Im Schlaglicht Österreich USA

Kurz und Trump

Photo: BKA / Dragan Tatic (cropped)

Eine Lehrstunde in moderner Politik

In der Fülle der Kommentare, Interviews und Beiträge, die zu dem Treffen Kurz-Trump veröffentlicht wurden, unterschied sich das Interview mit Armin Wolf in der ZIB2 als angenehme, wohltuende und informative Alternative. Wolf stellte Fragen, nicht ganz unkritisch, so wie er eben jemanden interviewt, und gab Kurz die Möglichkeit ausführlich zu antworten, ohne ihn zu unterbrechen oder zu korrigieren. Und Kurz nützte die Chance, sprach ruhig über Gemeinsamkeiten und auch Widersprüche, ohne jedoch den US-Präsidenten zu kritisieren, ohne respektlos zu werden oder sich auf einer moralischen Ebene überlegen zu fühlen – das ist schon der wichtigste Unterschied zwischen ihm und den meisten europäischen Politikern.

Die einzige Kuriosität der Interviews war die Frage von Wolf, warum er den russischen Präsidenten Putin mehrere Male pro Jahr getroffen hatte und den US-Präsidenten nur einmal, worauf der Bundeskanzler ziemlich selbstsicher antwortete, dass der russische Kollege eben öfters mit Kurz reden wollte. 

In den Tagen vor dem Treffen sahen die Fachleute, Journalisten und Ex-Politiker ihre Chance gekommen, mit weisen Sprüchen den US-Präsidenten zu beschreiben und zu interpretieren, das Treffen zu kommentieren und Kurz mit guten Ratschlägen auf das Gespräch vorzubereiten.

Die ehemalige österreichische Botschafterin in den USA, Eva Novotny, etwa gab dem Kanzler die Weisung, sich nicht als politischer Vermittler anzupreisen, da sie fürchte, er werde sich damit nur lächerlich machen. Dann fügte sie noch hinzu, dass sie sich nicht sicher sei, ob Trump überhaupt wisse, wo Österreich liege, und sie annehme, dass Trump ohnehin nur von sich selbst reden werde. 

Dass die pensionierte Fachfrau, die seit Jahren nicht mehr in den USA lebt, diese Ratschläge aufgrund von TV-Sendungen und Zeitunglesen zusammenstoppelt, blieb unerwähnt in dem Interview, und ebenso wenig wurde hinterfragt, wie sie zu all diesen Vermutungen kommen würde. Doch es passt zu den Beschreibungen anderer Politiker, die, wenn sie über den US-Präsidenten sprechen, längst den Unterschied zwischen infantiler Beleidigung und intelligenter Kritik nicht mehr sehen oder nicht verstehen wollen, und untereinander wetteifern mit krampfhaft originellen Statements. 

Nicht beantworten konnte die internationale Expertin Eva Novotny die Frage, warum denn Ex-Präsident Obama nie in Österreich war, obwohl er Prag und Bratislava besucht hatte. Hier scheint die Behauptung, dass das Treffen mit Kurz nur auf Intervention angeblich rechts-konservativer Berater des US-Präsidenten zustande kam, nicht ganz hinzuhauen, wenn es den mit der Administration Obamas angeblich befreundeten politischen Kreisen Österreichs nie gelang, den US-Präsidenten nach Österreich zu holen. Aber wer weiß, vielleicht wusste auch der nicht, wo Österreich liegt…

Ähnlich äußerte sich der SPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl, Andreas Schieder, der in Kategorien wie »gut« und »schlecht« den US-Präsidenten einfach als »schlechtesten« Präsidenten der USA der letzten Jahrzehnte abkanzelte, und nach Vorbild Merkels oberlehrerhaft über den Präsidenten sprach, als hätte der eine Lateinarbeit abgegeben mit zu vielen Fehlern.

Den Höhepunkt der Peinlichkeiten leistete sich jedoch der ORF, der im selben Augenblick als der US-Präsident Bundekanzler Kurz begrüßte, die Life-Sendung einfach abdrehte und die Korrespondentin des ORF vor dem Weißen Haus zu Wort kommen ließ – angeblich alles nur zufällig und ohne Absicht dahinter.

Wer wissen möchte, was »wirklich« die Hintergründe des Besuchs in Washington sind, der kann auf deutsche Zeitungen ausweichen, die meistens viel mehr Informationen über Österreich bieten als alpenländische Blätter und Medien. Zum Beispiel weiß die Süddeutsche Zeitung schon längst, dass es zwar offiziell um Handelsfragen zwischen der EU und den USA gehen sollte, aber inoffiziell um eine Brücke des US-Präsidenten zu den europäischen Rechten. Dann werden die Erklärungen etwas komplizierter in dem Beitrag der Zeitung und von der Logik her so, wie wenn man verzweifelt versucht, sich mit der rechten Hand am linken Ohr zu kratzen. Kurz sei zwar ein Konservativer, doch über ihn könnte man an die FPÖ, den »rechten« Koalitionspartner kommen, der wiederum beste Beziehungen zu den Rechten in Ungarn, Polen, Italien und Frankreich habe. Warum dieser Umweg über Kurz notwendig sei und der US-Präsident dann nicht gleich den Regierungschef von Ungarn oder Italien treffe, wird allerdings nicht weiter erklärt. 

Mit der Überschrift »Mehr Symbole als Substanz« versucht zuletzt noch der Österreich Korrespondent der SZ aus der Distanz zu erklären, was dort wirklich vorgefallen sei, und stolpert ungewollt über eine Überschrift, die in der Umkehr perfekt auf die deutsche Kanzlerin passen würde, die in der Tat mehr Substanz gegenüber Trump deponieren könnte statt ihre symbolhafte deutsche Schulmeisterei. 

Auf der Grundlage des Interviews mit Kurz nach dem Gespräch und den Aussagen der Mitglieder seiner Delegation hat sich der österreichische Kanzler dort gut geschlagen. Es ist nicht einfach, gegenüber einer Persönlichkeit wie Trump einerseits seine eigenen Vorstellungen über Handels- und Außenpolitik zu kommunizieren, und dennoch das Gespräch in einer guten Atmosphäre zu beenden. Kurz hat den notwendigen Mittelweg erkannt zwischen Respekt gegenüber dem Gesprächspartner und Respekt gegenüber dem Standpunkt der österreichischen Regierung, und scheute sich nicht, auf Unterschiede in der Einschätzung so mancher Probleme zu verweisen.

Dass ausgerechnet Deutschland die emotionale Speerspitze der Anti-Trump Bewegung in Europa ist, verwundert eigentlich niemanden. Schon seit Jahren bieten sich deutsche Politiker und Medien als internationale Lehrmeister der Moral an und vergeben Noten, wer sich anständig und eben nicht anständig benimmt. Man habe diese Verantwortung aufgrund der Erfahrungen aus der eigenen Geschichte, begründet und erklärt man diese Haltung den oft Staunenden und Sprachlosen im Ausland.

Mit einer Person wie Trump wird ein Volk nicht fertig, das seit Jahren eine ehemalige FDJ-Funktionärin als Kanzlerin wählt, die mit militärischer Thälmann-Pionier-Disziplin erzogen wurde. Neben Trump wirkt sie wie eine verzweifelte Heimleiterin für schwer erziehbare Kinder. Jeder Satz, den er bei gemeinsamen Pressekonferenzen von sich gibt, überrascht die deutsche Kanzlerin und stört ihre Denkweise, die auf den Millimeter genau geplant und kontrolliert ist und keine Zufälle zulässt. Hier stoßen zwei Welten aufeinander, die mit all ihren Gegensätzen sich nicht ergänzen, sondern wie gleichpolige Magnete abstoßen.

Der »Flegel« Trump muss für Merkel einfach ein Alptraum sein. Er verkörpert alle Eigenschaften in einer Person, die in ihrer Gesamtheit als das Gegenteil von Merkel zusammengefasst werden könnte. Dass ihr ausgerechnet der junge Kurz zeigte, wie man mit unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen befreundeter Politiker befreundeter Länder umgehen kann, ist eher peinlich für die Grande Dame der europäischen Politik.

All den Zweiflern und Zynikern, die bereits vorher sich sicher waren, dass Kurz nur wegen der Fototermine nach Washington fährt, hat er eine Lehrstunde über moderne Politik geboten. Man muss sich nicht umarmen, nicht abküssen, nicht verzweifelt laut auflachen, wenn Fotografen vor einem stehen, um sicher zu sein, dass dieses heitere Bild in die Zeitung kommt. Man kann mit jedem Politiker ein sachliches, interessantes und wichtiges Gespräch führen, wenn man die soziale Begabung hat, in einer Atmosphäre des Respektes inhaltlich zu seinen Überzeugungen zu stehen. 

 

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