Feuilleton

Frauen und Männer

Das Paradoxon

Das Ende der Diskriminierung von Frauen öffnete ihnen die einst »männliche« Welt der Ärzte, Politiker, Manager, Flugzeugkapitäne, Soldaten und viele andere Karrieren, und gab ihnen die Möglichkeit, sich frei für Berufe und Lebensformen zu zu entscheiden, die ihren Wünschen, Interessen und Bedürfnissen entsprechen.

Psychologen und Soziologen gingen davon aus, dass eine Gleichstellung bei Ausbildung, Berufs- und Lebenschancen zeigen werde, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen ein Ergebnis unterschiedlicher Erziehung und fehlender Chancengleichheit seien. Die Männergesellschaft habe Frauen in eine Rolle gedrängt, die weder biologisch noch psychologisch ihrem Naturell entspreche. Frauen würden bei einer geänderten Struktur der Gesellschaft mehr und mehr den Männern gleichen und Männer mehr den Frauen. Es werde sich eine Ähnlichkeit ergeben, die anerzogene und erzwungene Unterschiede auflösen würde – so verkündeten Feministinnen und andere Verfechter der Gleichberechtigung.

Um das auch wissenschaftlich zu untermauern, begann die Universität Gothenburg in Schweden eine der größten internationalen Untersuchungen über die Gleichstellung von Frauen, befragte insgesamt 130.000 Personen in 22 Ländern und publizierte vor kurzem die Ergebnisse, ohne jedoch eine Erklärung dazu abzugeben – denn sie hatten keine.

Freie Frauen

Es stellte sich heraus, dass in Ländern mit einem hohen Grad der Emanzipation von Frauen und einem großen Frauenanteil in ehemals typisch »männlichen« Berufen, Frauen sich weitaus mehr von Männern unterscheiden als in Ländern, in denen sich die Gleichberechtigung noch nicht durchgesetzt hat.

Es gibt einen sogenannten »Überlappungs-Quotienten« zwischen Männern und Frauen, mit dessen Hilfe der Grad der Ähnlichkeit gemessen und zwischen Ländern verglichen werden kann. Unter den zahlreichen möglichen Verhaltensformen werden die fünf Wichtigsten (»big five«) definiert, in denen Frauen üblicherweise höhere Werte erzielen als Männer, mit einer gewissen Überlappung bei den Ergebnissen: Aufgeschlossenheit, Weltoffenheit, Freundlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus.

In China, das in Punkto Gleichberechtigung weit hinter den westlichen Ländern hinterherhinkt, erreicht der Überlappungsgrad 84 Prozent, während er in Holland, einem Musterland der Gleichberechtigung, nur 61 Prozent beträgt. Nach Aussage der verantwortlichen Projektleiter scheint das traditionelle Frauen-Männer Verhalten wesentlich ausgeprägter in Gesellschaften mit Freiheit und Gleichheit für Frauen zu sein, obwohl man genau das Gegenteil erwartet hätte. Das drücke sich auf vielen Gebieten aus. So wählen Frauen in Gesellschaften, in denen sie nicht gleichberechtigt sind, bewusst typisch »männliche« Ausbildungswege wie Ingenieurwesen, Flugkapitän, Naturwissenschaften und andere, während diese Bedürfnisse bei Frauen in freien, fairen Gesellschaftsstrukturen als besonders wichtige Wünsche wieder verschwinden. Der Kampf um Gleichberechtigung scheint bei Frauen eher das Bedürfnis auszulösen, sich gegen den Willen der Gesellschaft in »männlich« dominanten Gebieten durchzusetzen, während sie in freien Strukturen eher nach ihren echten Interessen entscheiden.

Parallel zu Ausbildungs- und Berufswünschen wurden Einstellungen und Verhaltensweisen in den Bereichen, Sexualität, Glücklich-Sein, Depressionen, Traurigkeit, Kleidung, Familie, Kunst und Kultur nach den entsprechenden Überlappungs-Quotienten hinterfragt. Mit ähnlichen Ergebnissen – je mehr Frauen in einer Gesellschaft gleichberechtigt sind, desto eher kehren sie zu typisch »weiblichen« Verhaltensweisen, Interessen, Sehnsüchten und Erwartungen zurück, die man längst überwunden glaubte.

Erzwungene Unterschiede

Steve Stewart-Williams, der Autor des Buches »The Ape That Understood the Universe«, versuchte eine Erklärung der Forschungsergebnisse. Vielleicht fühlten sich Frauen in Gesellschaften, in denen sie sich frei entscheiden können, nicht unter Druck, wie Männer zu reagieren, um ihre Gleichheit zur Gleichberechtigung zu beweisen. Eventuell habe man bei der berechtigten Durchsetzung der Gleichstellung genetische und biologische Unterschiede ignoriert, die sich erst bei völliger Gleichberechtigung wieder durchsetzten. Doch auch er musste eingestehen, dass dies alles nur Vermutungen seien, und er keine wissenschaftlich beweisbare Erklärung für diese unerwarteten Entwicklungen und Ergebnisse habe.

Andere Wissenschaftler reagierten auf die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse mit einer Warnung vor dem Klischee, dass jedes geschlechtsspezifische Verhalten immer nur ein Ergebnis von gesellschaftlicher Dominanz und Unterdrückung sei. Die Wissenschaft habe es sich in der Vergangenheit zu einfach gemacht und ließ sich von einer unbewiesenen und nicht-dokumentierten Logik leiten, dass ein Ende der Unterdrückung der Frauen auch ein Ende der angeblich nur anerzogenen Unterschiede der Geschlechter sei. Man müsse in Zukunft die beiden Faktoren voneinander trennen und dürfe Gleichberechtigung nicht mit Gleichheit verwechseln.

Werden Frauen und Männer in einer Gesellschaft gleich behandelt, entwickeln sich ihre Unterschiede weitaus dramatischer als in Strukturen mit erzwungenen Unterschieden. Unterschiede in der Behandlung, in der Erziehung und bei den Chancen in Berufen und Lebensformen, resultieren in einer Gleichschaltung der Erwartungen und Wünsche, die Männer und Frauen immer ähnlicher macht.

In einer Kurzfassung schrieb ein Wissenschaftler über die Ergebnisse, dass Frauen in freien Gesellschaft Frauen sein wollen und in unfreien Strukturen lieber Männer – eigentlich logisch und er wundere sich, dass man als Wissenschaftler bisher das Gegenteil erwartet hätte. Dennoch – laut Fachleuten der Universität Gothenburg ein völlig unerwartetes Ergebnis, wofür weder die Universität noch sonst jemand in ihrem Wissenschaftsbereich bisher eine überzeugende Erklärung habe.

 

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