EIN SCHWEIGSAMER ARCHÄOLOGE

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Der wahre Held der Terrakotta Armee

Einem großen, schlanken Mann, der immer nur flüsterte und angeblich sein ganzes Leben lang keine 100 Wörter mit seiner Familie gesprochen hatte, verdankt die Welt eine der größten und wichtigsten archäologischen Entdeckungen der Weltgeschichte.  Zhao Kangmin war der Leiter eines kleinen Museums in Lintong in der Nähe der Stadt Xian in China, als ihm in den sechziger Jahren ein Bauer einen Kopf eines Kriegers aus Terracotta brachte, den er in seinem Feld gefunden hatte, als er nach Wasser grub. Es war ein besonders trockenes Jahr, und die Bauern gruben tiefer als sonst. Er glaubte zuerst, nur einen alten Krug gefunden zu haben, berichtete der Bauer, bis er sah, dass es ein Kopf war.

Zhao bat ihn, ihm die Stelle zu zeigen, und sie fuhren mit ihren Fahrrädern zurück zu dem trockenen Acker, wo Zhao im Laufe der nächsten Wochen und Monate noch Arme, Beine, Waffen und Teile von Körpern fand. Der Bauer gestand, verschiedene Metallstücke, die wie Pfeilspitzen aussahen, bereits verkauft zu haben, so dass Zhao ihn und die anderen Bauern bat, nicht weiter nach Schätzen zu suchen und auch zu niemandem über die Funde zu sprechen. Er konnte die Behörden nicht einschalten, da damals – mitten während der Kulturrevolution – die Gefahr bestand, dass Vertreter der »Roten Garden« die Ausgrabungen übernehmen würden, um alles zu zerstören. Zhao selbst wurde bereits von den Mao-treuen Pionieren als Museumsleiter gezwungen, öffentlich »Selbstkritik« zu üben und musste gestehen, den »Feudalismus« durch seine Arbeit mit Antiquitäten unterstützt zu haben.

Zweitausend Jahre alte Krieger

Zurück in seinem winzigen Arbeitsraum begann er die einzelnen Stücke – manche nicht größer als eine Nagelspitze – vorsichtig zu waschen und zusammen zu kleben, bis nach mehreren Jahren Arbeit zwei Krieger in voller Uniform vor ihm standen, mit verschiedenen Gesichtszügen und kleinen Unterschieden in ihrer Haltung. Zhao war der erste, der sie als Soldaten identifizierte, die das Grab des ersten Kaisers von China, Qin Shi Huang, bewachten, der das zerstrittene und zerstückelte China vor 2000 Jahren zu einem Land vereinte.

Mit dem Ausklingen der Kulturrevolution wagte Zhao, die Behörden in Beijing über seine Entdeckung zu informieren. Sie erkannten den kulturellen und historischen Wert dieses Fundes und eine der größten Ausgrabungen des letzten Jahrhunderts begann. Aufgrund der enormen Ausdehnung des Gebietes – etwa 200-mal größer als das »Tal der Könige« in Ägypten – setzten die Behörden die Armee ein, um die Ausgrabungen zu sichern. Manche der Ausgrabungshallen sind größer als ein Flugzeughangar. Tausende Figuren wurden gefunden. Unter ihnen neben den aufrecht stehenden Kriegern kniende Bogenschützen, Offiziere mit Rangabzeichen und unterschiedlichen Uniformen, Pferde, die vor verschiedene Wagen gespannt waren oder einen Sattel für die Kavallerie trugen. Jeder Krieger hatte seinen eigenen Gesichtsausdruck, auch die Pferde zeigten unterschiedliche körperliche Merkmale. Bis heute wurden vier Felder mit Figuren bearbeitet. Fachleute vermuten, dass in dem gesamten Gebiet bis zu 8000 Krieger und andere Grabwächter vergraben sind.

2007 zeigte das Britische Museum in London zum ersten Mal die Terrakotta Figuren außerhalb Chinas. Die wartenden Besucher standen stundenlang rund um das Museum, und viele von ihnen mussten abgewiesen werden. Millionen von Touristen und Fachleuten besuchten seit der Eröffnung des Museums in der Provinz Shaanxi, wo Xiangyang, die ehemalige Hauptstadt des Reiches lag, die Ausgrabungen, und 1986 bestand auch die britische Königin während ihrer Reise durch China darauf, die Terrakotta Armee zu besichtigen.

Eine Pensionserhöhung als Ehrung

Der 1936 geborene Entdecker der archäologischen Sensation, Zhao Kangmin, Sohn einfacher Bauern, der als Kind auf den Feldern der Eltern arbeitete, später im Museum von Lintong als Beamter aufgenommen wurde und nie ein akademisches Studium abgeschlossen hatte, blieb weitgehend unbekannt. Zhao entwickelte eine Begeisterung für Archäologie und Altertumskunde und wurde bereits mit 24 Jahren zum Leiter des Museums ernannt. Seine Studenten berichten, dass er mit ihnen von Dorf zu Dorf fuhr, alte Grabsteine und Inschriften kopierte und später im Museum in nächtelanger Arbeit versuchte, in seinen Archiven die Herkunft der Personen zu finden. Er entdeckte ein paar Jahre nach der Terrakotta Armee einen Palast und einen Tempel aus der Tang Dynastie und widmete einen der drei Räume in dem winzigen Museum, wo er als Direktor arbeitete, dieser Epoche der chinesischen Geschichte.

Seine Frau beschrieb ihn einst gegenüber einem Journalisten als einen extrem schweigsamen Menschen, den sie je getroffen hatte. Er richtete sich im Museum in seinem kleinen Arbeitszimmer eine Schlafstelle ein und kam oft wochenlang nicht nach Hause. Jeden Mittag und Abend brachte sie ihm das Essen ins Museum. Er stand jeden Morgen um vier Uhr früh auf und machte einen zwei Kilometer langen Spaziergang. Seine Tage verliefen mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Es interessierte ihn nichts anderes als seine Arbeit. Hochzeiten, Geburtstage und andere familiäre Festivitäten seien ihm eine Qual gewesen, erzählte seine Frau, die ihn dennoch bewunderte und verehrte. Einer seiner beiden Söhne studierte Archäologie.

Die einzige Ehrung, die er je bekam, war eine Erhöhung seiner Pension für »besondere Leistungen« nach 40 Jahren als Leiter des Museums. Andere bekamen Orden und Auszeichnungen, doch Zhao blieb sein Leben lang nur wenigen bekannt als der »Held« der Terrakotta Armee

Vor ein paar Wochen fand ihn einer seiner Söhne in dem Arbeitszimmer, das er sich nach der Pensionierung zu Hause eingerichtet hatte. Er starb 82-jährig an einer Lungenentzündung. Auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster, den er als Arbeitsplatz benutzt hatte, lag ein Stein aus der Tang Dynastie mit einer kaum leserlichen Inschrift, die er Wort für Wort versuchte, in modernes Chinesisch zu übertragen.

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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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