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Die Geburtsstunde Israels

100 Jahre Balfour Erklärung

Alles begann mit einem einfachen Brief. Der Britische Außenminister Arthur James Balfour sandte am 2. November 1917 folgendes Dokument an Lionel Walter Rothschild, den 2. Baron Rothschild und prominenten Vertreter der Zionisten in England:

Verehrter Lord Rothschild,

Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Weltorganisation bringen würden.

Die Erklärung des britischen Kabinetts stützte sich auf das Dokument des 1. Zionistischen Kongresses in Basel (1897), in dem eine Heimat für das in der Welt verstreute Volk der Juden gefordert wurde. 20 Jahre später gab es nur diesen einen Brief, kein Land und keinerlei Zusagen, weder von einem der arabischen Herrscher noch von einer der europäischen Regierungen.

Chaim Weizmann

Chaim Weizmann, später der erste Präsident Israels, lebte während des 1. Weltkriegs als angesehener Chemiker in Manchester und leitete das Munitionslabor der Britischen Admiralität. Zahlreiche seiner Entwicklungen halfen der britischen Armee, wie die enzymatische Synthese von Aceton, einer der Grundstoffe für das rauchlose Schießpulver Kordit, das entscheidend für den Sieg der Alliierten war.

Weizmann verglich diesen Brief, der weder ein rechtlich gültiges Dokument noch eine international Vereinbarung war, mit einem Kamel, das in ein Zelt wollte, immer wieder abgewiesen wurde, doch langsam und vorsichtig zuerst ein Bein, dann das zweite vorschob, bis es ganz hineinschlüpfte.

Der Brief löste schon damals Begeisterung aber auch Kopfschütteln aus. Selbst in den zionistischen Organisationen war man sich nicht einig, wo der neue Staat der Juden entstehen könnte, und es gab auch starke Strömungen, dass jede jüdische Gemeinde in ihrem eigenen Land eine sichere Basis schaffen sollte.

Der Österreichisch-Ungarische Schriftsteller Arthur Koestler kritisierte den Brief, in dem „eine Nation einer zweiten feierlich das Land einer dritten versprach“ (one nation solemnly promised to a second nation the country of a third).

Der Hintergrund des Briefes war sicherlich nicht das wohlwollende Interesse der Briten, den Juden eine Heimat zuzusichern. England hatte keinerlei Rechte an dem Land, das den Juden versprochen wurde und auch keine lokalen strategischen Interessen. Es ging damals in dieser schwierigen Phase des 1. Weltkriegs um internationale Machtspiele, vor allem darum, sich die Unterstützung der Jüdischen Bevölkerung in den USA und Russland zu sichern, sodass beide Länder aktiv auf Seiten der Alliierten weiterkämpfen würden. Deutschland, Österreich, Bulgarien und das Ottoman Empire standen den Alliierten England, Frankreich, Belgien, Russland und Italien gegenüber, und 1916/17 war die militärische Lage noch ziemlich ausgeglichen. Mit der vagen Zusage eines zukünftigen Jüdischen Staates, die rein juristisch keine Bedeutung hatte, hoffte man auf die Einflussnahme der Juden zugunsten der Alliierten.

Kurioser Weise drängten einige Vertreter in der Britischen Regierung (unter ihnen auch Winston Churchill), diesen Brief zu schreiben, weil sich ein Gerücht verbreitete, dass ausgerechnet Deutschland ähnliche Ideen hätte, um sich die Unterstützung einflussreicher Vertreter der jüdischen Bevölkerung zu sichern. Die erste Idee für diesen Brief kam übrigens nicht von den Briten, sondern die Franzosen schlugen ihn schon im Juli 1917 vor.

Dutzende Historiker und selbst begeisterte Zionisten kritisierten später diese übertriebene Erwartungshaltung als eine Form des Antisemitismus und nicht als Großzügigkeit gegenüber dem Jüdischen Volk. Der Einfluss der Juden sei maßlos übertrieben und überschätzt worden, sie hätten weder in den USA noch in Russland die Macht gehabt, in irgendeiner Weise auf die Regierenden einzuwirken. Manche gingen soweit zu behaupten, dass Kreise in Deutschland, die später einen Schuldigen für die Niederlage suchten, diesen in den Juden fanden, die mit ihrem Geld und Einfluss angeblich die Alleierten unterstützt hätten. Eine andere Theorie nannte die angebliche Furcht der Briten, dass sich Frankreich im Mittleren Osten nach dem Ende des Krieges zu stark ausdehnen würde, und ein Judenstaat dies verhindern könnte.

All die komplizierten Theorien und internationalen Sandkastenspiele missachteten eine andere, ganz einfache Erklärung: Die Genialität eines russischen und eines polnischen Juden, Weizmann und Sokolow.

Weizmann kam erst 1904 nach England und wurde in wenigen Jahren eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in Großbritannien. Nach Aufzeichnungen aus seinem Nachlass und seiner Biographie arbeitete er vier Jahre lang als Leiter der Zionisten Großbritanniens an dieser Unterstützungserklärung der Britischen Regierung. Er konzentrierte seine Aktivitäten nicht nur auf die einflussreichen politischen Kreise, sondern es gelang ihm auch den jüdischen Adel für die Idee zu gewinnen – wie die Familie Rothschild zum Beispiel, die zu Beginn wenig Interesse an einem jüdischen Exodus hatte und ihr Imperium sehr erfolgreich in England, Frankreich, Deutschland und Amerika aufgebaut hatte.

Nach der UNO-Erklärung zur Staatsgründung Israels wurde Weizmann zum Präsidenten gewählt. Er starb 1952 und unzählige Straßen, Gebäude, Institute, Universitäten und Ehrungen sind nach ihm benannt. Er ist und bleibt der Vater und Gründer des Jüdischen Staates und nach dem Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, sicherlich der bekannteste und auch populärste ‚Held’ der modernen jüdischen Geschichte.

Nahum Sokolow

In Tel Aviv gibt es eine Sokolow Straße und ein Gebäude mit dem Namen Beit Sokolow, in dem die Vereinigung der Journalisten Israels sitzt. Dann gibt es noch einen Sokolow-Preis für Journalismus, der jedes Jahr verliehen wird. Doch kaum jemand kennt die Geschichte dieses Mannes. Auch nicht in Israel. Als er 1956 auf dem Ehrenfriedhof ‚Mount Herzl’ begraben wurde, fragten die meisten Gäste: Wer war dieser Nahum Sokolow? Bis heute gibt es keine Biographie über ihn.

Um 1860 in Polen geboren, ein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, wuchs er in einem jüdisch-orthodoxen Haus auf und begann sehr früh, sich durch Selbststudium eine breite Allgemeinbildung anzueignen.

1880 brach er aus dem orthodoxen Schtetl aus und zog nach Warschau, übernahm die Chefredaktion der Jüdisch-hebräischen Zeitschrift Ha-Zefira und war sehr bald der bekannteste jüdische Journalist in Europa und Amerika.

1897 berichtete er als Journalist über den 1. Zionistischen Kongress in Basel, wurde zu einem großen Bewunderer Herzls und übersetzte Herzls utopische Novelle ‚Altneuland‘ auf Hebräisch. Er gab dem Buch den Titel ‚Tel Aviv‘, der später als Name der Stadt übernommen wurde. 1906 wurde er zum Generalsekretär der World Zionist Organisation nominiert, die nach dem Tod von Herzl zu zerfallen drohte, und übernahm deren organisatorische Leitung.

1914 übersiedelte er das Büro nach London und traf den jungen Weizmann, mit dem er die nächsten Jahre eng zusammenarbeitete. Er war nicht nur der Ältere im Vergleich zu Weizmann, sondern auch dessen Vorgesetzter in der Organisation, und fast alle Aktivitäten, die man später Weizmann zuschrieb, erfolgten auf der Grundlage von Ideen und Initiativen von Sokolow oder auf dessen Anweisung. Der Diplomat und Journalist kooperierte zu Beginn sehr erfolgreich mit dem Naturwissenschaftler, die beiden ergänzten einander und ergaben ein perfektes Dream-Team des Zionismus.

Wenn auch vergessen, geht die ‚Balfour-Idee’ auf Sokolow zurück. Als er erkannte, dass eine derartige Erklärung aufgrund der internationalen Lage eine Chance hätte, verhandelte er monatelang mit Regierungsvertretern Frankreichs, Englands, Italiens und sogar mit dem Papst, um die Zustimmung für die Erklärung zu bekommen. Er war der ideale Diplomat. Gutaussehend, bestens gekleidet, fließend in mehreren Sprachen parlierend und mit perfektem Auftreten verkörperte er das Gegenteil des verachteten, schmuddeligen Schtetl-Juden. Diplomaten, Minister und Vertreter der Königsfamilien sahen in ihm ‚einen von uns’ und vertrauten ihm.

Er begann seine Gespräche in London und holte sich die Zustimmung eines englischen Ministers, präsentierte sie in Rom und überredet dort einen Regierungsvertreter, fuhr weiter nach Paris und zurück nach London. Ständig im Kreis reisend organisierte er mit einem halben ‚Ja’ des einen das nächste halbe ‚Ja’ des anderen, bis daraus ein ganzes ‚Ja’ wurde. Der entscheidende Durchbruch war ein Dokument, das er in Paris organisierte und zur Grundlage des Balfour Briefes der Briten wurde. Er überredete sogar den Papst, der Herzl noch 1904 mitgeteilt hatte, wenn Juden Jesus nicht als Messias anerkennen würden, könne er auch den Wunsch der Juden nach einem eigenen Staat nicht akzeptieren.

Weizmann vs Sokolow

In den Jahren vor und nach Veröffentlichung des Balfour Briefes war Sokolow wesentlich bekannter und auch mehr respektiert als Weizmann, in dem man eher den jungen Assistenten sah. Warum also fehlen die Institute, Ehrungen, Feiertage usw., die an Sokolow erinnern?

Die Antwort ist einfach und banal: Eitelkeit.

Mit dem Erfolg des Balfour Dokuments im November 1917 endete auch die Freundschaft der beiden. In den offiziellen Biographien Weizmanns kommt Sokolow kaum mehr vor, und seine Aktivitäten werden eher kritisch betrachtet. Für Weizmann war Sokolow nicht ‚praktisch’ genug, eher ein nobler Träumer, der sich zwar erfolgreich in den oberen Klassen der Gesellschaft bewegen konnte, aber auch zu sehr bereit gewesen wäre, Kompromisse einzugehen. Weizmann als Naturwissenschaftler und Pragmatiker hat die hohe Kunst der Diplomatie, die Sokolow praktizierte, nie verstanden. Sie war ihm verdächtig und in seinen Augen eher eine Anbiederung an den Feind.

Mit dem historischen Abstand zur Balfour Erklärung wurde sie mehr und mehr zu Weizmanns ‚One-Man-Show’. Weizmanns Ehefrau Vera schrieb über den Zionistischen Kongress 1920, dass einige Teilnehmer aus reiner Eifersucht die angeblichen Verdienste Sokolows betont hätten. Vera Weizmann zufolge wollten sie anscheinend nicht wahrhaben, dass ein Flüchtling aus einem russischen Dorf die britische Regierung alleine überredet haben könnte, den Brief zu veröffentlichen.

1936 starb Nahum Sokolow, vergessen und verbittert, ohne eine Biographie oder Erinnerungen zurückzulassen.

In Weizmanns Biographie ‚Trial and Error‘ kommt Sokolow mit ein paar wenigen Sätzen vor. Ein Kritiker des Buches schrieb, um Weizmanns Eitelkeit zu erkennen, muss man nicht bewerten, was er über Sokolow schrieb, sondern was er alles wegließ.

Die Historikerin Mayir Veretè ging in ihrer Kritik noch einen Schritt weiter und behauptete, dass durch die Eitelkeit Weizmanns ein Teil der Geschichte des Zionismus verloren ging, weil sich auch wissenschaftliche Institute nicht mit Sokolow beschäftigen würden. Dieser wohl einmalige Erfolg der Zionisten während des 1. Weltkriegs, eine internationale Solidarität zur Errichtung eines jüdischen Staates zu erreichen, sei wegen eines Streits zwischen einem russischen und einem polnischen Juden zerredet und vergessen worden.

Der Brief und die dazu notwendige Entscheidung der britischen Regierung waren sicherlich Grundlage für die UNO-Entscheidung zur Gründung des Staates Israel. Von arabischer Seite wird er bis heute heftig kritisiert und als ‚rassistisch’ bezeichnet. Dabei geht es weniger um Israel als um die Palästinenser, in denen die Briten damals weder ein Volk noch ‚authentic and racial Arabs’ sahen. Das Dokument spricht nur von ‚non-Jewish communities’, die Worte Araber oder Palästinenser kommen nicht vor.

Die Feierlichkeiten in London aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums nächste Woche werden zum Spiegelbild dieser Auseinandersetzung. Die Regierungschefs Großbritanniens und Israels werden feiern, die Palästinenser demonstrieren, und der Vorsitzende der Labour Party zeigt sein perfektes ideologisches Doppelleben, indem er weder feiert noch demonstriert.

 

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