Europa USA

Die Methode Macron

Photo: The White House

Weapon of mass seduction

Der französische Präsident war der erste ausländische Regierungs-Chef, der unter Trump vor dem Kongress in Washington sprach, und es wurde eine der besten Reden, die ein Politiker in den letzten Jahrzehnten gehalten hatte.

In einer genialen Mischung aus ‚Zuckerbrot und Peitsche’ wechselten die Worte von harter, offener Kritik zu nahezu un-staatsmännischen Liebkosungen oft innerhalb eines Satzes. Er widersprach Trump in fast allen wichtigen Fragen wie Klimaschutz, Frieden in Syrien, Aufbau von Handelsschranken, NATO und betonte in den Sätzen dazwischen fast schon euphorisch die Freundschaft zwischen Frankreich und der USA.

Er bat – und nicht warnte – Trump, die ‚America-First’ Politik zu überdenken, und wie er diese ‚Bitte’ eingepackt hatte, war bereits überzeugend. Während alle anderen europäischen Politiker – man erinnere sich nur an die peinlichen Beschimpfungen durch den SPD-Chef Schulz – wetteifern mit Bedrohungs-Fantasien, die durch Trump provoziert werden, lobte Macron die USA für ihre führende Rolle in den Nachkriegsjahren zu Erhaltung und Verteidigung der Freiheit.

Angst, Wut und Ärger, die drei Grundlagen der Trump-Politik erkannte er zwar als berechtigte Reaktion vieler Menschen auf die Unsicherheiten in der Welt, kritisierte jedoch auch den Stillstand, falls es zu keinen Lösungsansätzen käme. Im Zustand der Angst und des Ärgers zu verharren, würde Europa und die USA nur schwächen und in eine Situation des ‚Erfroren Seins’ zwingen.

Er kritisierte Trumps Ausstieg aus der Klima-Konferenz und beschrieb dieses Verhalten mit der Ausweglosigkeit im Vergleich zu anderen Konflikten, denn es gäbe nach der Zerstörung der Umwelt keinen ‚Planeten B’. Trumps Ankündigung, den Kohleabbau in den USA stärker zu forcieren, sei ebenfalls die falsche Lösung, und er lud Trump ein, zurück nach Paris zu kommen, um den Klima-Vertrag doch zu unterzeichnen.

Relativ mutig zeigte er sich auch beim Thema ‚Iran-Abkommen’. Wie bei allen anderen Punkten gab es nicht das klare Ja oder Nein, oder der eine oder der andere habe Recht, sondern er kritisierte den Iran, nannte ihn eine der größten Gefahren für die Sicherheit in der Welt und kündigte an, es nie zuzulassen, dass Iran irgendwann Atomwaffen haben sollte. Doch gleichzeitig verteidigte er das Abkommen mit dem Iran und bat Trump, noch einmal zu überlegen, ob er nicht fortgesetzt werden sollte, eventuell mit ein paar Zusätzen und Veränderungen.

Weiter ging es in seiner Rede mit Syrien, dem Nah-Ost-Konflikt, den Wirtschaftsbeziehungen zu China und der NATO. Er ließ kein Thema aus und blieb konsequent in der Sache und bei der emotionellen Verpackung.

Bösartige Kritiker des französischen Präsidenten erinnerten an seine Bewunderung für ältere Personen, inklusive seiner um 24 Jahre älteren Ehefrau. Die Liebesbeziehung zwischen dem 71 Jährigen Trump und dem 40 Jährigen Macron sei oft irritierend zu beobachten gewesen, mit ständigen Umarmungen, Küssen, langen Händedrücken, der Hand von Macron auf Trumps Knie während dieser sprach, und der Handbewegung, als Trump eine Schuppe von Macrons Anzug wegwischte. Während des Abendessens im Weißen Haus, zu dem kein einziger Vertreter der Demokraten eingeladen worden war, erinnerte Macron an die Freundschaft zwischen Benjamin Franklin und Voltaire, die sich ebenfalls bei ihrer ersten Begegnung auf die Wangen küssten.

Der asexuelle Don Juan

Nachdem der französische Präsident die USA verlassen hatte, kündigte Trump eine neuerliche Prüfung des Iran-Abkommens an, und kein Wort über die automatische Stornierung kam mehr über seine Lippen. Ebenso der geplante Abzug der US-Truppen aus Syrien, den Macron kritisierte, würde noch einmal geprüft werden.

Das Wirtschaftsmagazin ‚Challenges’ nannte die Methode Macrons ‚The Weapon of Mass Seduction’, mit der er immer wieder seinem Gegenüber das Gefühl gäbe, genau das zu sagen und zu denken, was dieser denke. Bei Trump könnte man davon ausgehen, dass Macron es sogar besser formulierte.

In Paris nennt man ihn den ‚Asexuellen Don Juan’, dessen Verführungskünste nichts mit Sexualität zu tun hätten, sondern sein Gegenüber in eine Abhängigkeit zwingen, die dieser/diese auch noch genieße. Viele seine Parteifreunde sprechen von einer ‚romantischen Dimension’ in der Beziehung, die sie zu Macron hätten, mit der seltenen Kombination von eiskaltem Intellekt und überzeugender Wärme und Empathie. Macron hilft dir, ihn zu bewundern, ohne dich aufs Glatteis zu führen, schrieb eine französische Journalistin.

Mit dem erfolgreichen Besuch in Washington blamiert Macron auch die deutsche Kanzlerin, die ohne einen normalen Kontakt zum US-Präsidenten ihre führende Rolle in Europa nicht halten kann. Auch andere europäische Politiker, die scheinbar mit Hohn und Kritik gegenüber Trump untereinander wetteifern, konnten nur staunend zusehen, wie Macron inhaltlich genau das erreichte, was bisher unmöglich schien.

Trump und Macron sind ungewöhnliche Typen in der sonst so langweiligen und glattgebügelten Welt westlicher Politiker. Kommentare und Bemerkungen von und über Trump könnten ganze Bibliotheken füllen, und deshalb ist es doppelt überraschend, dass der französische Präsident verzichtete, auf dieser Welle zu segeln und seinen eigenen Weg suchte. Nicht indem er Trump zustimmte, sondern bei Betonung der Freundschaft zwischen Europa und der USA – die nicht von für kurze Perioden gewählten Politikern abhängig sei – die aktuellen Probleme thematisierte und seine Vorstellungen dazu deponierte.

Ob Trump eines Tages aufwacht und sich der Verführung durch Macron bewusst wird, bleibt abzuwarten. Derzeit scheint er sich immer noch in diesem Zustand wohl zu fühlen und hat die Vorschläge Macrons weder abgelehnt noch Ihnen zugestimmt.

 

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