Genug Brot gebacken

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Das Virus und die Diktatur des Mittelmaßes    

»Eigentlich…«, Max steht in der Küche vor dem Mistkübel und kratzt den dunklen Rand von seinem Toastbrot.

»Was hast du gesagt?« Fragt Tanya. Sie sitzt am Esstisch auf der Bank und löffelt aus einer Schüssel mit Müsli, auf das sie dünne Scheiben Erdbeeren verteilt hat.

»Eigentlich…«, Max setzt sich auf die andere Seite der Eckbank. 

»Was jetzt, eigentlich?« Fragt Tanya wieder.

»Eigentlich, hab ich keine Lust mehr«, antwortet Max.

»Wozu, keine Lust?«

»Zu nichts mehr«, sagt Max und versucht die harte Butter auf seinem Toast zu verteilen.

»Was heißt zu nichts mehr?« Fragt Tanya und isst weiter ihr Müsli mit einer Scheibe Erdbeere auf jedem Löffel.

»So wie ich es sage, ich hab keine Lust mehr, zu nichts«.

»Meinst du Lust, also, richtig Lust von lustvoll?« Tanya fängt an zu lachen.

»Nein, nicht die Lust, die du meinst, es ist ein Lebensgefühl, das fehlt, mir versinkt die Lebenslust wie das Wasser in der Badewanne, wenn man den Stöpsel herausgezogen hat«. Max drückt immer noch die Butter auf das trockene Stück Brot, bis es zerbricht.

»Siehst du, wie der Toast hier, er zerbröselt, ich hab ohnehin keinen Hunger«. Max schiebt den Teller von sich weg.

»Hör doch auf, ich mach dir einen neuen«, sagt Tanya.

»Nein, es macht keinen Sinn, ich kann diesen Toast nicht wiederholen und kann auch nicht auf einen neuen warten«, sagt Max starrt auf die Brotstücke.

»Jetzt mach ich mir langsam Sorgen um dich«. Tanya will aufstehen, doch Max greift nach ihrem Arm. »Lass es, es ist gut so«.

Sie schweigen eine Weile als würden sie nachzudenken, was als nächstes kommen könnte.

»Es ist doch alles bald vorbei, dann…«, versucht Tanya ihn zu beruhigen.

»Was dann?« Unterbricht sie Max.

»Dann leben wir wieder wie früher«, sagt Tanya.

»Früher ist vorbei, du kannst nicht zurück in die Vergangenheit«, sagt Max.

»Warum nicht, wir könnten für den Herbst eine Reise planen, vielleicht Griechenland, und im Sommer kommen Joe und Lisa zurück während der Semesterferien«, sagt Tanya. Sie hat wieder begonnen, ihr Müsli zu essen.

»Jetzt ist März, es gibt keine Pausen im Leben, es geht weiter, diese Monate sind verloren, ich kann sie nicht nachholen«. Max greift nach dem Teller und schiebt die Brösel von einer Seite zur anderen.

»Wir warten eben, und warten und warten…«, sagt Tanya und beginnt wieder zu lachen.

»Das Leben wartet nicht, wir werden älter und verlieren unsere Zeit«, sagt Max.

»Was ist das jetzt, Verzweiflung? Lässt du dich kaputt machen?« Fragt Tanya, steht jetzt doch auf, nimmt ein Stück Toast aus dem Brotkorb und steckt es in den Toaster.

»Ich habe schon in der Pause gelebt und alles ausprobiert, Brot gebacken, meine Biographie angefangen zu schreiben und wieder aufgehört, versucht, Klavier zu lernen, ging durch alle Wälder und Parks so oft, dass die Bäume mich begrüßen, das ging ein paar Monate, jetzt funktioniert es nicht mehr!« Max wird lauter, atmet tief und bläst die Luft aus.

»Manche kommen ganz gut zurecht«, sagt Tanya.

»Nur die, die auch vorher nicht gelebt haben, für die war es keine Einschränkung, sondern die Normalität in ihrer banalen Beschränktheit«, sagt Max.

»Sei doch froh, gesund zu sein, denk an andere, die es erwischt hat«, sagt Tanya.

»Ja, die anderen, der Vergleich sollte mich beruhigen, tut es aber nicht, ich kann mich nicht ständig mit dem Unglück anderer beruhigen, das ist eine besonders miese Form der Selbstlüge.« Der frische Toast springt aus dem Toaster. Tanya nimmt ihn vorsichtig, um sich nicht zu verbrennen und legt ihn auf den Teller von Max.

»Man nennt uns irgendwelche Zahlen, es geht immer nur um Zahlen, und erklärt, sie seien wegen uns hoch oder niedrig, seit Monaten leben wir mit einer täglichen Nummer, die uns befreit oder einsperrt«, murmelt Max.

»Was sollen sie sonst tun«, sagt Tanya. 

»Ich weiß es nicht, aber jeden Tag gerettet zu werden als alter Trottel, weißt du wie demütigend das ist?« Tanya grinst verlegen und schiebt Max die weich gewordene Butter vor den Teller. Dann schneidet sie die restlichen Erdbeeren und einen Apfel, wäscht ein paar Trauben, und sagt: »Hier, iss ein paar Vitamine«.

»Der Schutz hat keine Logik, er macht keinen Sinn, es ist etwa so, wie wenn ich mich jetzt noch für eine Vasektomie anmelde!«. Tanya bricht prustend in Lachen aus und spuckt ein Stück Erdbeere auf den Teller. Max versucht es mit dem neuen Toast. Die Butter ist weich und er verteilt sie auf der Scheibe Brot.

»Es gibt diese Gefahr, das kannst du nicht leugnen, und sie wird langsam eine Gefahr für uns, wenn du dich nicht besser kontrollierst«, sagt Tanya.

»Wieso für uns?« Fragt Max.

»Weil ich dein Selbstmitleid nicht mehr hören kann«, antworte Tanya.

»Jetzt willst du mir auch noch das Jammern verbieten?« Fragt Max und Tanya beginnt wieder zu lachen.

»Also, was fehlt dir konkret?« Fragt Tanya.

»Der Alltag, mein langweiliger, ewig sich wiederholender Alltag!« Max schneidet ein Scheibe Käse ab, den er in kleinen Würfeln auf seinem Brot verteilt, mit einer gewissen Symmetrie, so dass kein Platz zwischen den Stücken unterschiedlich groß ist.

»Dir geht die Langeweile ab?« Fragt Tanya.

»Ja, meine Langeweile, meine eigene, selbstgewählte lange Weile«.

»Mach es doch wie ich. Ich treffe Freundinnen, wir gehen durch den Park, oder in den Wiener Wald, Tennis kann man wieder spielen draußen, sogar Stuhleck ist offen, es gibt so viele Möglichkeiten«. Jetzt wird Tanya lauter.

»Deine Langeweile ist nicht meine Langeweile, ich brauch meine eigene«, sagt Max.

»Also lange Weile ist nicht Langeweile?«

»Nein, mich würde deine Langeweile furchtbar langweilen, es wäre ein Leiden in der Langeweile, meine finde ich vergnüglich!« Sagt Max und Tanya kann sich kaum mehr halten vor Lachen.

»Und? Langweilst du dich mit mir?« Fragt Tanya

»Früher sicher auf eine angenehme Art, jetzt ist sie schwierig geworden, die Langeweile«, antwortet Max.

»Ein Kompliment von dir ist wie eine Nachricht vom Zahnarzt, der Zahn müsse doch nicht gezogen werden, man könnte versuchen, ihn zu reparieren«. Max beginnt zu lachen. Er schaut auf sein Brot, das perfekt vorbereitet vor ihm auf dem Teller liegt mit Butter und Käse, während er die alten Brösel auf den Tisch wischt und sagt: »Meine kleine Welt funktioniert noch, nur die große fehlt mir«.

»Und? Wo bin ich in dieser Welt?« Fragt Tanya.

Max greift nach ihrer Hand. Tanya lächelt ihn an und sagt: »Wir halten das durch, nicht wahr?« Max nickt und sagt: »Es bleibt uns nichts anderes übrig, ein Jahr unseres Lebens haben wir verloren, das kann uns keine Impfung zurückgeben«. 

Er nimmt die Schüssel mit dem Obst und beginnt den zerkleinerten Apfel zu essen.

»Jetzt isst du wirklich das Obst?« Fragt Tanya. Max nickt und sagt: »Ich versuche es mit Optimismus«. 

»Schaffst du es noch die paar Wochen?« Fragt Tanya.

»Bis wann?« Antwortet Max.

»Bis wir die Langeweile wieder genießen, jeder für sich und gemeinsam«, antwortet Tanya. Max lacht und sagt: »Das ist ein schöner Gedanke, es ist etwas, worauf wir uns freuen könnten«.

»Mach es mir zuliebe, oder besser uns zuliebe«, sie greift nach seinem Kinn und versucht seinen Kopf zu heben. Sie sieht ihm in die Augen und sagt: »Du kannst jetzt nicht aufgeben«.

»Ich weiß, aber wir sind wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern«, sagt Max.

»Wir gehen nicht unter, wir strecken die Beine und spüren den Boden unter uns, es ist nicht so tief wie du glaubst«, sagt sie.

»Es ist nicht der Virus, der uns in die Knie zwingt, es ist die Diktatur der Mediokratie, die Herrschaft der Mittelmäßigkeit, der eitlen Bürokraten «, sagt Max.

»Ganz egal, aber das Aufgeben ist von nun an aus dem Vokabular gestrichen«, sagt Tanya und streicht ihm kurz über die Wange. Eine Weile sitzen sie ruhig, bis Max sagt: »Und, was machen wir jetzt, nach dieser Entscheidung?«

»Nichts, nur mit besserer Laune«, sagt Tanya

»Wir machen weiter nichts, einfach nichts?« Fragt Max.

»Genau, absolut nichts, aber ohne uns selbst leid zu tun«, antwortet Tanya.

»Na gut«, sagt Max und beißt endlich von seinem längst kalt gewordenen Toast ab.

Zuerst veröffentlicht in NEWS.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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