesetzt wird, kann das Abwärts-Schlittern nicht mehr stoppen.

Josef K. war sich keiner Schuld bewusst und musste dennoch sterben im letzten Satz des Romans.

Alle Weinsteins dieser Welt, die im Verdacht stehen, bisher ungestraft ihre Macht gegen Frauen eingesetzt zu haben, sind mit einem ähnlichen Schicksal konfrontiert – ob zu Recht oder zu Unrecht. Selbst für die Unschuldigen kommt jeder Nachweis, dass die Vorwürfe eventuell erfunden und unwahr wären, zu spät, und jeder Freispruch ist ohne Bedeutung. Das Brandmal auf der Stirn wird man nicht mehr los. Unversöhnlich agiert hier die Gesellschaft. Auch das Leben jener, die in Gerichtsverfahren freigesprochen wurden, bleibt auf ewig zerstört.

But not you

Das UNICEF Foto des Jahres 2007 zeigt einen 40-jährigen Mann in Afghanistan mit seiner 11-jährigen Braut. Ein Bild, das heute weder von UNICEF noch von einer anderen Organisation einen Preis bekommen würde. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihr die Empfindlichkeit.

2010 versuchte Nima Sarvestani mit seinem Film ‚Ich war 50 Schafe wert’ auf das Problem der Kinderehen zu verweisen, es war sinnlos, es interessierte kaum jemanden.

Im Jemen wurde 1999 das sogenannte ‚Erwachsenen-Alter’ für Mädchen von 15 auf 9 Jahre herabgesetzt. Ein 8-jähriges Mädchen, das man dennoch zur Heirat gezwungen hatte, konnte die Scheidung durchsetzen. Ihre Familie musste dem Ex-Mann 500 Dollar Schadenersatz bezahlen.

In Berlin, in der Al-Nur Moschee, treten regelmäßig muslimische Prediger auf, die über die Rolle der Frau im Islam sprechen. Die Engel würden sie verfluchen, falls sie dem Mann nicht gehorche, erklärte der letzte, der dort auftrat.

Von den Massenvergewaltigungen der Jesidinnen, den Ehrenmorden, den Zwangsehen, den Gewaltszenen in den Flüchtlingslagern und selbst in den angeblich integrierten muslimischen Familien, von dem Verbot, Schulen zu besuchen und zu studieren bis zu den Säureattentaten gegen Mädchen, die einfach nur eine Ausbildung wollen: Die weltweit brutalste Missachtung der Rechte der Frauen findet im Namen einer Religion statt, oft unterstützt und gefördert von einer Prediger-Hierarchie, die den Tätern garantieren, im Namen Gottes zu handeln.

Auch zum Thema ‚Frauen und Islam’ will ich mir die vollständige Aufzählung von Fakten ersparen. Sie sind im Internet zu finden. All die Selbsthilfe-Gruppen für verfolgte und misshandelte Frauen in den arabischen Ländern, im Iran, im Gaza und in den Palästinensischen Gebieten findet man, wenn man sie sucht. Aber es sucht sie niemand.

Die wenigen tapferen Frauen, die den Mut haben, über die schlimmsten Formen der sexuellen Ausbeutung, des Missbrauchs und der Diskriminierung im Namen des Islams öffentlich aufzutreten, wären bekannt – wenn sich jemand für sie interessieren würde. Frauenhäuser in Europa, die verfolgte und misshandelte Frauen aus muslimischen Familien aufnehmen, bieten ihre Adressen an. Freiwillige Helfer gehen in Flüchtlingszentren und besuchen Familien, motivieren Frauen über ihre Situationen zu sprechen. Die verzweifelten Helfer bekommen wenig Unterstützung in der Gesellschaft, am wenigstens von jenen Frauen, die jetzt den Zugang zur Öffentlichkeit benutzen, um die Weinsteins der Welt öffentlich anzuprangern.

Me too haben Tausende geschrieben, als eine Frau über die sexuellen Belästigungen schrieb, die ihr widerfuhren. Für die Millionen Frauen in der muslimischen Welt und in den muslimischen Familien im Westen gibt es keine Me Too Bewegung, keine Solidarisierung und keinen kollektiven Aufschrei. Im Gegenteil, in einigen europäischen Ländern versuchten Politiker, die Kinderehe und andere Formen der Unterdrückung zu legalisieren und sie mit ‚kulturellen Unterschieden’ anderer Völker zu erklären und zu begründen. Der Missbrauch wird unter dem Thema ‚Religionsfreiheit’ verharmlost, die Opfer finden kaum Unterstützung, und die Täter oft mehr Mitleid als Strafe.

Die Glaubwürdigkeit der derzeitigen Protest-Welle stößt an eine Grenze, wo selektiv Opfer ausgesucht und andere übersehen oder ignoriert werden. Im schlimmsten Fall wird jede Unterstützung unter dem Vorwand des Respekts gegenüber der ‚Religionsfreiheit’ verweigert.

Um welche Frauen geht es? Welche unter ihnen haben das Glück, angehört und unterstützt zu werden? Gibt es wie in der Ökonomie eine Klassengesellschaft in der Welt der Frauen?

Niemand wird den Frauen, die jetzt Anklage erheben, die Unterstützung verweigern oder ihnen das Recht absprechen, diese Missstände aufzuzeigen und sich dagegen aufzulehnen. Warum dies allerdings die Rechte der Frauen in muslimischen Familien selbst in westlichen Gesellschaften ausschließt, ist nicht nachvollziehbar und reduziert die Protest- und Empörungsbewegung auf eine selektive Empfindlichkeit gegenüber Auserwählten, denen die notwendige Öffentlichkeit und Unterstützung zuteilwird, um damit eine Veränderung der Situation zu ermöglichen. Die notwendige Öffentlichkeit, der Zugang zu den Medien und die Unterstützung durch die Gesellschaft bleiben einigen Wenigen vorbehalten.

Me Too ist ein Solidaritätsangebot und sollte alle einschließen – But not you schließt allerdings jene aus, die nicht nur dringendst Hilfe benötigen, sondern bewusst oder unbewusst ‚übersehen’ wurden.

 

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