Feuilleton

Die Kinder vom Himalaya

12 Jahre Schule ohne Eltern

Wer denkt schon, wenn er seine eigenen Kinder morgens vor der Schule absetzt oder sie aus dem Hause jagt, damit sie den Bus oder die Straßenbahn nicht versäumen, dass es Kinder gibt, die eines Tages von einem bergerfahrenen Lehrer abgeholt werden und sich für fünf, zehn oder zwölf Jahre verabschieden.

»Snowland School« in Katmandu wurde 2001 von Guru Ranag Tulkh Rinchen Rinpoche (Dolpo Buddha) gegründet und hat heute etwa 200 Kinder aus den Regionen Solukhumbu, Humla, Jumla, Mugu und Dolpa im Himalaya, wo die Dorfschulen in den entlegenen Bergdörfern wegen der Kälte und der eisigen Stürme nur vier Monate im Jahr geöffnet sind. Die »Schnee-Schule« kann den Kindern wegen der beschränkten finanziellen Möglichkeiten nur für fünf Jahre Unterricht bieten. Wenn sich die Eltern eine weitere Ausbildung nicht leisten können, müssen die Kinder zurück in die Dörfer.

Die wenigen Kinder aus den Bergdörfern, die das Glück haben in die »Snowland School« aufgenommen zu werden, verlassen ihre Eltern und ihr Zuhause im Alter von vier oder fünf Jahren und kehren frühestens nach Ende der Ausbildung zurück – also fünf Jahre später. Jene, die ein Stipendium bekommen und das Gymnasium abschließen, sehen ihre Familien zwölf Jahre lang nicht.

Eine Reise zurück in die Dörfer von den kleinen Landepisten im hohen Norden von Nepal dauert zehn bis zwanzig Tage mit täglich zehn bis zwölf Stunden Fußmarsch. Proviant, Zelt, Schlafsack und Kleidung müssen getragen werden, es gibt meist keinen Strom unterwegs und die Mobiltelefone funktionieren nur an wenigen Punkten. Die Kosten der Reise von Katmandu in die Dörfer und zurück in die Schule liegen bei etwa 2000 Euro, das entspricht dem Jahreseinkommen einer Familie in den Bergregionen.

Jetzt hat zum ersten Mal ein Kamera-Team drei Kinder aus der Schule auf ihrem Heimweg zurück in die Dörfer begleitet und die Reisekosten übernommen. Der Film unter dem Titel »Children of the Snowland« von Zara Balfour und Marcus Stephenson gewann bereits mehrere Preise und wird aufgrund des großen Erfolgs nun auch in Europa die Kinos erreichen. Drei Schüler unter den Absolventen der »Snowland School« wurden ausgewählt, das Mädchen Tsering Deki Lama, und die beiden Buben Jeewan Mahatara und Nima Gurung. Die Lehrer schätzten sie auf etwa 15 bis 17 Jahre alt. Da es in den Berg-Regionen weder Geburtsurkunden noch andere Dokumente gäbe, sei es schwer, ein genaues Alter anzugeben.

Balfour und Stephenson begleiteten Tsering und Jeewan zu ihren Dörfern, doch schafften sie den viel längeren Weg nicht zu Nimas Dorf. Durch Solarzellen auf ihren Rücksäcken versorgten sie die Kameras mit Strom. Die Reise sei extrem anstrengend gewesen, erzählte Stephenson nach der Rückkehr, und selbst die drei Jugendlichen, die seit frühester Kindheit nicht mehr in den Berg-Regionen waren, litten unter der Höhenkrankheit. 

Doch die Hoffnung, nach all den Jahren die Eltern wieder zu treffen, trieb sie voran und ließ sie nicht aufgeben. Nach ein paar Tagen seien es die Kinder gewesen, die den beiden Produzenten des Filmes gut zuredeten, einfach weiterzugehen und nicht zurückzukehren. Balfour berichtete, dass sie mehrmals pro Tag die Kinder verzweifelt gefragt hätten, wie weit es noch sei. Diese antworteten ihnen mit buddhistischer Weisheit, es ginge nicht um den Weg bis zum Dorf, man könne sich immer nur auf den nächsten Schritt konzentrieren.

Der Film zeigt das Wiedersehen zweier der drei Kinder mit ihren Eltern, die sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hatten. Tserings Mutter zeigte sich wenig beeindruckt von der Rückkehr ihrer Tochter und ging hinaus aufs Feld, um wieder zu arbeiten, was sie jeden Tag tat seit ihrer Kindheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in diesen Regionen liegt bei etwa vierzig Jahren, und die Arbeit in der schwierigen Landwirtschaft übernehmen die Frauen, während die Männer oft durch Alkoholismus noch früher zugrunde gehen.

Jeewans Mutter reagierte mit etwas mehr Interesse, ließ jedoch nicht zu, dass der Sohn ihr helfen würde. Er sei zu schwach für die Arbeit, meinte sie, und lud sich während sie sprach mehrere Bäume auf ihren Rücken, die sie zu den Hütten trug. Jeewan, aufgewachsen in Katmandu und fließend englisch sprechend, hatte zu Beginn sogar Schwierigkeiten, den Dialekt seiner Mutter zu verstehen.

Die Familien konnten auch nicht verständigt werden vom Besuch ihrer Kinder, da die nächsten Punkte, wo Mobiltelefone funktionierten, fünf Stunden Fußmarsch von den beiden Dörfern entfernt lagen. 

Nima, der den längsten Weg nach Hause hatte, und keiner es schaffte, ihn zu begleiten, erlebte die größte Enttäuschung der drei. Sein Vater, berichtete man ihm, sei verschwunden. Es habe Streit gegeben wegen des ständigen Trinkens, und auch seine Mutter zeigte wenig Interesse an ihm. Die Situation besserte sich nach ein paar Tagen als andere Bewohner des Dorfes sich seiner annahmen. Doch ein Nach-Hause-Kommen nach so vielen Jahren hatte er sich anders vorgestellt. Die drei Jugendlichen verbrachten drei Monate in ihren Dörfern und dokumentierten mit kleinen Kameras ihren Alltag.

Die Produzenten des Dokumentarfilms schätzen, dass es in den Regionen des Himalayas, in Afghanistan und im Iran etwa sechs Millionen Kinder gebe, die ihre Eltern zu Beginn der Schulzeit verlassen und bis zum Ende nicht nach Hause kommen. Während der Arbeit mit den Kindern der Schule in Katmandu und in den Dörfern zweifelten sie manchmal, ob der westliche Zugang zu diesen Gesellschaften mit Schulen und Ausbildung nicht auch einen zerstörenden Effekt auf Gemeinschaften und Traditionen habe. 

Doch es sei immer die Entscheidung der Eltern, ihre Kinder auf Schulen zu schicken und zu wissen, dass sie die Kinder vielleicht sogar nie wiedersehen und eine wichtige Hilfe in der täglichen Arbeit verlieren würden. Das sei eine Form der Elternliebe, die man – aus der westlichen Gesellschaft kommend – erst einmal versuchen müsste, zu verstehen, bevor man kommentieren und bewerten würde. 

 

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