Feuilleton

Kaum zu glauben

Segel setzen für den Umgang mit himmlischen Gewalten

Was macht eigentlich Gott? Der gute, alte Sinnstifter, auch bekannt unter den Aliasnamen Jahwe, Allah, Manitu, Teutates usw., ist etwas in die Jahre gekommen; ausgangs des letzten Jahrhunderts hätten wir ihn sogar beinahe mehrheitlich vergessen. Nicht wenige meinten, es gebe ihn gar nicht. Die Kirchen wurden immer leerer, kirchliche Feiertage dienten zur profanen Urlaubserweiterung, Gebete klangen nach Wünsch-dir-was-Ritualen, während Religionen in ihrer Gesamterscheinung höchstens noch zu spiritueller Selbstverwirklichung zu taugen schienen.

Machtvoll bringt sich Gott in diesen Tagen aber wieder in Erinnerung. Nicht nur, dass Stadt und Land weiterhin von Kirchen, Kapellen und Säulenheiligen übersät sind, dass weithin Glockengeläut und allerlei Redewendungen an ihn gemahnen, dass immer noch Feiertage in beträchtlicher Zahl und zunehmend Kopftücher und Minarette von ihm künden, dass die Tagesnachrichten vor religiös grundierten Konflikten geradezu überquellen: Nein, es hagelt außerdem Attentate in seinem Namen, selbst in unseren Breiten.

In ihrem selbstmörderisch-mörderischen Knall offenbart sich jedoch eine Gottesrenaissance der uralten, rächenden Art, die vor totaler Selbstaufgabe, blutgetränktem Missionieren und folternder Gewalt nicht haltmacht. Ihre beträchtliche Anhängerschaft denkt, dass alles, was es darüber hinaus zu erleben und zu erleiden gibt, ebenfalls eine Wirkweise Gottes sei. Gott ist immer und überall, heißt das, sein Ratschluss geht über die Vorstellungen und Wünsche des Individuums hinaus.

Doch genau darüber, über die Wirkweise Gottes, müssen wir unbedingt reden, so nah, wie uns das blutige Geschehen rückt. Anders als in maximaler eigener Stringenz werden wir dem mörderischen Treiben nämlich nicht begegnen können, das uns andernfalls – tot oder lebendig – in den Abgrund zieht. Doch reden wir da genau genommen noch über Gott? Und nicht bloß über Allah? Die Frage allein ist dazu angetan, gewisse Zweifel an der elementaren Wirklichkeit Gottes und seiner Aliasse zu entwickeln.

Mal ehrlich: Kann Allmacht regional aufgeteilt sein? Kann Monotheismus mit disparaten Göttern funktionieren? Kann der eine weltumspannende Gott mehr als der andere Weltenumspanner? Natürlich nicht! Einer oder keiner! Unser Problem bei der vertrackten Frage nach Gott und seinem Wirken ist eben, dass wir es mit einer Gottvarianz zu tun haben, die derart unduldsam Anspruch auf absolute Wahrheit erhebt und von manchen Zeitgenossen so absolut geglaubt wird, dass sie uns absolut einzuengen beginnt.

Aristoteles, nicht die hellste Kerze unter den Philosophen, sagte einst: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Damit hat er, fortwährend oberflächlicher gründelnd als sein tiefsinniger Lehrer Platon, immerhin eine profunde pragmatische Wahrheit ausgesprochen. Auf unsere Lage bezogen, hieße das: Wir können der konzeptuellen, alles verschlingenden Rückkehr von Gott in unser Leben nur ausweichen, indem wir ihn anders verstehen.

Tun wir das doch! Und fragen uns vorsichtshalber erstmal, was Gott vielleicht kann, das wir selber nicht können! Sünden festlegen und bestrafen? Oft genug unter Beweis gestellt, kein Problem! Umfassenden Sinn schaffen? Schon etwas schwieriger, aber machbar! Alles mit allem, jeden mit jedem vernetzen? Wir sind auf dem besten Weg! Spiritualität leben? Lächerlich einfach!

Halten wir fest: Wir brauchen Gott nicht mehr. In der Quantenphysik, wo es um die konsistente Erklärung der Tiefensystematik im Weltall geht, spricht man denn auch schon von „Creation without a Creator“, man spekuliert über Folgewirkungen eines Energieüberschusses im Universum. In der katholischen Kirche wiederum hieß die erste Enzyklika von Papst Benedikt „Deus caritas est“, übersetzt: „Gott ist Liebe“ – ein überdeutlicher Hinweis darauf, dass die Wirkweisen Gottes, wenn man sie noch so nennen will, nicht einem persönlichen Handeln im Himmel entspringen, sondern auf überpersönliche Weise in uns manifest sind.

In uns! Denn wir sind der Schlüssel, niemand sonst. Der Mensch sah einst Götter am Werk, wo zu viele Sinnsplitterungen herrschten, erkannte Gott als universelle Kraft an, die den erahnten großen Gesamtzusammenhang klammerte, und macht sich nun daran, die Interdependenz allen Seins in sich selbst und anhand seiner selbst zu identifizieren. Die Wiederkehr Gottes im Blutrausch ist dagegen machtlos, wenn wir sie bannen, indem wir aus der Kraft unseres Bewusstseins heraus alles, das Gott ist, entschieden ins Beliebige stellen, und wenn wir es in der Konsequenz vorziehen, zu wissen statt zu glauben. Gott war unser Herr, unsere Zuversicht, unser Kompass. Von jetzt an sind wir es selbst. Je schneller und tiefer wir das begreifen und akzeptieren, je weniger Schaden werden wir nehmen!

 

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