Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Wache Birne, helle Seele

In der Birne wach, in der Seele hell

Tagebuch-Auszug

Gestern mein erstes Fipronil-Ei gegessen. Die 10-er-Schachtel, kurz vor dem Bekanntwerden der Kontaminierung gekauft, lag ein paar Tage unangetastet im Kühlschrank. Die Lust aufs Frühstücksei siegte über die Sorge, mich damit zu vergiften… Konsistenz normal! Geschmack einwandfrei! Auch magentechnisch nicht die geringsten Probleme… Fühle mich weiterhin erstaunlich wach in der Birne, hell in der Seele… Doch wie lange noch?!? Wann beginnt das Gift mich zu verändern? Bemerke einstweilen nur ein unstillbares Verlangen, alles zuzuspitzen, was mir so durch den Kopf geht:

Komasaufen

Die Bundestagswahl steht kurz bevor, Nordkorea droht vollends durchzudrehen, in Sachen Tyrannis bei Putin und Erdogan alles wie gehabt. Man rastert die täglichen Nachrichten, sucht nach seelischem Widerhall, nach geistiger Aufhellung. Stattdessen ein Mahlstrom der Wohlstandsverdrossenheit und dialektischen Verdummung, grundiert von Eiern, Diesel und kultursensiblen Klos. Dazu ein Flüchtlingsdrama, das nach allen Seiten vor Schmerzen und schmerzvoller Ratlosigkeit schreit. Fast vergessen: ein staatsfinanzierter, überhitzter Aktienmarkt, der längst seine eigene Blase ist. Zuletzt die Mahnung, dass ein einziges Kind das Klima mehr schädigt als 20 BMWs. Wen wundert’s, dass sich die Jungen komplett auf sich selbst zurückziehen: Komasaufen ist definitiv keine Lösung, aber verstehbar!

Auf leisen Sohlen

Stell dir vor, es ist Bundestagswahl, und keiner merkt es – dann kommt die Bundestagswahl zu dir! Brechts Worte vom Krieg werden uns nach der Wahl politisch heimsuchen. Denn alle im Wahlkampf ausgesparten und verdrängten Sachlagen fallen uns umgehend auf die Füße, sobald die Stimmzettel im Kasten sind. Zu bedrängend ist der Riesenberg ungelöster, wohlig verwässerter oder perfide aufgebauschter Probleme. Auf leisen Sohlen schleichen Kanzlerin und Herausforderer um den lava-heißen Brei des Unausweichlichen, entlang der Devise, dass verloren hat, wer als erster aus dem Kartell des Schweigens ausschert. Möglicherweise ist es genau umgekehrt.

Kim Jong Un

Der kleine Dicke aus Nordkorea ist ein Fliegenfänger der übelsten Sorte. Menschenleben ohne Ende kleben an Kim und seinen beiden Vorfahren. Trotzdem erheben sich Stimmen, die nicht in ihm, sondern im amerikanischen Präsidenten das entscheidende Sicherheitsrisiko erblicken. Denn der nordkoreanische Herrscher sei, schreibt etwa Mathieu von Rohr am 12.8.2017 im SPIEGEL-Leitartikel, kein Verrückter, er folge einem Kalkül… Aha! Dann ist ja alles klar. Bis auf eines vielleicht: Deutschland wurde auch schon mal von einem „Herrscher“ regiert, der einem Kalkül folgte. Die mörderischen Folgen dieses Verrückten und der Begeisterung für ihn sind bis heute zu spüren.

Gehirnwäsche

Niemand glaube, dass die Umwelt-, Klima- und Vergiftungsängste durch aufklärende Worte leicht zurückzudrehen sind! Seit 50 Jahren prasseln entsprechende Warnungen, politische Anklagen, Manifeste und Weissagungen auf die immer dünnhäutigere Bevölkerung ein. In der Folge haben sich Reinheitswahn und Todesfurcht als bewährte geschwisterliche Triebfedern entsprechend tief in den Hirnen und Herzen eingenistet: obwohl der angekündigte Untergang partout nicht eintreffen will. Die Desorientierung geht unterdessen so weit, dass in Daimler-Benz-Niederlassungen Autofahrer auftauchen und erschüttert ihrer Angst Ausdruck verleihen, mit ihrem Dieselfahrzeug Menschen zu vergiften. Wer die Menschen emotional so gut im Griff hat, muss sich um die Virulenz seiner Botschaft nicht sorgen. Wer daran etwas ändern will, muss einen langen Atem haben.

Zaubersprüche

In der Uni-Bibliothek Leipzig sei zufällig eine Sammlung von 10.000 uralten Zaubersprüchen entdeckt worden, voll mit Beschwörungsformeln für Geister, Gesundheit und Kontrolle über andere. Es ist aber kein Zufall. In Zeiten schwindender Zuversicht wächst die Sehnsucht nach Mystik und Magie. Das öffnet den Weg zu Sphären, die sonst im Verborgenen ruhen – und es finden sich alsbald die dazu passenden Schriften. Sie werden entdeckt, weil sie nicht mehr zugedeckt sein müssen.

 

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