Im Schlaglicht Österreich

D-Day

Wie mein Vater versuchte, Wien zu befreien

Es gab dieses berühmte Bild der »Vier im Jeep« 1945 nach dem Ende des Nationalsozialismus in Österreich, mit vier Soldaten in Uniformen der vier Besatzungsarmeen in Wien in einem Auto – die alle vier sich in Wiener Dialekt unterhielten. Eine nur wenig dokumentierte historische Tatsache ist der aktive Kampf österreichischer Emigranten in den alliierten Armeen. Viele von ihnen sind in den Uniformen der Siegerarmeen einmarschiert und wurden von der Bevölkerung als Verräter beschimpft statt als Befreier gefeiert.

Einer in der Britischen Armee war mein Vater, Harry Sichrovsky, 1921 in Wien geboren und Sohn von Max Sichrovsky, der eine Musik-Agentur besaß und Wien mit Kapellen versorgte, die vor allem in Nachtlokalen spielten. Wenige Jahre vor dem Tod meiner Tante Grete, der älteren Schwester meines Vaters, besuchte ich sie in Bordeaux, wo sie mit ihrem französischen Ehemann lebte. Sie konnte sich mit einer von meinem Großvater engagierten Musikgruppe nach Nord-Afrika retten, die sie als Sängerin über die Grenzen schmuggelte, und heiratete nach dem Krieg einen Franzosen. Sie erzählte mir, dass sie schon mit sechzehn Jahren sehr früh am Morgen, lange bevor die Schule begann, die Nachtlokale in Wien abklapperte und von den Musikern, die nach einer langen Nacht bezahlt wurden, direkt die Agentur-Provision kassierte und nach Hause brachte. 

Als ich vor vielen Jahren einmal die Eden-Bar besuchte und dem damaligen Besitzer Heinz Werner Schimanko erzählte, dass hier in dieser Bar in den Dreißiger-Jahren meine Tante jeden Morgen auftauchte, um die Gelder für die Agentur meines Großvaters einzusammeln, konnte er sich vor Lachen kaum beruhigen und umarmte mich plötzlich.

Mein Vater floh mit zwei Freunden kurz nach dem Einmarsch der Deutschen. Alle drei erzählten ihren Eltern nichts vor ihrer Flucht, sammelten ein paar Lebensmittel in der Küche, stopften den Rucksack voll mit Kleidungsstücken und bestiegen einen Zug in Richtung Deutschland. Sie hatten weder Pässe noch Ausreisedokumente, und bevor der Zug die belgische Grenze erreichte, versteckten sie sich in den Toiletten. Natürlich wurden sie entdeckt und von der deutschen Polizei verhaftet. Ein paar Tage lang hielt man sie in einem Gefängnis nahe der Grenze fest, und sie warteten darauf, in ein Konzentrationslager überstellt zu werden. 

Eines Nachts kam ein Offizier in ihre Zelle und forderte sie auf mitzukommen. Mein Vater erzählte mir, dass sie alle drei damals sicher waren, einfach erschossen zu werden. Der Offizier befahl ihnen, nicht ein Wort zu sprechen und führte sie zu seinem eigenen Auto. Alles, woran sich mein Vater später noch erinnerte, war, dass der Offizier in einen Wald fuhr, ohne die Lichter des Autos einzuschalten. Plötzlich sei er stehen geblieben und befahl ihnen auszusteigen. Dann zeigte er in eine Richtung und sagte, dort drüben sei Belgien, und an dieser Stelle im Wald gäbe es keine Kontrollen, stieg wieder in sein Auto und fuhr einfach davon.

So kam mein Vater nach England, das damals alle Flüchtlinge aufnahm, sie jedoch die ersten Monate nach der Ankunft aus Furcht vor Spionen in ein Auffanglager sperrte und jeden einzelnen tagelang interviewte. Sie entließen meinen Vater nach sechs Monaten, und er arbeitete auf einem Bauernhof in Cornwall, wo er meine Mutter Lotte Kafka kennenlernte, die aus Prag gekommen war. Sie war mit einem gefälschten Taufschein geflohen, den ihr ein Priester mit auf dem Weg gegeben hatte. Beide überlebten, weil ein Geistlicher und ein Offizier sich nicht an die Vorschriften hielten und ihr Leben riskierten. Das Ignorieren von Regeln ist sozusagen die Grundlage meiner Existenz und hat mich ein Leben lang beeinflusst.

Während der Arbeit auf dem Bauernhof meldete sich mein Vater zur britischen Armee, wurde mehrere Male abgelehnt – wiederum aus Furch vor Spionen – doch ein Jahr später nahm man ihn auf. Deutsche Sprachkenntnisse waren damals gesucht, und nach fast zwei Jahren in England sprach mein Vater auch fließend Englisch. Nach einer längeren Grundausbildung wurde seine Gruppe informiert, dass sie sich für den Einsatz bereithalten sollten. Mein Vater war sicher, dass er bei der Invasion eingesetzt werden würde, doch es kam anders. Seine Abteilung bestieg zwar ein Schiff in Southampton, doch es landete nicht an der französischen Küste. Niemand informierte die Soldaten, wo sie sie eingesetzt würden, und als sie Gibraltar sahen, waren sie sich sicher, sie würden in Italien landen. Doch dann ging es durch den Suez-Kanal und von dem Zeitpunkt an wussten sie, es werde die Front in Asien gegen die Japaner sein. Dort verbrachte mein Vater die Kriegsjahre, in Burma an der japanischen Front. 

Er sei wütend gewesen, erzählte er mir, und habe fast wöchentlich Gesuche an das Hauptquartier geschrieben, um nach Europa versetzt zu werden. Er wollte seine Heimat befreien und nicht gegen Japaner kämpfen, doch die Armee ignorierte seine Briefe und holte ihn erst nach Ende des Krieges zurück nach England. Dann wurde er nach Wien versetzt und kam zurück in seine Heimatstadt in britischer Uniform. 

Hier erfuhr er, dass außer seiner Schwester und seinem Bruder niemand in der Familie überlebt hatte. Sein Vater ist kurz nach dem Einmarsch der Deutschen verstorben. Seine Mutter und die jüngere Schwester hätten sich noch ein paar Monate im Keller des Wohnhauses in der Praterstraße 41 versteckt, bis sie der Hausmeister entdeckte und die Polizei verständigte. Beide wurden in Maly Trostinec ermordet.

Im September dieses Jahres wird ein Stolperstein vor dem Haus Praterstraße 41 mit den Namen meiner Großmutter und meiner Tante in den Gehsteig eingesetzt werden. Mein Vater ist allerdings schon lange tot und wird es nicht mehr erleben können. Er bekam nichts aus der Wohnung, in der er seine Kindheit verbracht hatte. Keine Fotos, keine Erinnerungen, keine Wertsachen, nicht seine alten Schulbücher und nicht den Kerzenständer, der jeden Freitagabend auf dem Esstisch stand. 

Die Nachbarn jagten seine Eltern und seine Schwester aus der Wohnung, setzten sich mit einer Selbstverständlichkeit an den Esstisch, benutzen Besteck, Teller und Gläser und legten sich abends in die frisch überzogenen Betten, als hätte ihnen alles schon immer gehört.

 

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