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Beziehungswörterbuch 4.0

Beziehungsprobleme im social-media Zeitalter

Die Regeln des Dating haben sich mit den modernen Kommunikationsmethoden verändert. Tinder, als Symbol für die neuzeitliche Suche nach Partnern, verkürzt die mühsame Suche nach dem oder der Richtigen, ersetzt den Barbesuch und den Flirt in der Straßenbahn, und schuf auch eine neue Sprache, um die Bedingungen der neuzeitlichen Kontaktaufnahme oder des Abbruchs zu beschreiben.

Hier ein paar Begriffe, die man sich merken sollte, um die verschiedenen Formen des Scheiterns oder des Erfolgs im Hier und Jetzt entsprechend zu beschreiben. Sollte man selbst bereits – wie Woody Allen es beschrieb – out of the race sein, so ist es als Hilfe zu verstehen, bei Gesprächen der Töchter und Söhne nicht völlig ahnungslos daneben zu stehen.

Ghosting

Ghosting beschreibt das Abtauchen, die totale Verweigerung jeglicher Kommunikation, von einem Tag zum anderen. Texte, und alle anderen Formen der Kontaktaufnahme werden einfach nicht mehr beantwortet, ohne Grund und ohne Erklärung.

Die mühsamen Versuche im Kaffeehaus mit zB es liegt an mir, nicht an Dir, usw., erspart man sich damit. Es ist vergleichbar mit der alten Geschichte: Vater ging nur mal schnell um ein paar Zigaretten und ward nie wieder gesehen…

Ghosting ist eine der Folgen der schnellen Bekanntschaften über sog Dating-Apps. Man trifft sich, tauscht die Kontakte aus, schreibt ein paar Mal, trifft sich wieder und wieder, und plötzlich verschwindet sie oder er, gibt keine Begründung, keine Erklärung, als ob einfach das Licht abgeschaltet wurde.

Benching

Benching heißt, jemanden wörtlich auf der Bank warten zu lassen. Man bricht den Kontakt nicht ab, meldet sich immer wieder, ohne konkret zu vermitteln, dass man eine Beziehung beginnen oder fortsetzen möchte. Eine gewisse Distanz wird eingehalten, ein Gummiband, das sich je nach Bedürfnis dehnen lässt, ohne abzureißen.

Es kann bedeuten, dass sich die Person noch nicht entschlossen hat, eine enge Beziehung einzugehen, kann aber auch eine Form von Warmhalte-Packung sein, um im Notfall drauf zurückzugreifen.

Es gibt Situationen, in der beide Partner damit einverstanden sind und sich gegenseitig einladen, die Bank gelegentlich zu verlassen. In anderen Fällen ist es für einen der beiden frustrierend, in einer Beziehung auf ‚Abruf’ immer nur vorhanden zu sein, in einem Regal je nach momentanem Wunsch des ‚Kunden’.

Zombieing

Darunter versteht man die überraschende Kontaktaufnahme von jemandem, von dem man sich bereits getrennt, oder der einen verlassen hat. Out oft the blue kommt ein Anruf, Text-Message etc, mit dem man nicht gerechnet hatte, und man weiß eigentlich nichts damit anzufangen.

Nach eigenen Vorstellungen ist die Sache längst erledigt, man hat sich damit abgefunden und ein neues Leben begonnen, vielleicht auch mit einem neuen Partner, hat lange nichts gehört von ihm/ihr und dann plötzlich, völlig unerwartet, als habe es die Trennung nie gegeben, meldet sich der/die Ex.

Layby

Layby ist jemand, der eigentlich auf der Suche nach einem neuen Partner ist, jedoch das Alleinsein nicht erträgt. Also sucht er/sie eine Überbrückung, bis die/der Richtige gefunden ist.

Meist unsichere Zeitgenossen, die aus ihrem Bedürfnis nach Zweisamkeit ein Interesse vortäuschen, aber eigentlich keines haben, außer eben von der Angst getrieben zu werden, alleine zu sein.

Catch and Release

Das sind die professionellen ‚Flirter’, die das Spiel genießen, den Reiz und das Abenteuer, aber unfähig sind, eine echte Beziehung einzugehen.

Es bleibt an der Oberfläche, der Spaß und die Show ist wichtig. Sie laufen davon, wenn es um Verbindlichkeit und Vertrauen geht.

Breadcruming

Kommt von dem Märchen ‚Hänsel und Gretel’ und beschreibt jene, die sich aus dem Online-Flirting nicht herauswagen. Es kommt nicht einmal zu einer persönlichen Begegnung, keinem Telefonat oder sonst einer direkten Kontaktaufnahme.

Breadcrumers beschränken ihre Beziehungswelt auf elektronische Kontakte, sind oft charmant und sprachlich sehr geschickt, provozieren ein Interesse, das immer unerfüllt bleibt.

Tinder & Co

Mit einer neuen Sprache und neuen Begriffen wird versucht, die Bedingungen der modernen Dating-Welt zu erfassen. Tinder und all die anderen Dating-Apps haben die traditionelle Kontaktaufnahme verändert und in eine neue Dimension geführt.

Kritische Stimmen behaupten allerdings, es sei nicht leichter, sondern schwieriger geworden, Partner zu finden. Die ‚unbeschränkten’ Möglichkeiten führen zu einer Unsicherheit, ob nicht unter den tausenden Frauen und Männern, die man mit einer Fingerbewegung findet, die eine/der andere ist, der noch besser zu einem passt.

Jede begonnene Beziehung wird zur Warteposition bis sich das bessere, einzig richtige anbietet, auf das man schon immer gewartet hat. Und irgendwo dort draußen wartet sie/er, und man wird sie/ihn auch finden, wenn man nur weiter fleißig seinen Finger hin und her bewegt.

 

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