DIE WM-SIEGER: DIE RUSSEN

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WM-Tagebuch, 15. Juli

Symbol für den Erfolg der Fußball-WM, liest man quer durch die internationalen Medien, war angeblich Präsident Putin. Mit dem etwas rund gewordenen Gesicht und einem müden Lächeln zeigte er sich auf der Ehrentribüne während des Final-Spiels eher gelangweilt, Fußball scheint ihn überhaupt nicht zu interessieren. Wenigstens bot man ihm einen Schirm bei der Siegerehrung, während der Franzose und die Kroatin sich langsam aber sicher im Regen auflösten.

Neben Putin auf der Ehrentribüne der französische Präsident, der auf und ab sprang wie ein Zehnjähriger auf einer Geburtstagsüberraschungsparty. Seine Umarmungen der einzelnen Spieler der französischen Mannschaft waren unterschiedlich lang – politisch unkorrekt würde man sagen je nach Hautfarbe, um der Welt zu beweisen, wie offen und integrierend die französische Gesellschaft sei – und auch nicht jeder bekam einen Kuss auf die Stirn, wie es sonst Großväter tun, die sich schwerkrank verabschieden.

Der Inbegriff der Peinlichkeit war allerdings der FIFA Präsident, Gianni Infantino, dessen unterwürfiges Gehabe gegenüber Putin alle Grenzen des Erträglichen überschritt. Es hätte nur noch gefehlt, dass ihm gestattet worden wäre, nicht neben Putin, sondern zu dessen Füssen zu sitzen, dann hätte sein Verhalten noch besser zur Veranstaltung gepasst. Immerhin, für einen Platz unter Putins Schirm hat es gereicht.

Einzig die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović, die 46 Jährige Berufspolitikerin und Absolventin der Diplomatischen Akademie in Wien, wirkte authentisch und überzeugte mit ihrem fröhlichen Auftreten. Sie verzichtete auf das Chanel-Kleid und die langweiligen dunklen Anzüge der Männer und zeigte sich in ihren Landesfarben. Als der Regen ihre perfekte Frisur langsam zerstörte, die blonden Haare einfach nur glatt an ihrem Gesicht klebten, die Schminke über die Wangen in ihr Kleid tropfte, sah man plötzlich eine schöne Frau, die mit dem Wasser auf ihrem Körper immer schöner wurde, und man beneidete fast die einzelnen Spieler, die sie umarmte.

Über das Finale und den entscheidenden geschenkten Freistoß, der das erste Tor der Franzosen zur Folge hatte, über den ungerechten Elfmeter und die fantastischen Schüsse der französischen Stars wurde bereits genug geschrieben. Als Beitrag zur Kuriosität des Sportjournalismus vielleicht noch die Interpretation des Vertreters der Österreichischen Zeitung Der Standard, der meinte, es habe der »Falsche« gewonnen, denn im Sport sollte der »Kleine« über den »Großen« siegen, da er ja sonst überall verliere.

Wer war nun wirklich der Sieger? Die französische Mannschaft, die von Spiel zu Spiel besser wurde, oder Kroatien, das als Zwergland mit etwas mehr als 4 Millionen Einwohnern mit einem fantastischen Team das Finale erreichte? Oder Präsident Putin, der den mehr als einer Million Gästen aus aller Welt eine hervorragend organisierte WM bot, ohne Hooligans, ohne Kriminalität und Alkoholismus, ohne Demonstrationen und Verhaftungen von Oppositionellen, ohne Chaos auf den Flughäfen und Bahnhöfen?

Wenn es jemand gäbe, der diese WM als Sieg feiern sollte, dann wären es »der Russe« und »die Russin«. Es mag pathetisch klingen, aber es waren die einfachen Menschen, die dieses Sportereignis tatsächlich zu einem eindrucksvollen Erlebnis machten. Egal wo und wann, in welcher Stadt, zu welcher Uhrzeit und bei welchem Problem. Mit einer unglaublichen Gelassenheit und Geduld zeigte sich die Bevölkerung, ohne die offensichtlich von der Administration geforderte, aufgesetzte Freundlichkeit anzubieten. Man verweigerte das empfohlene, ewige Lächeln und gab sich wie man nun einmal ist, mal freundlich, mal mürrisch, mal verständnisvoll, und manchmal auch aggressiv und ungeduldig.

Schon Wochen vor Beginn der WM organisierte das Unternehmen der U-Bahn in Moskau spezielle Verhaltens-Seminare, bei denen den Mitarbeitern erklärt wurde, wie man sich gegenüber Touristen freundlich benehme, sie auch manchmal anlächle und immer Hilfe anbiete. Davon war in Moskau wenig zu sehen, wenig zu hören. Bei jeder Rolltreppe der U-Bahn sitzt am Anfang und am Ende in einem winzigen Glasverbau eine Frau in Uniform und beobachtet die Passagiere, die auf und ab fahren. Mehrere Male sah ich Touristen, die sich verzweifelt mit Fragen auf englisch, französisch oder spanisch an eine der Frauen wandten, da alle Aufschriften und Hinweise in der Moskauer U-Bahn nur in kyrillischer Schrift sind. Da nützt auch der beste Plan nichts, wenn man die gesuchte Station nicht entziffern kann.

Die Antwort der meist rundlichen Damen mit blond gefärbten Haaren und einem Gesichtsausdruck, dass man sie sofort für ein Drama in einem stalinistischen Gulag der 50-ger Jahre engagiert hätte, war immer die gleiche: »ne ponimayu« (verstehe nichts). Doch das Geheimnis der russischen Seele ist das Finden von Lösungen in jeder noch so ausweglosen Situation und so boten sich jedes Mal englisch-sprechende Russen an, die den Touristen den Weg zeigten. Auch sie nicht übertrieben freundlich, kaum jemand wünschte uns eine gute Zeit oder versuchte, ein Gespräch zu beginnen. Sie spielten nicht auf glücklich und zufrieden – die meisten sind es nicht und zeigen das auch, ohne jedoch unfreundlich zu sein.

Ein älterer Mann in einem dunklen Anzug aus dicker Wolle, dass ihm der Schweiß bei der Hitze über die Stirn lief, mit einem Hemd, das zu oft gewaschen war und einer dicken, breiten Krawatte, der mir den Weg zum Hotel erklärte, sagte, er sei froh über die vielen Touristen und die Fußball-WM. Drei Wochen lang vergesse man den mühsamen Alltag, doch er fürchte sich vor der Zeit nach der WM, wenn „wir, die normalen Russen, durch Steuererhöhungen und Pensionskürzungen das Geld wieder auftreiben müssen«, das die WM koste.

In Wolgograd erklärte uns eine Taxifahrerin, dass das Restaurant, wo sie uns hinfahren sollte, absolut katastrophales Essen anbiete. Auf unsere Frage, ob sie uns ein besseres empfehlen könne, antworte sie, es gäbe kein besseres in dieser Stadt. Nur sie könne besser kochen, aber sie müsse die ganze Nacht Taxifahren, um zu überleben und habe keine Zeit für uns zu kochen. Dann lachte sie laut und meinte: Ihr seid ja nicht zum Essen hier her gekommen, sondern für den Fußball. Wie so oft während dieser Reise eine entwaffnete Ehrlichkeit und Direktheit, die mehr berührte als alle organisierten Freundlichkeiten.

In Moskau am Flughafen fanden wir den Shuttle-Bus zum Hotel nicht. Die Dame an der Information konnte so viel Englisch wie ich Russisch. Wir standen ziemlich verloren da, bis ich das Hotel anrief und bat, der Kollegin an der Information zu erklären, wo der Bus halten würde. Dann reichte ich ihr mein Mobiltelefon. Die beiden sprachen aufgeregt ein paar Minuten miteinander. Es klang, als würden sie das nächste gemeinsame Wochenende besprechen, und nicht den Ort der Bushaltestelle. Dann gab sie mir das Telefon zurück, drehte sich um und deutete mit der Hand auf einen Punkt neben dem Parkplatz der Taxifahrer, ohne ein Wort zu sagen. Genau dort fanden wir die Haltestelle für den Hotel-Bus.

Putin gelang es vielleicht, die Fußball-Welt zu beeindrucken, seine Kritiker zu beruhigen und zu zeigen, dass Russland nach der Winter-Olympiade ein weiteres internationales Sportfest organisieren könne. Seine eigene Bevölkerung ließ sich nicht aus der Realität locken. Der Großteil von ihnen verweigerte eine Rolle in dem Schauspiel, weil die Menschen außerhalb der Bilderbuch-Metropolen Moskau und St. Petersburg ein verdammt schwierige Leben haben. Sie sprechen offen darüber, beschönigen nichts und zeigen eine Entschlossenheit, ein besseres Leben zu fordern, die sich jeder Fußball-Trainer von seiner Mannschaft wünschen würde.

In dem erwähnten Restaurant mit dem schlechten Essen in Wolgograd lief ein Film auf dem TV-Gerät im Raum mit den Esstischen. Ich fragte den Ober, ob der den Kanal wechseln würde, so dass wir das Spiel verfolgen könnten, das an diesem Abend in einer anderen Stadt lief. Er schüttelte den Kopf und sagte, seine Gäste seien nicht interessiert und würde gerne den Abend ohne Fußball genießen. Niemand interessiere sich hier für den Ausgang des Spiel Panama gegen Tunesien und sogar bei Russland-Spielen sei sein Restaurant voll mit Gästen, die dieses Spektakel bewusst ignorieren würden. Dann ging er zurück in die Küche, kam zurück mit drei Tellern roter Borscht-Suppe und sagte:

»Wenn Putin eine Fußball-WM und Olympische Spiele organisieren, den Krieg in Syrien beenden und die Wahl des US-Präsidenten beeinflussen kann, vielleicht gelingt ihm eines Tages sogar, dass unsere Krankenhäuser genügend Medikamente, die Schulen moderne Computer und die verfallenen Wohnanlagen eine funktionierende Wasserversorgung haben.«

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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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