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SCHLAGLICHTER

Des Wieners liebster Feind, der Nachbar

Wien gilt als besonders lebenswert und besonders unfreundlich

»Der Hund, gehört der ihnen?«

»Nein, der Hund gehört mir nicht«.

»Aber ich seh’ sie doch immer mit einem Hund!«

»Das kann schon sein, aber das ist eine Hündin«.

»Jetzt werden sie doch nicht frech!«

Vor mir steht eine pensionierte Lehrerin vor ihrer Wohnungstür. Sie muss aus der Küche gekommen sein. Auf ihrer Schürze das letzte Mittags-Menü. Sie riecht nach Zigaretten, Alkohol und Gulaschsaft. Ein Dialog im Stiegenhaus einer Wohnanlage in Wien Döbling mit zweistöckigen Gebäuden, einem großzügigen Garten und ein oder zwei Wohnungen auf jeder Etage. Ein so genannter Luxusbau aus den Siebziger-Jahren mit niedrigen Räumen, graubleicher Fassade und dunkelgrünem Flachdach. 

Wo einst wunderbare Villen mit parkähnlichen Gärten standen, verzieren hässliche Wohnblocks die Gegend mit teuren Apartments, hohen Mieten und verzweifelten Bewohnern. Die Gärten sind leer und sehen aus wie neue Friedhöfe, auf denen noch keine Grabsteine stehen. Jeder Versuch Tische, Sesseln, eine Sandkiste oder Schaukel aufzustellen, wird mit der Stimmenmehrheit der Eigentümer verhindert. Eine jüngere Bewohnerin schlug vor, das flache Dach auszubauen. Das Kollektiv empörte sich und eine flüsterte, dass man es auf der gegenüberliegenden Straßenseite hören konnte: »Die kommt ja von irgendwo, wer weiß, wer dann aller auf unserem Dach ist!«

Die Kontrolle verrät den Charakter. Während Mutige im offenen Fenster auf gepolstertem Fensterbrett meist rauchend das Geschehen beobachten, bleiben die Vorsichtigen hinter den Vorhängen, schieben diese nur leicht zur Seite. In diesem Haus sind sogar die Fenster in oberen Stockwerken vergittert

Auf mein ›Guten Morgen‹ wird meist freundlich geantwortet. Dann kommt man sofort zur Sache, auf einen Stock gestützt, die andere Hand am Gelände langsam die Stiegen hinaufsteigend, während ich mich an die Wand drücke.

»Gestern war wieder das Haustor stundenlang offen, sie wissen eh, letztes Jahr haben’s zwei Zigeuner erwischt, die überall angeläutet haben«.

»Letztes Jahr war ich nicht hier«, antworte ich.

»Ach ja, sie sind ja der Neue, wir sind schon seit dreißig Jahren hier im Haus und ich sag ihnen, wir haben schon alles erlebt. Übrigens, ihre Frau, die redet aber nicht Deutsch?«

»Sie ist Amerikanerin.«

»Na, sind wir froh, dass der Trump weg ist, der hätt’ uns noch den Krieg gebracht. Wie heisst der Neue? Na, ist ja egal.«

Ohne meine Antwort abzuwarten geht man weiter.

Kein Dialekt, kein Hochdeutsch

Hier wird kein Dialekt gesprochen und dennoch kein Hochdeutsch. Der Bezirk verteidigt seine Sprache, die, bevor Fremde in die Gemeindebauten zogen, ein Kennzeichen für Hietzing und Döbling war. Jetzt fühlt man sich sprachlich bedroht auf dieser noblen Insel. 

Mich hat es zufällig hierher verschlagen, über Bekannte, die derzeit die Wohnung nicht benötigen. Nach der Übersiedelung aus England mit Nachbarn, die freundlich grüßen und dennoch in Ruhe gelassen werden möchten, jetzt mit Mitbewohnern, die einem keine Ruhe gönnen. Hier entkommt keiner ihrer Aufmerksamkeit. Niemand ist Niemandem egal. Der grantige Wiener mag in den Liedern und Filmen mit Hans Moser ein nettes Klischee sein. Im Alltag zeigt er sich grausam, ist weder an Gefangenen noch Geiseln interessiert, sondern tötet kaltblütig.

Aufgewachsen im 12. Wiener Bezirk, in Meidling, erinnere ich mich an Polizisten, Eisenbahner, Bäcker, Schuster und Schlosser in unserer Umgebung. Hier im 19. Bezirk, in einer ruhigen Sackgasse mit Villen und Mehrfamilienhäusern leben Diplomaten, Rechtsanwälte, Ärzte, Manager und Unternehmer. Ein Gemeindebau liegt dazwischen als habe er sich verirrt. Der Nachbarschaftskampf ist kein Privileg einer Klasse. Arm und Reich denkt und handelt als Kollektiv wie die klassenlose Gesellschaft im utopischen Kommunismus. 

Es ist immer noch der schönste Bezirk von Wien. Von Grinzing aus führen Wege entlang der Weingärten in den Wiener Wald. Trotz Schließung vieler Heuriger laden genügend wunderbare Lokale mit ihren herrlichen Gärten ein. Das Zentrum von Grinzing mit seinem dorfähnlichen Charakter bietet Bäckereien, ein Eisgeschäft, Cafés und alle notwendigen Geschäfte. 

Einen Tag später reißt mich ein Gespräch um Altpapier aus meiner Schwärmerei.

»Gestern haben sie mehrere Karton weggeworfen, aber nicht genügend plattgedrückt«, teilt mir eine Nachbarin mit.

»Doch, ich hab’ sie flach getreten«, versuche ich mich zu wehren.

»Nicht genug, der Kübel ist ja fast voll jetzt!« 

»So ein Blödsinn!« Reagiere ich verärgert.

Hinter ihr steht plötzlich der Ehemann.

»Sie haben hier gar nichts zu reden«, mischt er sich ein.

»Wer sind sie?«

»Ich bin der Gatte!«

»Das kann jeder sagen«. Es war als Scherz gemeint, um die Sache humorvoll zu beenden, doch es kam nicht gut an. Der übergewichtige Gatte schnappte nach Luft, wie ein Goldfisch, der am trockenen Teppich liegt.

»Sie werden schon sehen, ich kann.« Schreit er mich an.

»Übrigens«, mit letzter Kraft versuche ich, die Situation zu retten. »Die Oper gestern, ich glaube, es war Aida, was für eine Aufzeichnung war es, ich fand sie in keinem Sender, konnte sie nur durch die Wände aus ihrer Wohnung hören«.

»Bis 22 Uhr dürfen wir Musik hören, lesen’s die Hausordnung!« Belehrt mich die Gattin.

Jeder wird zum ›Wiener‹

Szenenwechsel.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite im untersten Stock, nur wenige Meter über dem Gehsteig, schaut eine rundliche Frau aus dem Fenster einer Gemeindebau-Siedlung und raucht. Es ist Sonntag, ich nehme eine Zeitung aus der Plastiktasche, die vor ihrer Wohnung an einer Laterne hängt.

»Jetzt ham’s aber kein Geld hineingegeben«, sagt sie und grinst. 

»Wieso wissen sie das?« 

»Ich hör das, weiß immer genau, wer zahlt und wer nicht zahlt, und wer nur zwanzig Pfennig hineinschmeißt, das klingt dann ganz anders«, sie grinst immer noch.

»Ich hab’ kein Kleingeld, tut mir leid«.

»Bei mir brauchen sie sich nicht entschuldigen, mir g’hört der Kurier nicht«, sagt sie und bläst den Rauch nach oben, den Kopf zurückgebeugt. »Mit ist das wurscht, ob sie zahlen oder nicht, ich zahl ja auch nie«.

Etwa 40 Jahre alt, trägt sie ein blaues Kleid mit weißen Blumen. Aus den kurzen Ärmeln kommen kräftige Arme und Hände. Die blonden Haare sind streng nach hinten gekämmt und zusammengebunden. Es scheint ihr ›wurscht‹ zu sein, ob ich die Zeitung zahle, den Hund an der Leine führe, die Kartons flach trete. Sie versucht sich als Gleichgültige und beobachtet jeden, erkennt am Klang, wer wie viel für die Zeitungen bezahlt.

Meine Tochter versuchte mir zu erklären, es sei nur die ältere Generation in Wien so bösartig und unfreundlich. Sie erlebe die Gleichaltrigen ganz anders. 

»Aber wie werden die sein, wenn sie älter sind?« Frage ich sie.

»Das weiß ich auch nicht«, antwortet sie und lacht.

Der Kabarettist Joesi Prokopetz erklärte mir einst, irgendwann werde jeder zum ›Wiener‹, egal ob in Wien, Stockholm oder Rom geboren. Es sei der langsame Verlust der Menschlichkeit im Laufe der Zeit und endet in den Jahren vor dem Tod in einem unfreundlichen, grantigen Widerling. Der ›Wiener‹ sei überall zu finden, meint Prokopetz. Er werde sicher einmal unter diesem Begriff in medizinische Lehrbücher übernommen werden. Damit könnte sich der pensionierte Wiener als Diagnose verewigen. Georg Kreisler singt: »Wie schön wäre Wien ohne Wiener…«. 

Kreisler, Moser, Prokopetz, meine Nachbarn und ich. Wir Wiener schimpfen über Wiener, die schimpfen, und verstehen uns blendend dabei. Es ist ein Spiel, das Fremde irritiert. Wien gilt bei Umfragen internationaler Fachkräfte als besonders lebenswert und besonders unfreundlich, mit Spitzenplätzen in beiden Statistiken. 

Wir leben damit wie mit der Leberkäs Semmel, der Liliputbahn, dem Hirn mit Ei und dem Neujahrskonzert, für das wir allerdings auch über die Lotterie nie Karten bekommen. Dort sitzen die Villenbesitzer aus meiner Sackgasse, nicht die Bewohner der Mehrfamilienhäuser und schon gar nicht die der Gemeindebauten. Irgendein Unterschied muss ja sein.

Zuerst veröffentlicht in NEWS.


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Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.
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