CORONA MIT CHAMPAGNER

C

Aus dem Corona Tagebuch (9)

»Franz? Ja Franz, du bist es, das ist aber nett, dass ich dich hier seh‘!«

»Ja, natürlich bin‘s ich, Joe, du auch beim noblen Meinl am Graben? Na typisch, wo sie halt einkauft, die High Society!«

»High Society, sagst grad du! Na ja, irgendwie muss ma ja versuchen, das zu überstehen, die Zeiten, mein ich, und mit dem Champagner, an frischen Lachs, an Doserl Kaviar, und tu ich mir schon leichter.«

»Ha! Immer ein Scherzbold, der Joe! Aber gleich drei Flaschen? Du wirst doch nicht die strengen Bestimmungen hintergehen, du Lauser!«

»Aber woher denn. Ist alles unter Kontrolle. Schau, bei uns in Grinzing, du weißt ja, die großen Gärten, da kann man sich schon mal verirren, und plötzlich kommt man beim Nachbar wieder raus.«

»Ha, wem sagst du das, bei uns in Hietzing ist’s auch nicht anders, da geht’s zu, ich sag dir, man glaubt manchmal, jeden Tag ist Silvester und ka Lock-Down!«

»Ich weiß nur ned, wie ich von der Sauferei wieder wegkomm‘, das wird schon so automatisch jeden Tag, mei eigene Coronoseuche halt…«

»Haha, Joe, du bist doch er Beste, deine Witze, das vermisse ich, und unser Runde, das war immer a Hetz. Na, und wie ist es mit dem G’schäft, du hast doch ein paar Verkäuferinnen?«

»Was soll ich schon machen, sind ja harte Zeiten, entlassen hab‘ ich sie halt. Aber es ist ned so schlimm, kriegen eh alle Unterstützung.«

»Bei mir das gleiche, das mit dem Personal hab ich sofort erledigt, und das mit der Bank über den Anwalt, du weißt doch, der Poldl, du kennst ihn ja, bist du nicht auch bei ihm?«

»Na sicher bin ich beim Poldl, über den Poldl geht nix, der mit seine Beziehungen, Sohn von an ehemaligen Justizminister, wer kann da mithalten?«

»Na eben, und der Poldl, der hat mir das mit der Bank erledigt, ging direkt über’n Vorstand, a Stundung der Rückzahlung, und a staatliche Unterstützung für mein G‘schäft. Von irgendwas muss man ja leben, in solchen Zeiten!«

»Und die Bank hat das akzeptiert?«

»Na ja, sofort könnt man nicht so sagen, wir haben, sagen wir mal pro forma, einen Deal vorgeschlagen, sie wollten, dass ich mein‘ Porsche verkauf, und mein Haus am Wörthersee!«

»Wirklich? Na die san leinwand!«

»Na, ja, ich hab’s halt eine Woche inseriert, ich glaub, in irgendeiner Provinzzeitung, hat alles der Poldl organisiert. Hat sich eh keiner gemeldet, wer kann sich in solchen Zeiten an Porsche und a Villa in Kärnten leisten?«

»Und das Haus ham’s dir nicht weggenommen?«

»Der Poldl hat’s verhindert, hat’s in letzter Minute einer Tant’ überschrieben, die weiß nur nix davon!«

»Cool, Joe, du warst schon immer der Coolste von uns!«

»Geh, Franz! Du musst reden! Du mit deine Tricks, da sind wir alle Anfänger. Was ist denn mit der Mary, der Amerikanerin, gibt’s die noch?«

»Na sicher, ohne die überleb‘ ich keine Seuche, ohne mein Schatzerl.«

»Aber wie mochst du des jetzt? Die lebt doch da irgendwo über der Donau?«

»Tsa, da must halt erfinderisch sein!«

»Jetzt sag schon, ich hab‘ mei‘ Pupperl seit Wochen nicht mehr g’sehen! Eing’sperrt mit meiner Frau bin ich, und jetzt glaubt sie scho, ich bin frisch verliebt in sie!«

»Hahaha! Also, ich verrat’s dir, aber du musst versprechen, ka Wort zu niemand!«

»Eisern, Franz, du kennst mich doch!«

»Also, pass auf, aber wehe, du verrätst mich…«

»Jetzt red‘ schon, du machst mich ja ganz deppert!«

»Also, es ist so, in der Villa neben uns wohnt doch der Steiner, der Doktor, ich glaub‘ er ist sogar Professor, der mit dem protzigen Eisentor, der wollt uns wieder zeigen, wer er ist, dabei hat er eh nur russische Patienten, aber bitte, man ist ja nicht so… Naja, einmal, so nach zwei Flaschen Schampus bei uns auf der Terrasse, durch den Garten hat er sich wieder geschlichen, hab ich ihm meine Misere mit der Mary erklärt. Er hat g’sagt, kein Problem, ich schreib ihnen eine Bestätigung, dass es ihre Tante ist, die Betreuung braucht, also was zum Essen und Medikamente. Das können’s der Polizei zeigen, wenn man sie aufhält.«

»Genial! Einfach genial!«

»Wo ist denn dein Wagerl? Kaufst du gar nichts?«

»Kaufen schon, aber ned schleppen! Die Gretl, meine Frau hat mir an Zettel geben, jetzt such ich alles aus, und das wird dann zugestellt, weil morgen Abend werden sich wieder ein paar verlaufen in unsere Gärten, und da müss‘ ma vorbereitet sein, man kann ja die Verirrten ned verhungern lassen!«

»Ha, du bist mir einer!«

»Entschuldigen, die Herren«, sprach ein Mitarbeiter des Supermarktes die beiden an, »aber sie können hier nicht herumstehen und sich unterhalten, das ist leider verboten, sie halten auch den Abstand nicht ein.«

»Also Franz, was sagst dazu, seit Jahren sind wir hier Stammkunden und jetzt so a Szene!«

»Wo ist der Geschäftsführer, mit ihnen red‘ ich gar nicht, ich will den Geschäftsführer!«

»Es tut mir leid, ich halt‘ mich ja nur an die Vorschriften«, stammelte der Mitarbeiter.

»Herr Geschäftsführer! Herr Geschäftsführer! Na, wo ist er denn!«

»Jetzt haben sie auch noch den Mundschutz runter genommen, und durch das Schreien verteilen sich ihr Atmen noch mehr, ich muss sie ersuchen, das Geschäft zu verlassen, sonst muss ich die Polizei holen!« Sagte der Angestellte streng und befehlend.

»Sie können mir gar nichts sagen und sollten dankbar sein, dass sie überhaupt noch an Job haben!«

»Aber, lass doch, Joe, gemma. Dankbarkeit erwartest du? Von so einem?«


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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