Feuilleton

Das verdammte Alter

Wartezimmer des Friedhofs

Lasst uns doch einmal über das Alter reden, diese herrliche Zeit des Nichts-Tuns nach einem erschöpfenden Arbeitsleben. Vielleicht gehört man sogar zu jenen genetisch Erfolgreichen, die mit dem Enkel am Schoß einen Zeichentrick-Film genießen dürfen und das Glück der Fortpflanzung erleben, das ein wenig beruhigt, und die Illusion ins Gehirn drückt, dass doch nicht alles sinnlos war. Woody Allen definierte das Alter als den Moment, als er eines Morgens in den Spiegel sah und das Gefühl hatte, irgend etwas fehle, er vermisse etwas. Bis es ihm einfiel – es war die Zukunft.

Den Zukunftslosen versuchte man immer schon Mut zu machen oder sie zu trösten. Wie der Besuch eines Priesters in der Zelle des zum Tode Verurteilten, der ihm Hoffnung macht, dass das Leben nicht sinnlos gewesen sei, und Gott ihm vergeben werde. Der Trost wirkt wie eine plötzliche Lebensverlängerung, eine Chance, und der auf den Galgen Wartende schöpft die Hoffnung, dass es zwar nur mehr wenige Stunden sein würden, die ihm blieben, es aber doch vielleicht nicht das Ende sei. 

Das Alter ist das Wartezimmer des Friedhofs, egal ob man dort weint, lacht, tanzt, depressiv oder heiter ist. Mit manchmal mehr oder oft weniger Geduld versucht die jüngere Generation sich auf die Älteren einzustellen, geht ihnen aus dem Weg, steigt über sie drüber oder weicht ihnen aus und reagiert ziemlich unbeherrscht, wenn sie ihre Bewegungen stören. Es geht besser, wenn sie nicht im Weg stehen, das Vorwärts-Drängen der Fortgepflanzten nicht blockieren, und sie sich ohne viel Lärm zu machen selbst beschäftigen. Altersheime sind der ideale Ort, um die Bewegung des Universums nicht zu behindern. Weggesperrt in Sonderzonen, je nach finanzieller Kapazität eher als Gefängnis oder Club-Med organisiert. Dort dürfen sie auch einmal nicht fröhlich sein und nicht lachen. Es sieht sie keiner.

Eine Flut von Büchern, Filmen, Beratern und Therapeuten versucht es mit Ratschlägen, was man mit der plötzlich zur Verfügung stehenden Zeit anfangen könnte. Tanzen, Singen, Reisen, Basteln, Klavierlernen, ein Schachklub, eine neue Sprache, auf dem Kopf oder einem Bein stehen – Hauptsache sie sind beschäftigt und kommen auf keine blöden Gedanken. Junge Ratgeber, Trainer und Betreuer, die voll im Leben stehen und an ihre unbezahlten Rechnungen oder an die Affäre des Partners denken, während sie mit den Alten reden und sie reden lassen, geben gute Ratschläge. Das Alter sei ein schöner Lebensabschnitt, erklären sie zum Beispiel, man müsse nur den Sinn darin entdecken. Doch, was für einen Sinn sollte das Alter haben, wenn die Falten im Gesicht das immer näherkommende Ablaufdatum zeigen?

In den Werbesendungen werden die Älteren meist als infantile, in die Kindheit zurückgekehrte Menschen gezeigt, die ständig grinsen und eine Fröhlichkeit vermitteln, die so authentisch wirkt wie ein Inder in Lederhosen, der Schuhplattler tanzt. Glücklich oder zufrieden zu sein als alter Mensch bedeutet lachen und hüpfen und laufen und tanzen, seine Knie noch beugen zu können und strahlend weiße Zähne zu haben. Alten Menschen, die fröhlich sind, muss man es ansehen können. Sie haben eine einzige Verantwortung gegenüber den Jungen: nie zu zeigen, wie es ihnen wirklich geht. Denn nichts scheint deprimierender für die Jüngeren zu sein, als alte Menschen, die unglücklich sind, oder einfach nicht glücklich. Die Erkennungsmerkmale des Frohsinns definieren die Jüngeren und stülpen sie über die Älteren. Selbst wenn der Ältere dem Jüngeren sagt, es gehe ihm gut, glaubt es der Jüngere nicht, wenn er es dem Älteren nicht ansieht.

Eine Möglichkeit, die Älteren mit dem Besen aus dem Alltag und dem Leben zu kehren ist das Reisen. Alte Menschen sollten reisen, kann man in jedem Magazin lesen, und Kinder und Enkelkinder raten ihren Vorgängern immer wieder: Macht doch einmal eine schöne Reise, das habt ihr euch wirklich verdient. Bewegt doch euren Hintern und sitzt nicht zu Hause herum, den ganzen Tag überlegend, wann ihr uns das letzte Mal angerufen habt, ob ihr vielleicht am Sonntagnachmittag noch vorbeikommen könntet, um die nächsten Weihnachten zu diskutieren, oder wer wen wann wie lange besuchen sollte.

Meine lieben Altersgenossen, macht euch nichts vor, man will euch einfach loswerden, zumindest eine Zeitlang, raus aus dem Ort, wo ihr stören könntet. Fahrt doch bitte irgendwohin. Und so schleppen sie auf Flug- und Bahnhöfen ihre schweren Koffer, weil sie immer zu viel einpacken, erschöpft mit blassen Gesichtern, ständig in Panik, einen Anschluss oder Abflug zu versäumen. Drei Stunden zu früh im Flughafen angekommen, sitzen sie herum, sehen auf die Anzeigetafeln und fragen mehrere Male am falschen Schalter, ob der Flug auch keine Verspätung habe. Bis sie endlich ins Flugzeug drängen, in Panik immer als erste ganz vorne in der Reihe mit zu viel Handgepäck, das zu schwer ist, um es in die Fächer über den Sitzen zu heben, und sich dann in die engen Sitze zwängen, wo sie ihre geschwollenen Füße nicht ausstrecken können. Sie rufen nach der Stewardess, weil der trockene Mund quält, doch es gibt kein Wasser, erst nach dem Start, und das dauert noch dreißig Minuten, weil man doch als erster am Platz war, und das Flugzeug sich ganz langsam füllt.

Angekommen im Urlaubsparadies ist es einem zu heiß oder zu kalt, man verträgt das Essen nicht, die Betten sind unbequem und bei jeder Rundreise wird einem im Autobus schlecht. Man sieht Sehenswürdigkeiten, die man entweder schon gesehen hat, oder die an Bekanntes erinnern, auch wenn man hier noch nie war und auf einmal sieht alles gleich aus. Bucht man eine Reise für Pensionisten, hat das den Vorteil, dass garantiert einer krank wird, und die erschöpfende Rundreise mit ewig nörgelnden Mitreisenden, die einem unglaublich alt vorkommen, auch wenn sie vielleicht jünger sind, in einer Stadt unterbrochen wird, wo es ein Krankenhaus, aber auch gute Hotels gibt. Dort kann man sich wenigstens ausruhen.

Neben Reisen, Tanzkursen und Betreuung der Enkelkinder wird – neu entdeckt in den letzten zehn bis zwanzig Jahren – in unserer Tabu-losen Zeit mit Begeisterung das Thema »Sex im Alter« diskutiert. Das sei alles ganz normal, beruhigt man die Alten, das »Wollen« gehe zwar langsamer zurück als das »Können«, aber solange man »kann« muss man sich auch nicht für das »Wollen« schämen und umgekehrt. Mit beruhigenden Worten wie »das würde halt alles länger dauern und es gäbe ja unterschiedliche Formen der Sexualität« – sprich Lieb-Haben bei Impotenz – versuchen Therapeuten und Ratschlag-Geber die Wichtigkeit der Sexualität im Alter zu betonen, ohne zu berücksichtigen, dass wahrscheinlich ein junges Paar an Beziehungsstörungen leidet, wenn die Sexualität fehlt, ein älteres aber vielleicht endlich die Freiheit hat, glücklich und zufrieden zu leben, wie es beide wollen – mit Sex, mit wenig Sex oder ohne Sex. Da der in jungen Jahren quälende genetische Code zur Fortpflanzungs-Pflicht sich aufgelöst hat wie ein Stück Zucker im heißen Tee, bleibt nur noch die Freiheit, ein völlig sinn- und zweckloses Sexualleben zu haben – oder eben nicht. Ratschläge in diesem Bereich erleben ältere Paare so aufschlussreich wie die Ankündigung der Kälte im Winter oder des möglichen Regens im Herbst, sinnlos, peinlich und unnötig, vor allem wenn man sich einmal als Paar jenseits der Sechzig nackt vor den Spiegel gestellt hat und dann über Sexualität diskutieren soll.

Was also tun mit dem Alter, mit den Alten, und was sollen sie tun? Das ist nicht einfach zu beantworten, weil ältere Menschen mit ihrer Nervosität und Angst, niemandem zur Last zu fallen, selten sagen, was sie wollen. Und vor allem nicht gefragt werden. Man könnte in den Erinnerungen kramen und an Reisen in Gegenden denken, wo psychologische Altersbetreuung, Tanzkurse für Senioren und Aktiv-Gruppen im lokalen Gemeindezentrum unbekannt sind, und es fällt einem ein, dass ältere Männer und Frauen dort eigentlich nichts anderes wollen und tun als zusammen zu sitzen, herum zu stehen, spazieren zu gehen und zu quatschen.  

Die Runde alter Männer in einem griechischen Dorf am Hauptplatz vor dem einzigen Café mit einer Tasse Espresso und einem Glas Schnaps, an der Pfeife kauend mit dem Stock zwischen den Knien, unrasiert und dichten, schon ewig nicht geschnittenen, grauen Haaren, mit Hosen und Pullovern, die sie scheinbar die letzten zehn Jahre nicht gewechselt haben, ist ein Symbol für das Alt-Werden in Gesellschaften, in denen man sie einfach in Ruhe lässt. Niemand braucht sie, niemand fragt sie etwas, und niemand gibt ihnen gute Ratschläge. Sie beobachten das Leben, das wie ein Film vor ihnen am Hauptplatz abläuft, und das sie schon bald hinter sich haben, schauen gerne zu und vermissen nicht, noch immer ein wichtiger Teil davon zu sein.  

Ein paar Straßen weiter lehnt sich eine ältere Frau, mit den Ellenbogen aufgestützt auf das Fensterbrett, aus dem geöffneten Fensters eines einfachen Steinhauses und spricht mit zwei anderen, schwarzbekleideten Frauen, die gegen die Hauswand gelehnt nach oben zu ihr blicken. Die beiden auf der Straße haben ihre vollen Einkaufstaschen auf den Boden gestellt. Auch diese Frauen sehen nicht aus, als ob sie sich im örtlichen Fitness-Studio in der Pensionistengruppe angemeldet hätten oder in den nächsten Tagen mit einen Tango-Tanz-Kurs für Senioren beginnen würden.

Konträr dazu die Bilder von Frauen mit kurzen grauen Haaren in einem Park in Beijing, die chinesische Gymnastik zu Popmusik machen, und auf YouTube zeigt eine Gruppe älterer Frauen in Südamerika, wie sie in langen, weiten, traditionellen Kleidern, mit Bergschuhen, Seilen und Eispickeln einen schneebedeckten Berg bestiegen haben, auf dessen Gipfel nie zuvor eine Frau war. 

Die Vielfalt der Bilder summiert die Antwort auf die Frage, was man im Alter tun sollte: Es gibt keine. Die Zukunftslosen haben nichts gemeinsam, nur weil sie alt sind. Nichts verbindet sie plötzlich oder schaltet sie gleich. Sie sind untereinander ebenso unterschiedlich wie alle anderen und erwarten nur eines, dass man ihnen zutraut zu wissen, was sie wollen. Das Alter alleine macht sie nicht zu einer Gruppe mit austauschbaren Interessen, Wünschen und Verhaltensweisen und sie geben nicht ihre Individualität auf. Doch auch ihre Eigenheiten und Unterschiede altern und verändern sich. 

Jene, die einander kennen und verstehen, bewegen sich im Alter auf scheinbar parallelen Linien, die langsam näher kommen bis sie sich in einem Punkt treffen, an dem sie an die alten Männer vor dem Café in Griechenland, die kletternden Frauen in Südamerika oder an Millionen andere Möglichkeiten erinnern, wie ältere Menschen ihr Leben gestalten. Die richtige Antwort auf die Frage, wer von ihnen es richtig macht, ist deren Nicht-Beantwortung, und Kriterien wie »richtig/falsch« haben keine Bedeutung mehr. Dann sind alte Menschen endlich frei und können in Ruhe auf den Tod warten.

 

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