SCHLAGLICHTER

Globale Erderwärmung & Pandemien »zusammendenken«

Peter Sloterdijk sieht die Überblickskompetenz, den Mut zum »Zusammendenken«, als wichtigste Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. Karl Popper meint, dass es den Begriff Wissenschaft ausschließlich in der Pluralform geben sollte.

19. 8. 2016 – die Wiener Zeitung schreibt Geschichte. Konstanze Walther berichtet über »Die Wasserflüsterin Rita Colwell, die beim Forum Alpbach ihre Forschungsarbeit vorgestellt hatte: Seit 50 Jahren untersucht die Forscherin Wassertemperatur und Mikroorganismen im Golf von Bengalen: das Wasser hat sich seit den 1960ern um 1,5 Grad Celsius erwärmt, die Mikroben – auch krankheitserregende – haben sich versechsfacht. Eine Folge: zweimal jährlich Choleraepidemien in den Küstenregionen des Golfs von Bengalen – Epidemien, von denen wir in Europa keine Kenntnis erhalten, geht es dort ja »nur« um Drittweltländer.

Dass Erderwärmung das Wachstum von Organismen fördert, ist aus der Erdgeschichte bekannt. Die größten Landwirbeltiere, über 40 Meter lange Riesensaurier und Libellen mit bis zu 70 Zentimetern Spannweite, entstanden in Zeiten hoher Luft- und Wassertemperaturen, wie auch jene unfassbar üppige Vegetation mit riesenwüchsigen Bäumen, die heute unsere Kohlelagerstätten bilden.

Die Lesereaktionen auf die sensationelle Reportage über Colwells Arbeit bestanden aus einem einzigen Eintrag auf der Website. Warum? Überfordernde »Disziplinenvielfalt« – Hydrologie, Biologie, Virologie, Klimatologie?         

Ein Radiointerview mit einem Glaziologen, der sich mit dem Rückzug der Gletscher in den Alpen befasst. Auf die Frage des Reporters auf mögliche geologische und tektonische Folgen des Abschmelzens lautet die verblüffende Antwort: »Ihre Frage zielt in Richtung Geologie und Geodynamik. Da kann ich nichts dazu sagen, das ist nicht meine Disziplin!«

Szenenwechsel. Dirigierunterricht an einer Musikuniversität. Ein Student stellt eine Frage, die sich auf einen wichtigen strukturellen Aspekt der einzustudierenden Komposition bezieht. Der renommierte Professor: »Gehen Sie nach nebenan, zu den blutleeren Musiktheoretikern – hier lernen wir das Staberlschwingen!«

Und die interdisziplinäre Überblicksfähigkeit in der Coronazeit? Da werden Klimawandel-Erderwärmung einerseits und die Corona-Pandemie andererseits sowohl auf der politischen als auch auf jener Ebene, deren gesellschaftliche Aufgabe es wäre, »zusammenhängendes und damit werthaltiges Wissen zu schaffen«, völlig getrennt abgehandelt, obwohl Epi- und Pandemien eine ihrer Hauptursachen in der erderwärmungsbedingten Vermehrung von Organismen haben – siehe die eingangs zitierten Forschungsergebnisse von Rita Colwell.

Das macht Angst: der indische Ozean hat sich in einem halben Jahrhundert um 1,5 Grad Celsius erwärmt und die Zahl der Mikroben hat sich dort versechsfacht – und in meiner südsteirischen Heimat sind die durchschnittlichen Sommertemperaturen in nur 20 Jahren um nicht weniger als 2,8 Grad gestiegen. Was kommt da auf uns zu? 

Bei keinem der großen Probleme der heutigen Welt kann eine einzelne Disziplin zukunftsfähige, weil werthaltige Antworten geben. Diese entstehen heute aus dem Zusammendenken unterschiedlichster Disziplinen. Zusammendenken im Interesse der Zukunftsfähigkeit – erlernen wir’s, bevor es zu spät ist!


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Ernst Smole

Prof. Ernst Smole ist Leiter des NIKOLAUS HARNONCOURT FORUMS WIEN. Er hat Musik in Graz, Lugano und Weimar studiert (Dirigieren, Cello, Musikpädagogik) und war Berater der Unterrichts- und Kunstminister Sinowatz, Moritz und Zilk. In der auslaufenden Legislaturperiode wurde Prof. Smole mehrfach als unabhängiger Referent in Ausschüsse des Parlaments berufen (Bildungsfinanzierung, Schulautonomie, Inklusion, Politische Bildung). Seit den 1990ern befasst er sich intensiv mit Bildungssystemen unterschiedlicher Epochen und Kulturkreise, insbesondere mit dem jüdischen.
Aktuell koordiniert Prof. Smole die Arbeit eines 50köpfigen multidisziplinären Teams am BILDUNGSPLAN/ UNTERRICHTS:SOZIAL : ARBEITS & STRUKTUR:PLAN FÜR ÖSTERREICH 2015 - 2030.

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