DIE GESCHREDDERTE REPUBLIK

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Schreddern ist eine ur-österreichische Kunst

Vergisst man für einen Moment die aktuelle, politische Bedeutung des Begriffs, so ist Schreddern eine Grundlage des alpenländischen Selbstverständnisses und widerspricht ihm gleichzeitig. Am besten in der Oper »Die Fledermaus« von Johann Strauss beschrieben durch den gesungenen Satz: »Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.« Das Alte bewahren gehört zu Österreich, sonst gäbe es in Wien keinen Tourismus, denn nur das Vergangene wird bewundert, vielleicht noch in den Pausen mit einem zeitlosen Stück Sachertorte überbrückt, doch auch diese ist aus längst vergangenen Zeiten.

Das Ungeschredderte macht zum großen Teil diese Republik aus, die sich als Museum anbietet und in herumwandernden Gruppen mit an der Spitze die Fahnen oder Regenschirme hoch über den Köpfen wachelnden Reiseleitern den Erschöpften und Schwitzenden die Geschichte des Stock-Im-Eisen erklärt, was allerdings nur die Wenigen hören, die vor ihnen stehen. 

Doch das vorgeführte Un-Geschredderte könnte nicht so bewundert vor den Touristen stehen, wenn ein Teil davon nicht vorher geschreddert worden wäre. Das Teil-Schreddern, das Zurecht-Schreddern der Vergangenheit ist eine Spezialität der Österreicher, die ihre Geschichte so putzig und abgeschleckt präsentieren, dass die aus aller Welt Anreisenden unsere Welt als scheinbar ungeschreddert bewundern können.

Und um dieses Verhältnis ging und geht es immer schon. Was muss geschreddert werden, damit das Land sich authentisch, historisch, unverändert und bewahrt – eben als ungeschreddert – anbieten kann. Es gehört eine gewisse Schredder-Kultur dazu, die sich über Jahrhunderte entwickeln musste. Denn die Dynamik zwischen »was weg muss«, damit nichts fehlt, und »was nicht weg darf«, damit alles da ist, ist eine Tradition, die uns so schnell keiner nachmacht. Österreicher sind Meister in der zugeschnittenen Selbstdarstellung und die ganze Welt liebt und hasst uns dafür.

Für manche war es die Kaiserzeit, als alles noch seine Ordnung hatte, auch wenn in den Elendsvierteln der Städte Menschen unter unwürdigen Bedingungen lebten, Jugendliche bis zu zehn Stunden pro Tag in Fabriken arbeiteten, und die stolze Ringstraße täglich von Bettlern »gesäubert« werden musste. Ein Weltkrieg, der 1914 von einer Offiziers-Elite in stolzen Uniformen, meist aus adeligen Familien stammend, begonnen wurde, ohne entsprechende Armee, ohne entsprechende Ausrüstung und mit ahnungslosen Generälen, die Hunderttausende in den sicheren Tod schickten. Heute zeigt sich eine geschredderte, museale Monarchie den Touristen mit Bildern des gütigen, bärtigen Kaisers und einem peinlichen Sissi-Spektakel, welches ein Bild vermittelt, das als »Schredder-Kunstwerk« heimatlichen Symbolcharakter hat.

Ein aus Salzburg verjagter Mozart beglückt die Stadt mit einem Mozart-Kult, der unvergleichbar weltweit in ein saisonloses Kitsch-Festival ausgeartet ist – man könnte Salzburg auch als Hauptstadt der Schreddern-Kunst würdigen – und nur mehr vom Personen-Kult des Diktators von Nordkorea übertroffen wird.

In der jüngeren Geschichte haben verschiedenste Institutionen, Organisationen, politische Parteien und andere System durch kunstfertiges Schreddern ihre Selbstdarstellung bearbeitet. Die Sozialdemokraten zum Beispiel schredderten die Nazi-Vergangenheit einiger ihrer Funktionäre, Vertreter in Kunst, Wissenschaft und Medizin, um sie als aufrechte Sozialisten in den Aufbau der Republik nach 1945 zu integrieren. Mediziner wie Hans Asperger, der während der NS-Zeit aktiv an der Ermordung von behinderten Kindern beteiligt war, genoss nach dem Krieg unter der Schirmherrschaft der SPÖ-Wien eine ehrenvolle Karriere mit zahlreichen Orden und Auszeichnungen. Der BSA (Bund Sozialistischer Akademiker) wurde oft genug als die »Waschanlage« für Ex-Nazis bezeichnet, weil durch eine Mitgliedschaft die Vergangenheit einfach gelöscht wurde – oder eben geschreddert.

Die ÖVP hatte prozentuell die meisten ehemaligen Mitglieder der NSDAP in ihrer Parlamentsfraktion und unter den Funktionären nach dem Krieg, doch der Unterschied zur SPÖ war minimal. Aktive NS-Verbrecher hatten jedenfalls in der FPÖ und SPÖ mehr Chancen als in der ÖVP. In einer der Koalitionsregierungen unter Bruno Kreisky saßen mehr Ex-Nazis als in irgendeiner deutschen Nachkriegs-Regierung. 

Die FPÖ, von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern gegründet, arbeitet seit Jahren an einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte, und scheint sich nicht entschließen zu können, das Geschredderte  der eigenen Vergangenheit wieder zusammenzusetzen, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vielleicht schockten die Unterlagen selbst die eigenen Verantwortlichen, sodass sie zurückhaltend reagieren, das Material zu veröffentlichen.

Doch es geht weiter in der bunten Reihenfolge der Schredderei. Kommt man zu den Grünen, so finden sich geschönte Biographien, oder wenn man bei der Begrifflichkeit bleiben möchte – geschredderte – bezüglich der linksextremen Vergangenheit verschiedener Funktionäre. Mitgliedschaften bei den Maoisten zum Beispiel, einer Vereinigung, die einen der schlimmsten Massenmörder des letzten Jahrhunderts vergötterte und bewunderte, werden problemlos zur Seite geschoben, geschreddert, oder als lächerliche Jugendsünden verharmlost. Das Problem der Pädophilie unter den ehemaligen 68-igern in den Reihen der Grünen wurde zwar immer wieder angesprochen und publiziert, die Verantwortlichen fanden jedoch alle möglichen ausweichenden Erklärungen, und es dauerte Jahrzehnte, bis das Geschredderte publik wurde. 

Die KPÖ hat erst gar nicht versucht, die Verantwortung ihrer Funktionäre während der sowjetischen Besatzungszeit aufzuarbeiten, als Menschen denunziert, verschleppt und ermordet wurden. Alles liegt un-geschreddert in den Archiven, während die eigene Parteigeschichte geschreddert als anti-faschistischer Kampf präsentiert wird. Auch die Rolle der KPÖ während der Jahre vor dem Krieg und während des Hitler-Stalin-Pakts bleibt unerwähnt. In den Vorkriegs-Jahren sahen die Kommunisten die Sozialdemokraten als die »gefährlicheren« Feinde im Vergleich zu den Nationalsozialisten, und die Aufspaltung des linken Lagers hat die Machtübernahme der Nazis entscheidend beeinflusst.

Es hat Jahrzehnte gedauert bis Institutionen wie die Philharmoniker, Museen, das Opern-Ensemble, private Unternehmen, Universitäten und andere staatliche und private Organisationen ihre Geschichte vor und während der NS-Zeit ungeschreddert präsentierten. Lange Zeit zeigte man sich mit historischen Lücken, wo problemlos fünf bis zehn Jahre der eigenen Geschichte einfach übersprungen wurden. Selbstdarstellungen der eigenen Geschichte endeten 1933 und setzten 1945 wieder fort. Das »Dazwischen« lag zwar un-geschreddert in tiefen Kellern, die Eigen-Präsentation zeigte man jedoch zurecht-geschreddert der Öffentlichkeit.

So kann man sich nur zurücklehnen heute und amüsiert die aufgesetzte Empörung über das »Schreddern« beobachten in einem Land, das weltweit wie kaum ein anderes die Kunst des »Schreddern« perfektionierte, und sie problemlos ohne Schuldgefühle und Scham benutzte, um sich als zurecht-geschreddertes Spiegelbild zu zeigen, das die Schandtaten der Verantwortlichen wie im Nebel verschwinden lässt.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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