Feuilleton

Hochfahren! Aber wie?

Aus dem Corona Tagebuch (10)

Die meisten von uns nähern sich einer gewissen Schmerzgrenze, und auch wenn ich nicht verallgemeinern möchte, kann ich dennoch von mir und meiner Umgebung sprechen. Auf unterschiedliche Art und Weise hat man uns erklärt, warum wir die Wohnung nicht verlassen, auf keiner Parkbank sitzen und uns anderen Menschen nicht nähern sollten. Und wir haben es getan, aus den verschiedensten Gründen, manchmal war es bloße Angst, sich nicht anzustecken, für andere vielleicht logische Argumente bestreffend Sterblichkeit, Überlastung des Gesundheitssystems und Gefährdung von älteren Menschen.

Letzten Endes haben sich die meisten an die Vorschriften gehalten, wenn auch keine davon auch nur den geringsten logischen Sinn ergibt im Vergleich zu anderen tödlichen Erkrankungen, Unfällen, Folgen von Rauchen und Alkohol. Aber wir haben sie einfach vom Tisch gewischt, die Zweifler mit ihren Statistiken und Vergleichen. Wir wollten uns selbst nicht verunsichern, wollten nicht anfangen nachzudenken, inwieweit das alles wirklich berechtigt war und ist. Wir verhalten uns wie Kinder, die aus Angst vor den Konsequenzen die Anordnungen befolgen, denn auch Kinder muss man nicht überzeugen, dass es einen Sinn macht, eine Hausaufgabe zu machen, sie schreiben sie, um entweder das Lob der Lehrer/Innen zu bekommen, oder der Kritik und dem Tadel auszuweichen.

Doch langsam funktioniert der blinde Gehorsam nicht mehr so perfekt. Mehr und mehr Menschen ignorieren es, plötzlich sind die Straßen wieder voll mit Autos, in den Straßenbahnen sitzen mehr Fahrgäste und auf den Wegen am Kahlenberg windet sich bei schönem Wetter eine Schlange von Wanderern durch die Wälder. Rechtzeitig kündigte die Regierung eine Lockerung der Verordnungen an, und benutzte geschickt einen Begriff, der weder Optimismus oder Hoffnung bedeutet noch den Pessimismus symbolisiert, dass alles beim Alten bleiben würde.

Das neue Zauberwort heißt HOCHFAHREN. Und wer sich darunter nichts vorstellen kann und einer möglichen Enttäuschung ausweichen möchte, sollte einfach den Duden zur Hand nehmen und sich an Hand der Bedeutungen den Zusammenhang mit der aktuellen Situation selbst erklären. Laut Duden bedeutet es:

Nach oben fahren

Der Duden meint zwar, es würde meist ›umgangssprachlich‹ verwendet, aber was soll’s, es muss ja nicht immer Hochdeutsch sein, so lange es verständlich ist. Gemäß der Regierungs-Ankündigung macht diese Bedeutung wenig Sinn, außer man meint, wir dürften mit dem Fahrzeug zu einem höher gelegenen Ort fahren. Vielleicht als Wiener auf den Semmering.

An einen nördlich gelegenen Ort fahren

Da wird es schon schwierig, weil Österreich eher ein Ost-West-Land ist, und es nördlich nicht so viele Möglichkeiten gibt. Aber man könnte zur tschechischen Grenze ›hochfahren‹ zum Beispiel, oder die Tante Poldi ins Waldviertel ›hochfahren‹, von Wien aus gesehen.

Sich plötzlich begeistert aufsetzen oder ärgern

Es kann ein Verhalten des Menschen bedeuten. Man ist bei einem Knall vor Schreck aus dem Bett ›hochgefahren‹. Wie das auf die aktuelle Corona-Situation übertragbar wäre, bedarf einer gewissen Fantasie. Aber vielleicht würde ich am Morgen vor Freunde im Bett ›hochfahren‹, wenn meine Frau sagt, wir könnten heute ins Café Frühstücken gehen. Doch es kann auch das Gegenteil bedeuten, dass man eben nicht vor Freude, sondern vor Wut ›hochfährt‹, wenn sich die Ehefrau einen Scherz erlaubt hätte mit dem Café und mich zum Bäcker schickt, wo ich mit Mundschutz vor der Tür warte und dann frische Semmeln kaufe.

Ein System im technischen Sinne hochfahren

Bleibt noch der technische Begriff, zum Beispiel den Hochofen auf 2000 Grad ›hochfahren‹, oder der Computer, den man ›hochfährt‹. Hier ergäbe sich noch am ehesten die Möglichkeit, die Symbolik auf die Bevölkerung und Wirtschaft zu übertragen, dass alles wie ein Rechner ›hochgefahren‹ wird.

Diese vier Möglichkeiten bietet der Duden. Jetzt bleibt genügend Spielraum für Wortkombinationen, in welcher konkreten Form der Corona-Isolierte ›hochgefahren‹ werden möchte. 

Hier ein Beispiel, zur aktuellen Situation passend, dass alle Variationen berücksichtigt:

Wir könnten vor Freude morgens im Bett hochfahren, weil die Regierung uns in den Norden hochfahren lässt, dann den Computer hochfahren und den Wetterbericht studieren und später, bereits im Auto sitzend, vor Wut hochfahren, weil wir in der Wohnung den Führerschein vergessen haben und jetzt extra noch einmal mit dem Lift hochfahren müssen, obwohl wir dem Onkel Pepi versprochen hatten, ihn Punkt acht Uhr abzuholen, um ihn in den Wald an der Tschechischen Grenze hochzufahren.

Ob es nicht einen verständlicheren Begriff geben könnte, um die Lockerungen anzukündigen?

 

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