Europa

Europa, Principessa

Tochter aus Elysium

Europa gibt leider kein gutes Bild ab, Europa wirkt massiv überfordert. Europa ist zerstritten, erstickt am Bürokratismus und verliert ein wichtiges Mitglied. Ist Europa deshalb am Ende? Eher nicht, so wenig wie die EU, die sich administrativ über weite Teile Europas erstreckt.

Und doch ist es wahr, was die Kritiker und Mahner sagen. Die EU tut sich mehr als schwer damit, angemessen auf jene gigantischen Fliehkräfte zu reagieren, die von überallher auf sie einwirken, von Nordosten her durch Russland, von Osten her durch den Islamismus, von Westen her durch die USA, von Süden her durch Millionen wanderungswilliger Afrikaner – oder von nirgendwoher, von innen, durch hausgemachte Probleme.

In Bezug auf Letzteres ist an erster Stelle die eigene Währung zu nennen, der Euro, der auf gutgemeinten, aber tönernen Füßen steht und der EU empfindlich auf eben diese Füße zu fallen droht, wenn es nicht gelingt, mindestens die südlichen Länder von ihrer hohen Verschuldung und der damit einhergehenden Verarmung herunterzubringen. Und an zweiter Stelle steht eine extreme Zusammenballung zeitgeistiger Welt- und Politikbewältigung, die mit der Realität wenig, mit frommen Wünschen umso mehr zu tun hat und die EU vollends handlungsunfähig machen wird, wenn es ihr nicht demnächst gelingt, ihre erlesenen Werte und wohlfeilen Worte einigermaßen in Deckungsgleichheit zu bringen.

Wenn es nicht gelingt… Die Liste der europäischen Probleme ist ellenlang, und stets steht am Schluss jener formelhaft beschwörende Satz. Da liegt es nah, die EU selbst für das Problem zu halten. In Wahrheit ist sie aber nur ein Brennspiegel ihrer Mitgliedsstaaten, und die Probleme wären kaum zu Ende, wenn die EU ans Ende gelangte. Denn die bürokratische Versessenheit in Brüssel und die fatale Neigung, Probleme zu vertagen oder auszublenden, sind kein supra-staatlicher Effekt, sondern in jedem einzelnen Mitglied der EU angelegt. So wenig erfreulich das ist, darf man darin doch auch den Ausdruck sehen der über 500 Jahre schmerzhaft gewonnenen, inzwischen zu sehr ins Formelhafte und Formlose gehenden Überzeugung, dass Konflikte allein über Diskussionen und Kompromisse zu lösen sind.

Einigkeit und Vielfalt

Und so liegt in der daraus resultierenden, gewissen Haltlosigkeit der Mitgliedsstaaten sogar ein starker Hinweis auf die trotz aller Probleme und Einzelinteressen tiefgreifende Einigkeit der EU. Anders als die USA, die nach innen einzelstaatlich und nach außen gemeinschaftlich aufgestellt sind, präsentiert sich die EU recht homogen, was ihre inneren, ihre prinzipiellen Werte anbelangt, und weist in der Außenwirkung heterogene Züge auf, weil die historisch gewachsenen, einzelstaatlichen Interessen zu divergent sind, um sie auf einen einfachen Nenner zu bringen.

Dabei spielt die Sprachenvielfalt die entscheidende Rolle. Um die einzelstaatlichen Divergenzen wirkungsvoll zu überwinden, müsste das gemeinschaftlich bestehende Wertegefüge von einer staatlich-gemeinschaftlichen Organisation überwölbt werden. Und dazu müsste man zuallererst einen europäischen Präsidenten wählen, was jedoch solange nicht gelingen kann, wie man bspw. in Frankreich einen deutschen Kandidaten nicht ebenso unmittelbar versteht wie den französischen – und umgekehrt. Es würde auch nicht weiterführen, politische Programme in die vielen EU- Landessprachen zu übersetzen, selbst wenn die Programme noch so respektabel auf regionale Einzelinteressen eingingen. Vielmehr braucht es, um Wahlen abhalten zu können, direkt ins Gehör gehende und dann erst wirksame, identifikatorische Bindungen.

Die EU ist trotz der historischen und sprachlichen Umstände eine starke Gemeinschaft, eine Gemeinschaft starker Werte, aber aus sprachlichen und historischen Gründen auch eine notorisch schwache Organisation. Wenn man das versteht, kann man sich über das dennoch erreichte, europäische Organisationsniveau fast schon wundern. Und es wird deutlich, dass Bürokratismus, Zeitgeist und Problemleugnung gewissermaßen Flucht- und Zielkorridore sind, in denen man wenigstens zu formaler Einigkeit hinfindet. Das hat, alles in allem, nicht gut, aber auch nicht schlecht funktioniert, solange die Welt nicht in Unruhe geraten war.

Wie soll, wie kann die EU jetzt weitermachen? Ist die Aufteilung in Süd- und Nordunion die Lösung, eine EU verschiedener Geschwindigkeiten? Bannt man so die inneren Fliehkräfte und die äußeren Bedrohungen? Wirtschaftlich hätte die Splittung der EU manche Vorteile, aber der ärmere Süden würde zum Einfallstor globaler Interessen, während der wohlhabende Norden immer noch an allen Symptomen kranken würde, die Europa heute schon destabilisieren.

Die EU muss ihr Potenzial nutzen

Das Beste wird sein, dass man eng beieinander bleibt – und lernt! Aber ist das möglich? Ist es wirklich vorstellbar, dass die EU ihr Zaudern und Verwässern rechtzeitig aufgibt und in einen Prozess konvergenter Problembewältigung eintritt? Möglich wäre es; denn die einwirkenden Kräfte, die Europa schwächen, erzwingen das Lernen früher oder später geradezu. Anders und konkreter gesagt, könnte sogar eine noch so fragile EU angemessene Schlüsse aus der Notwendigkeit ziehen, eine gemeinsame Verteidigung zu organisieren, ihre Außengrenzen zu schützen und den zeitgeistigen, bürokratischen, dazu teuren Wildwuchs zurückzufahren. Damit wäre, selbst wenn es verspätet oder sogar halbherzig geschieht, schon viel erreicht.

Und warum sollte das nicht gelingen? Die EU ist stärker, als es scheint, während etliche der politischen Kräfte, die Europa bedrohen, weitaus schwächer sind, als ihr imperiales Gehabe nahelegt. Sie sind es, die dem Untergang geweiht sind! Europa mag unter deren sinistrer Ungeschliffenheit und an sich selbst ernsthaftes Leid erfahren, muss aber nicht befürchten, als Anachronismus von der Bühne der Geschichte gefegt zu werden.

Im Gegenteil! Denn die oft und zurecht kritisierte EU ist ein vielleicht unzulänglicher, aber zuletzt doch großartiger Entwurf. Es ist ihr gelungen, Staaten, die über eine ebenso reizbare wie schillernde Vielfalt verfügen, die weltweit für mehr Geist, Farbe und Innovation gesorgt haben als jede andere Region der Erde, zu einen und zu befrieden. Daran ändert auch das Gespenst des sektiererischen Populismus nichts, das den Kontinent gerade heimsucht.

In der Substanz hat sich Europa entlang seiner komplexen Wertewelt längst in eine Zukunft hinein entwickelt, die andere Weltregionen noch nicht einmal auf dem Radar haben. Und sie wird sich damit, wenn auch unter Verlusten, durchsetzen: Vergangenheit war noch nie eine tragfähige Option. Mag vieles von dem, was die EU und etliche ihrer Mitglieder tun und lassen, an das Gebaren einer Principessa erinnern, die sich lieber im Spiegel anschaut als der grobschlächtigen Realität zu entsprechen – Europa ist ein globales Modell, das zwar etlicher Korrekturen bedarf, aber mittel- und langfristig über enormes Potential verfügt.

 

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