Österreich

Die Albertina

Photo: Klaus Albrecht Schröder (cropped), CC BY-SA 3.0

Ein Museum der Zukunft

Wer vorhat, das Albertina Museum Wien zu besuchen, sollte sich nicht mit seiner bereits online gesicherten Karte über die Rolltreppen zum Eingang stürzen, in Panik, vor diesem gut besuchten Museum trotz vorbestellter Eintrittskarte in der Masse der Wartenden zu stehen, sondern etwas früher kommen und vor dem Einlass, der um zehn Uhr Vormittag beginnt, ein Frühstück im Café Mozart gegenüber dem Museum einnehmen.

Am besten ein richtiges Wiener Frühstück. Zwei Eier im Glas mit frischen Semmeln, die hier knuspriger sind als in jedem anderen Kaffeehaus, und nach Wiener Art die erste mit Butter und Salz zu den Eiern essen und die zweite Semmel mit Butter und Marillenmarmelade.

Wenn es das Wetter zulässt und das Frühstück im Vorgarten des Cafés eingenommen werden könnte, bietet sich dem Gast ein Bilderbuch mit der Geschichte Wiens. Natürlich herausragend gegenüber das Museum Albertina mit einem von Hans Hollein entworfenen »Flugdach« über dem Eingang, ein 300 Quadratmeter großer Metallflügel als krasser architektonischer Gegensatz zu dem ehrwürdigen Palais, der vor der Eröffnung 2003 mindestens so heftige Diskussionen ausgelöst hatte wie der kniende, den Boden waschende Jude als Teil des »Mahnmals gegen Faschismus und Krieg« von Alfred Hrdlicka, das auf dem Platz zwischen Café Mozart und der Albertina errichtet wurde. 

Links vom Café das 1866 eröffnete noble Herrenmodegeschäft »Wilhelm Jungmann und Neffe«, das einst die Aristokratie und kaiserliche Familie belieferte und heute das letzte original erhaltene Geschäft aus der Gründerzeit ist. Neben dem Stiegenaufgang zur Albertina das Wiener Filmmuseum, und auf der rechten Seite des Platzes das Hotel »The Guesthouse Vienna«, ein umgebautes ehemaliges Studentenheim, in dem sich heute die Wiener Schickeria, Journalisten, Politiker und jene, die hoffen, dort wichtige Persönlichkeiten zu sehen, zum Kaffee treffen. 300 Jahre Geschichte Österreichs als Kulisse des Frühstücks.

Klaus Albrecht Schröder

Im ersten Stock der Albertina erwartet mich Klaus Albrecht Schröder, seit 1999 Direktor des Museums, an der linken Seite eines langen Tisches in der Mitte eines ehrwürdigen, musealen Raums, mit einem Schreibtisch in eine Ecke gedrängt, den er scheinbar kaum benutzt. 

Wir sitzen einander gegenüber wie bei einem gemeinsamen Mittagessen, und Schröder ist kein Freund von langatmigen Einleitungen und Begrüßungen und erzählt sofort, während mir Kaffee und Wasser gebracht werden, vom wichtigsten Projekt der nächsten Jahre: der Eröffnung des zweiten Standorts der Albertina im ehemaligen Künstlerhaus am Karlsplatz gegenüber dem Musikverein – Wiens neuestem Museum für moderne Kunst. Mit der Übernahme zahlreicher Privatsammlungen entstehe hier das größte Zentrum für Kunst nach 1945 in Mitteleuropa. Das Künstlerhaus sei durch eine großzügige Spende des Industriellen Hans-Peter Haselsteiner renoviert und der Albertina mietfrei überlassen worden.

Die quantitative Bewertung geht auch bei einem Museum an der qualitativen nicht vorbei. Mit einer Million Besuchern pro Jahr ist die Albertina neben dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Belvedere bereits jetzt auch ohne das Künstlerhaus eines der meist besuchten Museen Österreichs. Wenn auch die Besucherzahlen international sich mit dem Louvre in Paris (10 Millionen Besucher/Jahr) und den wichtigen Museen in London nicht messen können, gelingt es der Albertina, die steigende Zahl Touristen in der Hauptstadt auch zu einem Besuch der Albertina zu verlocken. 

Das sei nicht immer so gewesen, meint Schröder. Die Veränderung der Albertina in ein modernes, offenes Haus mit steigender Anzahl von Besuchern, sehe er als sein Lebenswerk. Ein Rückblick auf die Geschichte des Hauses zeige nicht nur unterschiedliche Besucherzahlen, sondern auch die verschiedenen Funktionen der Albertina als Museum. Für Schröder ist es kein Zufall, dass der Gründungstag der Albertina, der 4. Juli 1776, auch der Tag der Erklärung der Unabhängigkeit von 13 Staaten Amerikas ist. Auf dem Höhepunkt der Aufklärung wurde ein Museum eröffnet, in der Kunst nicht nur die Funktion des Amüsements für die Oberklasse hatte, sondern wie es im Gründungsdokument heißt, der »Erziehung der Menschheit« diene. Die Gründer gingen zum ersten Mal davon aus, dass die Beschäftigung mit Kunst eine moralische Bedeutung für den Menschen habe. Damit sei der gesellschaftspolitische Einfluss der Kunst neu entdeckt worden und habe die Epoche des Vergnügens einer privilegierten Schicht in Zusammenhang mit Kunst abgelöst.

Der Name Albertina bezeichnet heute eine der weltberühmtesten Grafiksammlungen. Die Benennung geht auf das Jahr 1870 zurück, als Moriz von Thausing, Galerieinspektor der erzherzöglichen Grafiksammlung, in der ›Gazette des Beau-Arts‹ die Sammlung von Herzog Albert von Sachsen-Teschen mit ›La Collection Albertina‹ bezeichnete. Die Sammlung war damals Teil des ›Carl Ludwig’schen Fideikomisses‹, der von Erzherzog Carl von Österreich 1826 begründet worden war. Er stellt sicher, dass das erzherzogliche Palais auf der Augustinerbastei und die in ihr verwahrte Sammlung eine unauflösbare, untrennbare und unteilbare Einheit bildeten.

Auszug der offiziellen Selbstdarstellung der Albertina

Auf die Unterschiede des Publikums während der Gründungsjahre im Vergleich zu heute angesprochen, erwähnt Schröder eine Bedingung für die ersten Besucher im 18. Jahrhundert: Sie mussten Schuhe tragen! Das klinge zwar einfach, sagt er lächelnd, bedeutete jedoch, dass diese hygienische Maßnahme 90 Prozent der Bevölkerung ausgeschlossen habe. Dennoch sei es eine revolutionäre Entscheidung gewesen, denn man öffnete die Tore für Menschen, die bisher aufgrund ihres Standes ausgeschlossen waren.

Der Zugang zu einem Kunstwerk habe sich im Laufe der Jahrhunderte entscheidend verändert. Früher betraten Besucher ein Museum, um ein bestimmtes Werk zu betrachten, das auf Bestellung aus der Sammlung geholt und unter Aufsicht einer Einzelperson oder kleineren Gruppen vorgestellt wurde. Dann deponierte man es wieder in den Archiven. Heute sei der Besuch eines Museums ein Erlebnis, das man mit anderen Betrachtern teile. Man könne es am ehesten mit einem Kino vergleichen, wo ebenfalls viele Menschen gleichzeitig auf eine Leinwand schauen, im Gegensatz zur persönlichen Kunstbetrachtung. 

Museen und Sammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten mehr den Charakter von Privatsammlungen. Einzelne Werke stellte man geladenen Gästen vor, erklärte ihnen, warum man dieses Werk erworben hätte und was es darstelle. Die Präsentationen gingen von den Besitzern aus.

Schröder dreht sich plötzlich um, deutet auf ein Bild hinter seinem Schreibtisch und sagt:

Sehen Sie, das ist ein Bild von Alex Katz, einem meiner Lieblingsmaler. Früher hätte ich Sie eingeladen, um Ihnen dieses Bild zu zeigen, weil es eben einen besonderen Wert für mich hat, und ich meine persönliche Erfahrung mit diesem Bild mit Ihnen teilen möchte. Ein Dialog zwischen Besitzer und Betrachter würde sich ergeben. Heute gehen wir in ein Museum und teilen das Erlebnis mit anderen Besuchern und nicht mit dem Eigentümer. Wir suchen die Kunst, um uns zu erholen, uns zu unterhalten und aus der Gegenwart zu flüchten. Wir sehnen uns nach einer bestimmten Stimmung, die wir sonst nirgendwo finden würden, nicht in der Oper, nicht im Theater und nicht in einer Einkaufsstraße oder einem Kaufhaus.

Als verantwortlicher Leiter habe er bereits an entscheidenden Veränderungen der Albertina mitgewirkt, was die Planung und Umsetzung betreffe. Dabei ging es nicht nur um bauliche Veränderungen, sondern um die Erweiterung mit neuen Sammlungen und das Reagieren auf veränderte Bedürfnisse der Besucher. Trotz des Erreichens des theoretischen Pensionsalters sieht er seine Aufgabe noch lange nicht beendet und spricht begeistert über zukünftige Aufgaben, als hätte er eben erst seine Stelle als Direktor übernommen.

Drei Herausforderungen für das Museum der Zukunft

Er sieht drei Bereiche, die das Museum der Zukunft beeinflussen:

Erstens hat sich die Kunst verändert. Vom überschaubaren Objekt, das in einen Rahmen oder auf einen Sockel passt, in eine radikale, grenzenlose Performance, die alle nur möglichen Medien benutzt, um sich darzustellen. Von riesigen Bildern bis winzigen Objekten, Installationen und theatralischen Aufführen akzeptiert die modernen Kunst keine Einschränkungen mehr und konfrontiert damit die Museen mit einer enormen Herausforderung. Das bedeutet, die moderne Entwicklung der Kunst hat auch die Museen gezwungen, sich zu verändern.

Zweitens, die Veränderung des Publikums. In den letzten drei bis fünf Jahren beeinflusste die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, und damit die Internationalisierung der Touristenströme, eine ebenfalls radikale Veränderung der Besucher. Es kommen zu einem hohen Prozentsatz Gäste aus einem Kulturkreis, denen unsere Sozialisation – egal, ob man gläubig oder nicht-gläubig ist – völlig fremd ist. Die sehen zum Beispiel zwölf Männer an einem Tisch sitzen und essen, was bei uns selbst ein Atheist als »Das letzte Abendmahl« erkennen würde, und fragen sich, was machen die hier, und warum war es für den Maler so wichtig, dies darzustellen. Das verlangt eine neue globale Sprache, nicht nur der Gestaltung der Ausstellungen, sondern auch der Kunstvermittlung. Das globale Publikum hat einen kleineren gemeinsamen Nenner als das Publikum aus einem definierten, lokal begrenzten Kulturkreis. Mit Touristen aus Asien und Süd-Amerika kommt eine neue Herausforderung für Museen. Das bedeutet, die Vielfalt der Besucher wird die Museen verändern.

Die dritte Herausforderung für moderne Museen ist die Übernahme von Sammlungen. Museen wachsen nicht durch Ankäufe, das sind die Ausnahmen und haben kaum einen Einfluss auf den Bestand an Kunstwerken. Die großen Sprünge in der Entwicklung der Albertina gingen parallel mit der Übernahme von privaten Sammlungen, dem Sammeln von Sammlungen. Dass Herzog Albrecht in den vier bis fünf Jahrzehnten 200.000 Kunstwerke dem Museum brachte, war nicht das Ergebnis von einzelnen Einkäufen, sondern das Ergebnis der Übernahme ganzer Sammlungen. Was sich jedoch verändert hat, sind die Inhalte der Sammlungen, die ebenfalls eine globale Gesellschaft widerspiegeln, und damit ändert sich auch das Profil eines Museums. 

In den großen Metropolen wie London, Barcelona, Madrid, Venedig und eben auch Wien kommt es durch die Vielfalt der Besucher und Sammlungen zur Veränderung des Verständnisses von Kunst. Das unterscheidet sie von lokalen Einrichtungen in kleineren Städten. Das Landesmuseum in Linz zum Beispiel wird von diesen Veränderungen kaum beeinflusst werden. Weder wird es dort eine Herausforderung durch Veränderung der Kunst noch des Publikums geben, und die Schenkung großer Sammlungen werden die Lokalmuseen kaum belasten. 

Schenkungen von wichtigen Sammlungen internationaler Sammler bekommt man nur, wenn man entsprechende Besucherzahlen hat, und eine bestimmte Marke, ein Image und den internationalen Respekt gegenüber der Institution nachweisen kann. Früher kam man zu uns wegen einer bestimmten Ausstellung, heute kommt man wegen der Marke »Albertina«. So wie man davon ausgeht, dass ein Anzug von Armani und ein Schuh von Prada eine gewisse Qualität versprechen, vermittelt ein Museums-Brand wie Guggenheim, Prado, NOMA das wichtigste Motiv, dieses Museum zu besuchen – und wichtigen Sammlern, ihre privaten Sammlungen diesen Museen zu übergeben.

Das sind die drei Herausforderungen, die sich ein Museum in einem Touristen-Hotspot stellen muss, um mit der ständig wachsenden Anzahl von Touristen auch als Museum zu wachsen. 

Zirkusdirektor und Gastgeber

Schröder ist vielleicht eine Ausnahme unter Museumsdirektoren. Er spricht mehr über Besucher als über Kunstwerke. Er versucht nicht, durch die Schätze seines Hauses zu beeindrucken, die in den Archiven lagern, sondern gleicht eher einem Zirkusdirektor, dem die Stimmung unter den Zusehern wichtiger ist als der Elefant, der auf den Hinterbeinen durch die Arena geht. Er will den modernen Menschen verstehen, was ihn interessiert, was ihn beeinflusst und was ihn verändert. Erst dann könne er ein Museum gestalten, das den Bedürfnissen der Besucher entsprechen würde. Wobei er das Kunstinteresse und das Kunsterlebnis von der Herkunft losgelöst sieht. Ein Koreaner sei kein anderer Besucher als ein Wiener oder ein Besucher aus New York. Die Globalisierung der Menschen schaffe die Möglichkeit eines globalen Museum-Erlebnisses, das nicht auf unterschiedliche Besucher abgestimmt werden müsste.

Manchmal ist es schwierig, ihn mit Fragen zu unterbrechen, wenn er begeistert über die Menschen spricht, die sein Museum besuchen, als ob sie alle seine persönlichen Gäste wären. Seine Kunden sind die universellen Besucher, egal ob sie aus Tokio oder St. Pölten kommen, da der Japaner sich durch die Globalisierung genau so verändert habe wie der Wiener oder Münchner. Das sogenannte Bildungsbürgertum, das durch einen Museumsbesuch und das Bewundern eines Meisterwerks ihre überlegene Identität bestätigt sieht, sei eine verschwindende Minderheit und werde es bald nicht mehr geben.

»So wie ich mich in den letzten dreizehn Jahren verändert habe, und ich schwöre ihnen, ich bin eine ziemlich stabile Persönlichkeit, haben sich auch die Besucher verändert«, sagt er lachend.

Das zu erkennen sei eine wichtige Verantwortung einer Museumsleitung. Ein Museum muss wachsen, es müsse sich neuen Entwicklungen in der Kunst öffnen und bereit sein, diese aufzunehmen und dem Publikum zu bieten. 

Schröder fasst die Verantwortung eines Museums in einem Satz zusammen: Jede Ausstellung müsse aktuell, relevant und attraktiv sein, und was aktuell, relevant und attraktiv sei, würden die Besucher entscheiden.

Er sehe seinen Auftrag in einem besucherorientierten Management. Das beginne beim Eintritt, der Garderobe und der Security bis zur Gestaltung des Programms. Bei über einer Million Kunstwerken müsse die Direktion eine Auswahl treffen, die Besucher anspreche. Morgen könnte schon alles anders sein, mit anderen Besuchern und anderen Kunstwerken…

Auf meine letzte Frage, ob er selbst künstlerisch tätig sei, antwortet er lächelnd, er sei wie viele Museumsdirektoren natürlich auch ein gescheiterter Künstler und habe früher gezeichnet und gemalt. 

Klaus Albrecht Schröder wurde 1955 in Linz geboren, studierte in Wien Kunstgeschichte, arbeitete von 1981 bis 1983 beim ORF als Radiosprecher und 1987/88 als Kabinettschef der Kulturstadträtin Ursula Pasterk. Von 1988 bis 2000 leitete er das »BA-CA Kunstforum«, war von 1996 bis 1999 maßgeblich beteiligt an der Errichtung des heutigen »Leopold Museums« und der Planung und des Baus des Museums auf dem Mönchsberg in Salzburg. 1999 übernahm er die Albertina, die 2003 nach gründlicher Renovierung und Modernisierung eröffnet wurde.

Zuerst erschienen im FAZIT Magazin.

 

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