Feuilleton

Die Angst der Reichen vor der Pest

Aus dem Corona Tagebuch (8)

Als sich 1347 die Pest aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, über Italien auf ganz Europa ausbreitete, starb etwa ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents. In der in Giovanni Boccaccios ›Decamerone‹ beschriebenen Katastrophe glaubten die Menschen damals, dass sie das Ende der Welt bedeuten würde. 

Doch selbst die Überlebenden kamen nicht zur Ruhe. Ein Jahrzehnt später breitete sich die Seuche wieder aus, und die folgenden 150 Jahre hatte die Krankheit eine verheerende Wirkung auf die weltweite Bevölkerung. 

Walter Scheidel, Historiker an der Stanford University, untersuchte den Einfluss von Seuchen auf einem ganz anderen Gebiet und kam zu dem Ergebnis, dass vom frühen bis zum späteren Mittelalter die rechtlosen Bauern, ungelernten Arbeitskräfte und Handwerker nach dem Ausbruch von Seuchen das erste Mal in der Geschichte Forderungen nach besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen durchsetzen konnten. 

Der wohlhabenden Oberklasse fehlten plötzlich die Arbeitenden, und jene, die überlebten, forderten bessere Löhne, bessere Lebensbedingungen und kürzere Arbeitszeiten. In Dokumenten britischer Gutsbesitzer fand der Historiker Scheidel Berichte, dass die wenigen, die noch arbeitsfähig waren, eine Verbesserung bis zum dreifachen Lohn gefordert hätten, der auch bezahlt werden musste, wollten die Eigentümer nicht die gesamte Ernte verlieren. Eine Initiative der Gutsbesitzer beim englischen König hatte zur Folge, dass dieser einen Erlass veröffentlichte, dass trotz Krise und verringerter Anzahl der Arbeitsfähigen die Löhne nicht erhöht werden durften. Doch kaum jemand hielt sich daran, denn die Bauern zogen einfach weiter und nahmen Angebote an, wo ihnen Gutsbesitzer höhere Zahlungen anboten. Der Bedarf an Arbeitskräften löste Konflikte, an denen Bauernaufstände in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor scheiterten und oft mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. 

Im 14. und 15. Jahrhundert verdoppelte sich das Einkommen der ungelernten Arbeitskräfte und es kam zu ersten Mal in der Geschichte zu einer Umverteilung von Geld und Eigentum innerhalb der Gesellschaften. Eine Verlagerung von Wohlstand zugunsten der ärmeren Bevölkerungsschichten ohne Revolution und politische Veränderungen. In den Archiven der Gutsbesitzer und Verwaltungen Italiens fanden Historiker den Beweis für die Umverteilung in den Unterlagen der Steuerbehörden. Nie zuvor gab es derart hohe Zahlungen von Bauern und Knechten und einen Verfall der Einkommen der adeligen Eigentümer. In Schilderungen aus England wird beschrieben, wie einfache Bauern plötzlich bessere Nahrung hatten, Fleisch und Wein kaufen konnten und Häuser bauten, und in manchen Abbildungen sind sie in Kleidern und Pelzen zu sehen, die bisher nur der Oberklasse vorbehalten waren.

Parallel dazu verloren Gutsbesitzer einen großen Teil ihres Einkommens, und ihr Leben wurde zwangsweise einfacher, prunkvolle Feste wurden gestrichen und wertvolle Möbel und Schmuck verkauft. Jene, die sich weigerten, die hohen Löhne zu zahlen, verloren ihre Ernten und gingen bankrott, verloren ihre Schlösser und konnten ihr Personal nicht mehr bezahlen. Die Anzahl der wohlhabenden Lords ging nicht nur durch die Seuche zurück, sondern auch durch die Verarmung der Überlebenden. 

Doch die selbst gewählte ›Bescheidenheit‹ um ihre Ernten zu retten, war die weitaus intelligentere Entscheidung im Vergleich zu anderen Ländern. In Preußen, Polen und Russland weigerten sich Adel, Fürsten und Königshäuser, dem Druck der Bauern nachzugeben. Das Ergebnis waren brach liegende Felder und ein langanhaltender Rückschlag gegenüber den wirtschaftlichen Entwicklungen in West- und Süd-Europa, wo sich Gutsherrn und Adelige sehr schnell an die geänderten Bedienungen anpassten.

Weiter südlich in Nord-Afrika griffen die ›Mamluks von Ägypten‹ hart durch gegenüber den Bauern und verlangten auch während und nach den Seuchen die gleichen Gebühren für das bewirtschaftete Land, hohe Abgaben bei der Ernte und weigerten sich, die Löhne zu erhöhen. Auch dort endete es in einer ökonomischen Katastrophe und einem Zusammenbruch der Agrarwirtschaft.

In Mittel- und Südamerika wurden die spanischen Besetzer mit einem ähnlichen Problem konfrontiert. Nach Eroberung der Länder rafften verschieden Epidemien einen Großteil der lokalen Bevölkerung dahin, die Besatzer konnten riesige Plantagen gründen und übernahmen ganze Dörfer, unterdrückten die wenigen überlebenden Arbeitenden unter katastrophalen Bedingungen. Die Ernteerträge dieser neuen Eroberungen waren jedoch mager und im Vergleich zur Größe der Ländereien absurd gering. Als nach 1600 der Arbeitsmarkt geöffnet werden musste, weil man die neu gewonnen Ländereien nicht mehr bearbeiten konnte, verdreifachte sich der Lohn und auch die Menge an Produkten, die geerntet werden konnten.

All diese Errungenschaften und Verbesserungen für die Arbeitenden hielten nicht lange an. Kaum erholte sich eine Bevölkerung und es standen wieder mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, drückten die Herrschenden die Löhne, und auch die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich. Die Ware ›Arbeit‹ hatte schon im Mittelalter ihren Marktwert, die je nach Angebot und Nachfrage bezahlt wurde.

Die heutigen Bedingungen unter der Gefahr einer Covid-19 Epidemie haben sich verändert. Nicht nur ist die Anzahl der Todesfälle weitaus geringer, auch unsere Wirtschaft ist nicht mehr von körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft abhängig. Inwieweit diese Krise die Gesellschaft auf anderen Ebenen oder in einer anderen Form verändern könnte, ist noch nicht erkennbar, auch wenn wir tagtäglich mit einem ›Wettlauf der Prophezeiungen‹ von Politikern und Fachleuten konfrontiert werden.

 

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