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Die Demontage Freuds

Eine neue Biographie zerstört den Heiligenschein

Der 85 jährige Frederick Crews, emeritierter Professor für Englische Literatur der University of California, Berkely, Autor dutzender Essays und Fachbücher über anglo-amerikanische Autoren, hatte sein Leben lang eigentlich nur ein einziges Hobby: Wie weise ich nach, dass Sigmund Freud ein Betrüger war!

Vor wenigen Tagen erschien sein Lebenswerk: Freud – The Making of an Illusion (Macmillian, USA, August 2017). Ein Buch mit 762 Seiten, in dem der Autor kaum etwas auslässt, um Freud vom Sockel zu stürzen.

Für Crews war Sigmund Freud ein Scharlatan, der mit erfundenen Erkrankungen und absurden, nichtssagenden Diagnosen wohlhabenden Patienten das Geld aus den Taschen holte und in vielen Fällen durch seine langwierigen, sinnlosen Therapien eine Heilung verhinderte und die Situation der Behandelten oft noch verschlechterte.

Geldgierig und korrupt

Auf der Grundlage intensiver, jahrzehntelanger Recherchen von Freuds Leben und Werk kommt Crews zu dem Urteil:

Freud war eine Kombination von Lügen, Heuchelei, gefälschten Beweisen und sexuellen Grauslichkeiten; ein intellektueller Parasit, korrupt und grausam, der mit Kurpfuscherei Patienten und manchmal auch Freunde physisch und psychisch zerstörte, geldgierig und starrköpfig war, von echter wissenschaftlicher Arbeit keine Ahnung hatte und durch manipulierte Biographien auf einer Ebene wie Shakespeare und Jesus verehrt wurde. Und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem gut formulierten Wutausbruch.

In den bisherigen Buchbesprechungen in der NY-Times und The Sunday Times (London) wird vor allem der Stil des Autors gelobt, und in der Tat liest sich das Buch wie ein Krimi, in dem eine bisher unbescholtene Person als Krimineller überführt wird. Mit grandiosen Formulierungen, in denen der ehemalige Englisch-Professor erkennbar wird, fühlt man sich dabei ertappt, wie die Zerstörung des Freud-Mythos fast Spaß macht.

Crews gibt in erster Linie Freuds Freund und Auto-Biograph Ernest Jones die Schuld für die unkritischen Erinnerungen. Jener schuf angeblich den Mythos um Freud, machte aus der Psychoanalyse eine säkulare Religion und aus dem Schöpfer einen Heiligen. Die Katastrophe des 1. Weltkrieges war der ideale Ausgangspunkt für den Optimismus für eine Heilung der Gesellschaft durch Konfrontation mit den depressiven Erlebnissen und Aufarbeitung der Vergangenheit.

Zu den Förderern und Unterstützern Freuds gehörten die reichsten und angesehensten Familien Wiens, die ihn nicht nur mit teuren, endlos-langen Therapie-Gebühren unterstützten, sondern ihm auch eine Professur an der Universität verschafften.

Elisabeth von Sichrovsky

Hierzu eine Geschichte aus meiner Familie:

Freuds Berufung an die medizinische Fakultät wurde durch die Professoren blockiert. Weniger wegen seiner Wissenschaft, eher weil man als ordentliche Professoren keine Juden wollte.

Elisabeth von Sichrovsky, eine seiner ersten Patientinnen und verheiratet mit dem berühmten Alt-Philologen Prof. Gomperz, spendete damals ein wertvolles Gemälde der Stadt Wien und ebnete damit den Weg für Freuds Berufung.

Kokain

Die Kritik an der Psychoanalyse zur Heilung von psychisch Kranken ist allerdings nicht neu und längst hat eine Weiterentwicklung der Therapie-Methoden oft in Kombination mit Medikamenten die traditionelle Analyse ersetzt. Crews ignoriert jedoch die historische Entwicklung der Psychotherapie und entschuldigt Freuds Verhalten nicht als Ereignis in dessen Hier und Jetzt, sondern wirft Freud medizinisches Fehlverhalten bei der Behandlung von Patienten vor.

Eines der aggressivsten Kapitel ist die Beschreibung von Freuds Umgang mit Kokain. Ursprünglich kam Freud mit Kokain durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Lokalanästhesie in Berührung, später sah er in Kokain ein Wundermittel gegen alle möglichen psychischen Störungen, wurde selbst abhängig und schrieb nach Crews Theorie die meisten seiner wissenschaftlichen Arbeiten unter dem Einfluss der Droge. Auch während seiner berühmten Vorlesungen, die wie literarische Ereignisse von den Zuhörern erlebt wurden, war er angeblich immer unter dem Einfluss von Kokain.

Auch das wäre (laut Crews) noch entschuldbar, hätte er nicht mit der Verschreibung von Kokain das Leben anderer zerstört. Bekanntestes Beispiel sei das Schicksal seines Freund und Gönners Ernst Fleischl von Marxow, der sich bei der Autopsie einer Leiche infizierte, zur Schmerzstillung Morphium einnahm, davon abhängig wurde und sich an Freud um Hilfe wandte. Freud gab ihm Kokain, brachte ihn dazu, das Morphium aufzugeben und feierte später den Therapieerfolg, ohne allerdings zu erwähnen, dass der Freund an einer Kokain-Sucht elend zugrunde ging.

Homosexualität und Hysterie

Fleischl taucht noch in einem anderen Kapitel in Crews Buch auf. Gemeinsam mit Willhelm Fliess und Freud verband die drei eine ‚romantische Beziehung’ und führt zu Crews Vermutung, dass Freud seine homosexuellen Neigungen sein Leben lang unterdrücken musste. Es sei daher wenig überzeugend, wenn der angebliche ‚Papst der Sexualität’ selbst ein Dasein der Angst und Verhinderung der eigenen Sexualität führte.

Seine Kritik an den diagnostischen Methoden Freuds konzentriert Crews auf die angebliche Krankheit der ‚Hysterie’, die nicht existiere. Freuds berühmteste Patientin Bertha Pappenheim (in seinen Arbeiten als Anna O.) wurde laut Crews jahrelang mit sinnlosen Therapien gequält, obwohl sie Morphium-Süchtig und das ihr eigentliches Problem war.

Freuds ‚Hysterie-Diagnose’ ignorierte ihre Drogen-Abhängigkeit, er verwies in seinen Kommentaren immer wieder auf Kindheitserlebnisse der Patientin, die weder die Ursachen ihrer Sucht erklärten noch ihr helfen konnten, die Abhängigkeit loszuwerden. Nach der einjährigen, sündteuren Behandlung verbrachte Pappenheim wegen ihrer Drogensucht Wochen und Monate in Sanatorien, litt weiter an ‚Hysterie’, ohne dass jemand das Suchtproblem thematisierte. Das wichtigste Motiv für diese Endlos-Analysen von nicht-existierenden Erkrankungen waren nach Crews Theorie nicht Behandlung und Therapie, sondern schlicht und einfach Freuds Geiz und Geldgier.

Trotz der Begeisterung über Crews Stil und Sprache bemängeln die bisherigen Buchbesprechungen das Fehlen einer nüchternen Analyse von Freuds Erkenntnissen und wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem auf dem Gebiet der Sexualität. Das Buch liest sich eher wie eine unterhaltsame Abrechnung mit einem persönlichen Feind und Gegner und wird wahrscheinlich Freud nicht von dem Sockel stürzen, wo ihn zumindest seine Bewunderer auch weiter gerne sehen.

 

1 Kommentar

  • Frederick Crews mag ein guter Literaturprofessor sein, von Freud versteht er nichts. Damit steht er nicht allein. Es gab schon einige die Freud demontieren wollten, alles ohne besonderen Erfolg. Ich bin kein Freud-Anbeter, aber das hindert mich nicht daran, sein Genie zu erkennen und anerkennen. Auch daß er ein großartiger und großzügiger Mensch war, mit allen Macken zusammen, die er selbstverständlich auch hatte. Das kann man aus Erinnerungen mancher Patienten erfahren. (Z.B. Medard Boss – falls ich mich an den Namen richtig erinnere). Ein großer Mensch ist ja nicht wegen seinem makellosen Charakter groß. Einen solchen Charakter gibt es nämlich nicht. Gab es auch nie. Er war, wie ein jeder, Kind seiner Zeit, zugleich hat er die Grenzen seiner Zeit in mancher Hinsicht weit überschritten. Ihm können alle psychisch nicht ganz Gesunde wirksame Therapien verdanken, er hat nämlich die Grundlagen dafür geschaffen, sowie die Gesellschaft eine gründliche Kritik ihrer selbst. Es wäre wünschenswert, daß andere ihm weiterhin auf beiden Gebieten folgen. Und weniger ideologisieren als das jetzt geschieht.
    lg
    caruso

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