Großbritannien

Im Dienste Ihrer Majestät

Photo: Matt Brown (edited), CC BY 2.0

Die erste Muslimin auf einer britischen Banknote

Am 10. September 1944 brachte die SS die 30-jährige britische Spionin Noor Inayat Khan vom Gefängnis in Pforzheim, wo sie monatelang gefoltert worden war, nach Karlsruhe und einen Tag später ins Konzentrationslager Dachau. Am 13. September wurden sie und drei andere Agentinnen, Yolande Beekman, Madeleine Damerment und Eliane Plewman durch Genickschüsse getötet. Die Leichen wurden verbrannt. Man sollte sie vergessen, als hätten sie nie gelebt.

Die Bank of England brachte in dieser Angelegenheit vor ein paar Wochen eine kurze Nachricht: Die neue 50 Pfund Note, die im Jahr 2020 ausgegeben werden soll, wird das Bild von Noor Inayat Khan zeigen. Damit wird zum ersten Mal eine Muslimin auf einer englischen Banknote abgebildet sein.

Noor Inayat Khan wurde 1914 in Moskau geboren als Tochter von Hazrat Khan, einem indischen Moslem, dessen Vorfahre Tipp Sultan (»The Tiger of Mysore«) den südindischen Staat Mysore regierte, und einer amerikanischen Mutter, die von zu Hause ausriss, um den indischen Königssohn zu heiraten. Khan gilt als Begründer des Sufi-Ordens, einer spirituellen Organisation, die heute ihren Hauptsitz in Frankreich hat. Sein Leben lang predigte er einen toleranten Islam, forderte religiöse Freiheit und lehnte jede Form von Gewalt ab

Noch vor der Oktoberrevolution übersiedelte die Familie nach London und 1921 nach Paris. Während einer Reise nach Indien 1927 starb Noors Vater völlig unerwartet. Amina Begum, Noors amerikanische Mutter, verfiel in eine Depression und die Dreizehnjährige musste den Haushalt mit zwei Brüdern und einer Schwester übernehmen. 1931 begann sie mit dem Musikstudium und schrieb Kurzgeschichten, die von Le Figaro und im französischen Radio veröffentlicht wurden. 1939 erschien ihr Buch »Twenty Jataka Tales«, in dem sie traditionelle buddhistische Texte für Kinder adaptierte, interessierte sich für Psychologie und studierte Sprachen.

Flucht nach London

Mit der Besetzung von Frankreich durch die Deutschen im Jahr 1940 wurde diese vielversprechende Karriere beendet und die Familie konnte mit viel Glück vor den Besatzern nach England fliehen. Noor meldete sich sofort als Freiwillige zur Woman’s Auxiliary Air Force (WAAF). Aufgrund ihrer exzellenten Sprachkenntnisse schickte man sie zu einem Funker-Training nach Edinburgh. Der Schriftsteller Selwyn Jepson, der die französische Abteilung des britischen Geheimdienstes leitete, wurde durch Zufall auf sie aufmerksam, da sie akzentfreies Französisch sprach, und übernahm sie für ein Spezialtraining in seine Gruppe, die Agenten ausbildete, die im besetzten Frankreich arbeiten sollten.

Immer wieder fiel Noor bei den Eignungs-Tests durch und wurde zurück in den Kurs geschickt, man wollte ihr den Einsatz hinter der Front nicht zutrauen. In den Beurteilungen galt sie als zu sanft und zu gutmütig, um in den von Deutschen besetzten Gebieten als Agentin zu arbeiten. Doch Noor gab nicht auf, meldete sich immer wieder freiwillig für den Dienst als Funkerin in Frankreich, bis sie aufgenommen wurde und in der Nacht vom 16 auf 17 Juni 1943 mit einem Fallschirm in der Nähe von Angers im Nordwesten von Frankreich landete.

Ihr Einsatz war von Beginn an eine Katastrophe. Die drei Agenten, die mit ihr über Frankreich abgesprungen waren, wurden nach kurzer Zeit verhaftet und ermordet. Ihr Kontaktmann, zu dem sie sich als Einzige retten konnte, war ein Doppelagent, der die Aktivitäten der britischen Agenten den Deutschen verriet. Doch Noor konnte aufgrund ihrer Französischkenntnisse untertauchen und sich nach Paris durchschlagen.

Dort nahm sie Kontakt zu der Gruppe der Résistance – der französischen Widerstandsbewegung – auf, die die britischen Funker und Funkerinnen betreute. Wenige Tage nachdem sie mit ihrer Arbeit begonnen hatte, wurde sie durch das nächste Unglück zur Flucht und zur Unterbrechung der Funktätigkeit gezwungen. Die Résistance-Gruppe, die sie betreut hatte, wurde verraten und verhaftet. Einige Agenten flüchteten in den Süden von Frankreich, von wo sie nach England geschmuggelt wurden. Noor entschied sich jedoch, in Paris zu bleiben.

Als einzige Agentin in Paris

Den Deutschen gelang es, einen der Agenten mit Funkanlage und Code-Wörtern gefangen zu nehmen und sendeten unter seinem Namen falsche Meldungen nach England. Noor, die einst als zu nachgiebig und weichherzig für eine Agentin im feindlichen Land abgelehnt wurde, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zur einzigen verlässlichen Informationsquelle für die Briten in Paris.

Doch gleichzeitig war sie auch nicht die perfekte, eiskalte Agentin, ging in Cafés und in die Bäckerei in der Nähe ihrer Wohnung und lebte einen normalen Pariser Alltag. Es gelang ihr monatelang, den deutschen Geheimdienst zu täuschen, sie wechselte häufig ihre Wohnungen und sendete weiter Nachrichten nach London. Mehrere Male bot ihr das Hauptquartier in London an, sie aus Paris zu schmuggeln und zurück nach London zu holen, doch sie lehnte ab und machte weiter ihre Arbeit.

Über den Verrat ihres Verstecks, von wo sie ihre Funksprüche sendete, gibt es unterschiedliche Informationen. Tatsache ist, dass am 2. Oktober 1943 eine verschlüsselte Nachricht London erreichte, sie habe einen schweren Unfall gehabt und sei in einem Krankenhaus – was bedeutete, dass sie verhaftet worden war. Unter den Agenten gab es damals eine Vereinbarung, dass man bei Verhaftungen versuchen sollte, trotz aller Folter zumindest 48 Stunden zu schweigen, um den anderen Agenten die Möglichkeit zu geben, sich zu verstecken oder zu flüchten.

In den Dokumenten der SS wurde später entdeckt, dass Noor trotz aller Folter nie jemanden verriet, auch lange nach den 48 Stunden. Sie schwieg einfach, beantwortete keine einzige Frage, die man ihr stellte, oder erzählte erfundene Geschichten. Hans Kieffer, einer der Kommandanten der Gestapo in Paris, meldete nach Berlin, dass die Agentin störrisch sei und keine Bereitschaft zu Kooperation zeige, dass alles, was sie sagte, nie einen Zusammenhang hätte oder der Wahrheit entsprechen würde.

Noor wurde in einem kleinen Zimmer in der Avenue Foch festgehalten. Man gab ihr Papier und Bleistift, falls sie sich doch überlegen würde, Informationen freizugeben, doch sie begann Kindergeschichten zu schreiben, um sich abzulenken und durchzuhalten. In einer weiteren Nachricht berichtete der zuständige SS-Offizier, dass er sie nächtelang weinen hörte, und dass man damit rechne, sie würde bald zusammenbrechen und die gewünschten Informationen freigeben. Doch Noor sprach nicht und verriet niemanden.

Anfang November versuchte sie mit zwei anderen Häftlingen zu fliehen. Einem von ihnen gelang es, einen Schraubenzieher zu stehlen, und sie lockerten die Vergitterungen der Badezimmer. Mit zusammengeknüpften Leintüchern gelang es ihnen, die darunter liegende Wohnung zu erreichen, als ausgerechnet ein Fliegeralarm dazu führte, dass die Gestapo die Räume kontrollierte, in denen die Häftlinge gefangen gehalten wurden. Die Wachmannschaft verhaftete die Fliehenden und einer der Häftlinge wurde durch Schüsse verletzt.

Am 27. November 1943 beschloss die SS-Führung in Paris, dass sie ein »hoffnungsloser Fall« sei, sie keine Informationen freigeben würde, und veranlasste die Deportation nach Deutschland. Acht Monate lang hielt man sie im Gefängnis in Pforzheim fest, in einer Einzelzelle mit Verhören, Folter und unglaublichen Grausamkeiten. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe galt sie als »rassisch« minderwertig, musste in Ketten in ihrer Zelle die Tage und Nächte verbringen und das Wachpersonal behandelte sie besonders grausam.

Durch Genickschuss ermordet

Nachdem sie sich weiter weigerte, über ihren Auftrag zu sprechen, beschloss die Gestapo, sie zu ermorden und ihre Spuren zu vernichten. Sie wurde nach Dachau gebracht und mit drei weiteren Agentinnen getötet. Alle Dokumente über ihre Hinrichtung wurden verbrannt. Durch Zufall konnten die Informationen über ihre Ermordung in Dokumenten über Verhöre mit dem Wachpersonal und Zeitzeugen unter den Häftlingen entdeckt werden.

Heute erinnert eine Gedenktafel im ehemaligen Konzentrationslager Dachau an sie. In Großbritannien wurde ihr das Georgs-Kreuz verliehen, die höchste zivile Tapferkeitsauszeichnung, und in Frankreich das Croix de Guerre. Als eine von 91 Männern und 13 Frauen, die in den Diensten des britischen Geheimdienstes in Frankreich starben, wird sie auf dem Mahnmal in Valençay im Department Indre gewürdigt.

2012 wurde eine Statue in London zu Ehren von Noor Inayat Khan errichtet, und die 91-jährige Irene Warner, die gemeinsam mit ihr die Ausbildung zur Funkerin abgeschlossen hatte, sprach über ihre Erinnerungen. Mehr als 300 Teilnehmer kamen zur Einweihung, doch niemand von irgendeiner muslimischen Organisation.

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

 Über diesen Beitrag auf Facebook diskutieren