Im Schlaglicht Wissenschaft

Diktatur des Mittelmaßes

Eine minderbegabte Meinungspolizei diszipliniert die wenigen Genies

Vor ein paar Wochen gab der 90-jährige Wissenschaftler James Watson sein wahrscheinlich letztes Interview. Nach einem Autounfall lebt er schwer behindert in einem Pflegeheim, und kaum noch etwas erinnert an die sensationellen wissenschaftlichen Arbeiten, für die er 1962 den Nobelpreis bekam.

Sämtliche modernen Forschungen an der lebenden Materie, der Biologie und der Genetik gehen auf seine Entschlüsselung der menschlichen DNA zurück, und diese Entdeckung machte ihn zu einem der wichtigsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. 

In dem Interview vor ein paar Tagen wiederholte Watson eine Theorie, die ihn schon 2007, als er das erste Mal davon sprach, aus allen ehrwürdigen Positionen entfernte. Er behauptete, dass Schwarze weniger intelligent seien als Weiße, und versuchte das mit unterschiedlicher Genetik und einem unterschiedlichem IQ zu beweisen. 2007 entschuldigte er sich noch dafür, was ihm wenig nützte. Auch damals wurde er von vielen Kollegen verurteilt. Jetzt wiederholte er diese Behauptung und das Cold Spring Harbour Laboratory in New York, wo er als Direktor seine wichtigen wissenschaftlichen Arbeiten publizierte, nahm alle Ehrungen und Titel zurück, die sie ihm einst verliehen hatten.

In den Biographien und Interviews, die über Watson veröffentlicht wurden, geht immer wieder hervor, was für eine komplizierte Persönlichkeit der Wissenschaftler ist. Manche Journalisten klagten über Beschimpfungen, die sie wegstecken mussten, damit das Gespräch nicht abgebrochen werde, und andere meinten, dass Watson seine Zustimmung für den Druck eines Interviews sofort zurückzog, wenn ein einziger Satz nicht genau so publiziert wurde, wie er ihn formuliert hatte. 

Er war als Wissenschaftler nicht besonders beliebt bei seinen Kollegen, doch die meisten beschrieben ihn als einen faszinierenden Menschen, wenn man seine Launen einfach ignorierte. Er schockte seine Mitarbeiter und Zuhörer oft mit absurden Theorien. Bei einem seiner Vorträge überraschte er das Publikum mit der Behauptung, das Sonnenlicht habe einen Einfluss auf das Liebesleben. Deshalb spreche man in der Literatur von »Latin Lovers« und »English Patients«.

Als Kind in den Armenvierteln im Süden von Chicago aufgewachsen, imponierte er dem Präsidenten der berühmten University of Chicago, der ihn bei einer Quiz-Show für Schüler im Fernsehen beobachtete und ihm ein Stipendium anbot. Seiner Autobiographie gab er den Titel »Avoid Boring People« (Geh langweiligen Menschen aus dem Weg).

Was macht man mit einem Genie, das die Entwicklung der gesamten modernen Biologie beeinflusst, wenn es sich als Person mit Meinungen zu Wort meldet, die verletzend, beleidigend und auch wissenschaftlich falsch sind? Nimmt man ihm alle sein Titel und Ehrungen weg, die er für die Entschlüsselung der DNA bekommen hat? Die Ergebnisse seiner Forschungen sind weiter gültig, seine Behauptungen und Theorien bewiesen und nicht widerlegt, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sensationell und einmalig. Inwieweit ist es möglich, die Person von seinen Ideen und Theorien zu lösen, die Wissenschaft zu sehen ohne den Wissenschaftler? Würde die Erde sich nicht um die Sonne drehen, wenn sich eines Tages herausstellte, dass Kopernikus ein Vergewaltiger war? Würde die Relativitätstheorie seine Bedeutung verlieren, wenn man herausfände, dass Einstein seine Ehefrau ermordet hat?

Noch komplizierter wird es bei der Kunst. Sollte man Bücher von Schriftstellern nicht lesen, die den Nationalsozialismus oder Kommunismus verehrten? Sind Bilder, die während der Nazi-Zeit gemalt wurden automatisch zu verwerfen oder zu ignorieren und dürfen in keinem Museum ausgestellt werden, auch wenn sie einen künstlerischen Wert haben? Wo beginnt sich die Bewertung einer Leistung von der Person zu lösen, und in welchen Fällen ist das Werk auf ewig mit den Schandtaten des Schöpfers verbunden?

In manchen Fällen gelingt die Kombination. Forschung und Persönlichkeit ergänzen einander wie bei Einstein und Hawking, die beide zu internationalen Stars wurden. Doch in vielen Fällen verbergen sich hinter genialen Ideen komplizierte Charaktere, unruhige Menschen, die nicht dem Klischee des erfolgreichen, angesehenen Künstlers oder Wissenschaftlers entsprechen. Diese vom Mittelmaß der Gesellschaft in eine Zwangsjacke zu stecken und sie zu allem und nichts nach ihrer Meinung zu befragen, bedeutet, die Ausnahmeerscheinungen unter den Menschen bewusst aufs Glatteis zu führen, ohne Schlittschuhe und ohne Training.

Es ist im Grunde genommen völlig gleichgültig, was ein James Watson über die unterschiedliche Intelligenz von verschiedenen Rassen sagte, man sollte ihn nicht danach befragen und schon gar nicht seine Antworten veröffentlichen. Ein Schauspieler, ein Wissenschaftler, ein Maler oder Schriftsteller stellt außerhalb seines Faches keine Autorität dar. Die Meinungen eines James Watson zum IQ von Weißen und Schwarzen sind so wichtig und interessant wie meine, oder die des Taxifahrers, der an der Ecke Kärntnerstraße gegenüber der Oper auf seine nächste Fuhre wartet. 

Doch vor allem Medien und Journalisten sehen das anders. Es wirkt wie eine Verzweiflungstat, um die Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen, die Medien verloren haben, bekannte und berühmte Persönlichkeiten zu »überführen«, sie bloßzustellen, sie zu ertappen bei einer Aussage, einer Meinung, die dem ungeschriebenen Gesetz der politischen Korrektheit widerspricht. Eine Meinung, die nicht akzeptiert werden könnte, von wem auch immer, und die zu Reaktionen führt, die nichts mit dem Schaffen des Genies zu tun hat. Politiker, Wissenschaftler und Künstler werden degradiert, zum Rücktritt gezwungen, verlieren ihre Auszeichnungen und Ehrentitel, die sie für außergewöhnliche Leistungen erhalten hatten – die jedoch immer noch existieren, egal was sie später einmal zu einem anderen Thema sagten.

Das irritierende Verhalten jenseits der eigenen Spielwiese kommt leider auch oft von den Kreativen selbst, die ihre Popularität und Bekanntheit missverstehen, und sich zu Themen melden, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. Wissenschaftler, die Politik kommentieren, Schauspieler, die Politiker kritisieren, Schriftsteller, die der Meinung sind, das Schreiben einer Geschichte habe sie autorisiert, den Menschen die Welt zu erklären. Sie überschätzen sich selbst, verstehen den Grund ihrer Popularität nicht, weichen ab von ihrem Spielfeld und gleichen einem Fußballspieler, der hinter der verlängerten Torlinie den Ordnern erklärt, wie sie am besten die Zuseher kontrollieren sollten. 

Die wenigen genialen Menschen, die sich von der Masse der Ähnlichen durch ihre Leistungen unterscheiden, haben das Recht, nach ihren Meisterwerken beurteilt zu werden – ohne ihre Fehler oder Verbrechen zu ignorieren oder zu entschuldigen. Roman Polanski hat mit dem Film »Chinatown« ein Meisterwerk geschaffen und sollte dennoch verurteilt werden für die Vergewaltigung einer Minderjährigen. Caravaggios Genialität in seinen Gemälden ändert nichts an der Tatsache, dass er ein Mörder und Verbrecher war. Brechts Begeisterung für den Kommunismus und seine Unterstützung des DDR Regimes widerspricht nicht der Genialität seiner Theaterstücke. 

Eine minderbegabte Meinungs-Polizei, von Niemandem autorisiert und im Namen aller agierend, schießt der Menschheit die wenigen Begabungen heraus wie bei einem Kegelspiel. Ein bürokratischer Verwaltungsrat jener Universität, die James Watson mit seinen Forschungen weltberühmt machte und ihr Millionen an Spenden verschaffte, degradiert ihn zur Unperson – wegen einer sicherlich problematischen Aussage. Das Mittelmaß kontrolliert mehr und mehr die Genialität und diszipliniert sie, je nach Laune und Disposition.

 

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