Russland WM-Tagebuch

Geduld und Zorn

WM-Tagebuch, 3. Juli

Folgt man den Mannschaften in die kleineren Städte, fällt einem sofort der Unterschied zu Moskau und Sankt Petersburg auf. Als würden die Petro-Dollar zu 90 Prozent in diese beiden Städte fließen, ist der Gegensatz zum Teil erschreckend. Selbst zwischen Moskau und St. Petersburg fällt das Gefälle auf. Versucht man Städte wie Samara und Wolgograd abseits der kleinen, blank polierten Zentren abzugehen, glaubt man sich in einem anderen Land. Daher beschäftig jeden Russen und jede Russin nur ein Problem: Wie komme ich nach Moskau?

Gibt es »den Russen« oder »die Russin«? Ich weiß es nicht. Ist es die fließend englischsprechende Rezeptionistin im Hotel in St. Petersburg oder die Frau, die die Zimmer im Hotel in Samara reinigt, die ich mittels Übersetzung am Mobiltelefon bat, meine Wäsche zu waschen, und die sich weigerte dafür Geld zu nehmen, als sie das Bündel frisch gewaschen und gebügelt zwei Stunden später zurückbrachte? Ist es die Familie, bei der wir eine Wohnung in Wolgograd gebucht hatten, und die uns zu einem Liederabend in ein Theater einlud, oder die Stewardess auf dem Flug von Wolgograd nach Moskau, die einem die Plastikschachtel mit Essen so auf den heruntergeklappten Tisch knallt, dass Sandwich und Schoko-Kuchen in der Schachtel zu ein und derselben Mahlzeit wurden?

Ich muss nach zehn Tagen gestehen, ich kenne sie nicht, die Russen. Sie sind so unterschiedlich wie widersprüchlich, so freundlich wie unfreundlich und so geduldig wie ungeduldig. Doch es vereint sie eine Sehnsucht, die sie alle ausstrahlen, eine Hoffnung auf ein Ende der langen Wartezeit.

Seit der Oktoberrevolution sind 100 Jahre vergangen. Genug, meinen viele, mit denen ich in ein längeres Gespräch kam. Es hat Kommunismus, Faschismus, Kapitalismus und Sozialismus auch in anderen Ländern gegeben und so viele Nationen haben sich nach den verschiedensten Katastrophen zu blühenden Gesellschaften entwickelt. »Wir wollen einmal Schifahren gehen nach Österreich, nach Italien ans Meer fahren und ein Badezimmer zu Hause haben, mit Dusche und Wanne, unseren Kindern eine gute Ausbildung bieten und eine gesicherte Pension bekommen. Ist das zu viel verlangt von einem Land mit den reichsten Ölvorkommen und Bodenschätzen der Welt?«, fragte mich eine Übersetzerin in Samara, und sagte fast flüsternd, als spräche sie zu sich selbst, »bei uns geht es um die gerechte Verteilung, zu wenige haben zu viel und zu viele haben fast nichts, und diese Un-verteilung wird verteidigt als gehe es um einen neuen ›Vaterländischen Krieg‹.«

Genug der Show, meinen viele. Olympiade und Fußball WM sollten reichen, um der Welt zu beweisen, dass Russland kein Entwicklungsland ist. »Jetzt sind wir an der Reihe«, meint ein Restaurantbesitzer in einem Vorort von Wolgograd, der seine ebenerdige Wohnung umgebaut hat und jetzt mit nur wenigen Tischen eine Speisekarte mit vier Vor- und fünf Hauptspeisen anbietet. Er und seine Frau kochen. Die Tochter serviert. Neben der roten Krautsuppe gibt es noch Hering mit Zwiebel und russische Knödel, entweder mit Fleisch oder Gemüse gefüllt, als Vorspeise. Als Hauptspeise eine größere Portion Knödel, dann noch eine Art Fleischlaberl mit Bratkartoffeln und Boeuf Stroganoff. Fisch hätte er heute keinen bekommen am Markt, meint er entschuldigend.

Es reiche zum Überleben, meint er, aber zu eben nicht mehr. »Wieviel ist genug?«, fragt er mich. Ich hebe die Schultern und weiß nicht, was ich antworten soll.

»Müssen unsere Reichen Fußballklubs in England kaufen und gleichzeitig den Arbeitern in ihren Fabriken lächerlich niedrige Löhne zahlen?«

Er erwartet keine Antwort von mir und redet weiter:

»Wir Russen sind berühmt für unsere Geduld, aber auch für unseren Zorn, wenn diese einmal zu Ende geht.«

 

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