GUNS & BEETHOVEN

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Photo Muti by Universidad de Deusto (edited) CC BY-NC-SA-2.0 

Das Chicago Symphony Orchestra

Seit 2010 ist Riccardo Muti, einer der berühmtesten Dirigenten, der Leiter des Chicago Symphony Orchestra (CSO), das heute zu den drei besten der Welt zählt. Jeder erkennt ihn hier auf der Straße. 

Neben seinen musikalischen Fähigkeiten ist er durch seinen Charme, seine offene und natürliche Art gegenüber den Musikern, dem Publikum und den einflußreichen Sponsoren eine der beliebtesten Persönlichkeiten in Chicago.

Zu Beginn dieser Saison lud CSO zu einem freien Konzert in einer Kirche im Süden der Stadt ein. Ein desolates Viertel mit extrem hoher Kriminalität und ganzen Straßenzügen mit leerstehenden Häusern, deren Fenster mit Holzplatten vernagelt sind.

Sie spielten die ‚Fünfte’ von Beethoven und als sie mit dem berühmten Ta-Ta-Ta-Taa begannen, brauste Applaus auf und die Zuhörer pfiffen vor Begeisterung. Muti unterbrach das Konzert, drehte sich lächelnd um, bedankte sich und sagte zum Publikum, dass er dieses schwierige Musikstück noch einmal beginnen werde und die Anwesenden ersuche, mit der Begeisterung bis zum Ende zu warten.

Riccardo Muti: ein ungewöhnlicher Dirigent

Er ist nicht nur ein genialer, sondern auch ungewöhnlicher Dirigent und überrascht sein Publikum oft mit Bemerkungen und Kommentaren während der Vorstellungen. Als die Zuhörer in Chicago auf die Komposition eines relativ unbekannten italienischen Komponisten mit eher zögerndem Applaus reagierten, drehte er sich um und erklärte: „Ihr müßt euch zu dieser Musik vorstellen, dass zur gleichen Zeit in der Küche Pasta gekocht wird“.

Am Ende einer Saison zu Beginn des Sommers verabschiedet er sich immer mit ein paar freundlichen, persönlichen Worten. Letztes Jahr überraschte er die Zuhörer mit der Bemerkung, er freue sich zwar, jetzt zurück nach Italien zu fahren. Wenn er lande, würde ihn allerdings nur eine Sache interessieren. Ob die Chicago Blackhawks mit dem letzten Spiel die Eishockey-Meisterschaft gewonnen hätten. Alles hatte man von Maestro Muti erwartet, nur das nicht.

Das 1890 gegründete CSO sammelte seit seinem Beginn das ‚Who’s Who’ der klassischen Musik. Vor Muti leiteten Daniel Barenboim, Georg Solti, Jean Martinon und Fritz Reiner das Orchester. Rachmaninoff, Bernstein, Previn, Prokofiev, Richard Strauss und viele andere berühmte Dirigenten und Komponisten kamen als Gäste.

In dieser widersprüchlichen Stadt – über die Norman Mailer einst schrieb, falls man einen Geldschein auf der Straße fände, müsse man zuerst das Blut abwaschen – trennen nur fünf bis zehn U-Bahn-Stationen einige der gefährlichsten Stadtteile im Süden und Westen der Stadt von der Michigan Avenue im Zentrum, wo gegenüber dem Art-Institute Museum das 1904 erbaute Chicago Symphony Center liegt.

In den Sommermonaten spielt das Orchester seit 1905 in Highland Park, einem noblen Vorort im Norden der Stadt während des Open Air – Ravinia Festivals, wo das Publikum mit Decken, Klappsessel und Esskörben in den Park strömt, um dem Orchester zuzuhören.

50 Prozent des CSO-Jahresbudgets wird durch Spenden gedeckt. Das Orchester hat ein besonders ausgeklügeltes System, seinen Unterstützern zu danken. Je nach Höhe des Beitrags kann man Proben beiwohnen, mit einzelnen Musikern im Restaurant speisen oder das Orchester bei Gastspielen durch die Welt begleiten. Langjährigen Abonnenten wird jede Saison der gleiche Sitzplatz garantiert, im Stiegenhaus findet man auf einer Tafel in Goldschrift seinen Namen, und ab einer gewissen Spende gibt es ein Glas Wein während der Pausen.

Muti ist sich auch nicht zu schade, zu einzelnen Clubabenden der verschiedenen Spenderorganisationen zu kommen, plaudert mit seinen Fans und scheint sich in dieser Stadt wirklich wohl zu fühlen. Chicago gleicht vielleicht am ehesten seiner Geburtsstadt Neapel, diesem Chaos aus Mafia, Pizza und Musik.

Ein Orchester als Spiegel der Gesellschaft 

CSO reflektiert auch die typische ethnische Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft. Ein Drittel der Geigenspieler kommt aus China. Konzertmeister Robert Chen wurde in Taiwan geboren und auch seine Stellvertreterin Stephanie Jeong hat Vorfahren aus Asien. Fast alle europäischen und süd-amerikanischen Nationalitäten sind in dem Orchester vertreten.

Bei 150 Aufführungen im Jahr sind fast jeden zweiten Tag irgendwo in der Stadt Musiker des Orchesters zu hören. Mit speziellen Aufführungen für Kinder, Familien, Schulen, Polizisten, Lehrer, Interessengruppen wie die der Afro- und Hispanoamerikaner und anderer ethnischer Minderheiten erreicht CSO jedes Jahr mehr als 200 000 Menschen in Chicago.

Mit mehr als 700 Toten pro Jahr und Wochenenden, an denen alle 30 Minuten ein Schuss fällt, hat Chicago eine der höchsten Mordraten der USA, doch die Bewohner lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Einst Hauptstadt des Blues und Jazz, die der Anthropologe Ashley Montagu beschrieb als die ‚Taschenbuchausgabe der Hölle’, ist diese wilde und rauhe Stadt – mit Unterstützung des Genies Riccardo Muti – zu einem Mecca der Klassischen Musik geworden.

Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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