Großbritannien

Englisches Fußballwunder

Die stärkste Liga der Welt

Die typischen britischen Pubs sind nicht jedermanns Sache, wenn man ein Wiener Wirtshaus gewohnt ist, wo Stammgäste am liebsten bei einem Glas Wein sitzen, und die Speisekarte auf die gleichen zehn Vorschläge beschränkt ist und von Frittaten-Suppe bis Schweins-Schnitzel eine Auswahl anbietet, die es fast unmöglich macht, eine Woche lang täglich etwas anderes zu essen.

In den meisten Pubs wird kaum gegessen und praktisch kein Wein getrunken. Es geht um Bier, um die verschiedensten Sorten, und wenn man wirklich Hunger hat, bestellt man direkt an der Theke Fish-and-Chips, ein Sandwich oder Sonntags einen Sunday-Roast, zahlt auch gleich und bekommt eine Nummer, die man auf den Tisch stellt, damit der Mann hinter der Theke erkennt, wohin er das Essen bringen soll.

Einen besonderen Stellenwert haben die Fußball-Pubs. Dort geht man nicht einfach hin, um irgendein Spiel zu sehen, sondern die Fans der verschiedenen Klubs treffen sich in bestimmten Lokalen, wo Anhänger anderer Teams nicht gerne gesehen werden. In den Fußball-Pubs steht man und sitzt nicht bequem an einem Tisch. Auf meist erhöhten Tischen ist Platz für das Glas Bier, doch die Hocker rund um die hohen Tischen werden nicht benutzt, man braucht die Beweglichkeit, das Herumspringen, das Hin-und-Her-Gehen, die Gespräche mit den anderen Gästen und Platz für die Freudens- oder Wutausbrüche je nach Fortgang des Spieles.

Eine Fußball-Pub bietet nicht einen großen Bildschirm irgendwo am Ende des Raums, sondern im ganzen Bereich sind oft mehr als ein Dutzend TV-Geräte an den Wänden, auf denen das Spiel gezeigt wird, so dass man es im gesamten Pub-Bereich in allen Räumen verfolgen kann. Selbst wenn man auf die Toilette geht, wird man keine Sekunde des Matches versäumen. 

In den letzten Tagen spielten sich abenteuerliche Szene in diesen Pubs ab, als Liverpool und Tottenham überraschend das Finale der Champions-League erreichten. Wildfremde Menschen lagen einander in den Armen, oft mit Tränen in den Augen, und konnten sich kaum beruhigen. Männer küssten fremde Frauen und kleine Buben und Mädchen kreischten nach Ende der beiden Spiele als hätten sie den Weihnachtsmann entdeckt, der angeblich nicht existieren würde. Die übliche zurückhaltende, englische Art sich zu freuen wurde für einen Moment vergessen und man zeigte sich durchaus unbritisch fröhlich und begeistert.

Anhänger eines bestimmten Klubs zu sein, geht weit über die normale Unterstützung eines Vereins hinaus und gleicht eher einer Mitgliedschaft bei einer Religionsgemeinschaft. Saisonkarten werden über Generationen weitergegeben, und als Sohn ein anderes Team als der Vater zu unterstützen, gilt als Verrat innerhalb der Familie. Saisonkarten für die Spitzenteams wie Manchester United, Liverpool oder Chelsea sind nur über eine Warteliste zu bekommen. Wenn man sich in jungen Jahren dort einträgt, kann es sein, dass man als Pensionist einen wirklich guten Sitzplatz bekommt. In den letzten Jahren haben die weniger wichtigen Teams einen gewissen Prozentsatz der Tickets über den Frei-Verkauf angeboten, die meist in wenigen Stunden ausverkauft sind.

Selbst für Teams, die sich in der Abstiegszone bewegen, sind Saison-Karten kaum zu bekommen, und auch hier muss man zumindest ein bis zwei Jahre warten, bis man einen Platz irgendwo hinterm Tor in der letzten Reihe bekommt und sich dann Jahr für Jahr mit einer Erneuerung des Abos in die besseren Ränge vorarbeitet.

Insgesamt ist die Premier League – wie die oberste Spielklasse heißt – die Vereinsgruppe mit den meisten Zusehern weltweit. Weder eine andere Fußball-Liga in einem anderen Land noch eine andere Sportart haben so viele Zuschauer. Etwa 650 Millionen Haushalte verfolgen die Premier League, mit fast 5 Milliarden Zusehern. Sie wurde 1992 gegründet und besteht aus 20 Teams. Nach den katastrophalen Ergebnissen englischer Teams in den 70er und 80er Jahren beschlossen die besten Teams, aus der britischen Fußballorganisation auszuscheiden und eine eigene Liga zu gründen. Der TV-Manager Greg Dyke gründete gemeinsam mit den sogenannten »Big Five« – Manchester United, Liverpool, Tottenham, Everton und Arsenal – die Premier League, um über lukrative TV-Verträge mehr Geld in die Vereine fließen zu lassen, damit diese wieder international konkurrenzfähig werden.

Durch Werbeeinnahmen, TV-Rechte und den Verkauf von T-Shirts und anderen Klub-Andenken entwickelten sich die Vereine zu Milliarden-Unternehmen, die jedes Jahr mehrere hundert Millionen Pfund umsetzen. Die Position der Klubs in der Liga hat jedoch wenig Aussagekraft über die Einnahmen. Manchester United ist mit Abstand der kommerziell erfolgreichste Verein, doch selbst im Ausland weniger bekannte Klubs wie zum Beispiel West Ham haben einen Jahresumsatz von mehr als 200 Millionen Pfund. Seit der Gründung der Premier League hat Manchester United 13-mal den Titel gewonnen, Chelsea 5, Arsenal und Manchester City je dreimal. Die einzigen Klubs außerhalb der »Big Six« wie sie jetzt heißen, waren Blackburn Rovers und Leicester City, die je einmal den Titel gewonnen hatten

Nicht nur die Spieler sind berühmte Stars, sondern auch die Trainer, die in der Premier League mehr dem CEO eines Unternehmens gleichen als einem Fußballtrainer. Persönlichkeiten wie Ferguson, Wenger, Mourinho und Guardiola sind weltweit bekannt, und für jeden Trainer ist ein Job in der Premier League der absolute Höhepunkt seiner Karriere.

Heuer wird es zu einem rein englischen Finale in der Champions League kommen. Beide Finalisten, Liverpool und Tottenham überraschten die Fußballwelt mit einem konzentrierten, aggressiven Fußball, der bis zur letzten Sekunde der Spielzeit durchgehalten wird. Technische Perfektion mit körperlichem Einsatz lösten den akademischen Fußball der Spanier und Italiener ab, die in den letzten Jahren siegten. Auch das Euro-League Finale wird heuer eine rein englische Angelegenheit zwischen Chelsea und Arsenal sein. Damit sind zum ersten Mal in der Geschichte des europäischen Fußballs in beiden Tournieren nur englische Teams. 

Der moderne, englische Fußball hat damit die Ball-Zauberer aus Spanien abgelöst, die sich zu sehr auf einzelne Stars verlassen und das Teamspiel vernachlässigen – behaupten zumindest die TV-Kommentatoren. Besonders heiter sind manchmal die Vorlieben dieser TV-Kommentatoren, die natürlich ebenfalls Fans bestimmter Mannschaften sind, und nicht viel von neutraler Berichterstattung halten. Wenn ihr bevorzugtes Team verliert, sprechen sie mit entsprechendem Ärger über die Fehler dieser Mannschaft, würden jedoch nie die Vorzüge der Sieger erwähnen. Gewinnt ihr Lieblings-Team, sind sie kaum zu bremsen vor lauter Bewunderung. Doch man kennt sie hier und verzeiht ihnen ihre Einseitigkeit, im Gegenteil, es macht sie im englischen Sinne eben auch nur zu Fußball-Fans.

 

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