Feuilleton Großbritannien Islam

Bericht aus London

Photo: Neil Moralee, CC BY-NC-ND 2.0

»Loser Terrorist«

In Kensington, einem Stadtteil südlich des Hyde Parks in London, haben die meisten arabischen Länder ihre Konsulate und Botschaften. Viele der Mitarbeiter leben hier mit ihren Familien, in manchen Cafés sitzen ausschließlich Frauen mit Kopftüchern oder verhüllten Gesichtern.

In der Nähe meines Apartments hier in Kensington hat die US-Kette Whole Foods eine Niederlassung eröffnet, wo ich Äpfel aus Österreich und dunkles Brot bekomme. Vor dem Obststand erreicht mich die Botschaft über den Anschlag. Menschen starren auf ihre Mobiltelefone und eine Gruppe von Frauen und Männern – als Araber erkennbar – beginnt laut zu diskutieren.

Ich beobachte die Männer, vergesse meine Äpfel, als einer von ihnen auf mich zukommt und ruhig und höflich fragt:

„Wundern sie sich, warum wir uns so aufregen?“

Ich schüttelte den Kopf und wollte einfach nur weggehen. Das letzte, was mich jetzt interessierte, war ein Gespräch über den Anschlag.

Doch er ging mir nach und hörte nicht auf zu sprechen.

„Es hat nichts mit uns zu tun, wir sind genau so betroffen. Sie können nicht uns die Schuld geben.“

Ich antwortete ihm nicht, doch er hörte nicht auf zu sprechen.

„I would kill them myself, they are destroying my life!“

Spätestens jetzt wurde mit klar, dass ich ihm nicht auskomme. Ich blieb stehen, drehte mich um und sagte:

„Ich mache nicht Sie verantwortlich, ich kenne Sie nicht.“

„Aber Sie haben uns angestarrt mit einem Blick, der mehr sagte als alle Worte“, erwiderte er.

„Was wollen Sie?“, fragte ich ihn. „Das ist der dritte oder vierte Anschlag innerhalb eines Jahres, 40 sind tot, mehr als hundert verletzt, und Sie erklären mir wie alle anderen, es habe nichts mit ihnen zu tun! Das ist alles, was ich von muslimischer Seite höre.“

Ich bereute sofort jedes Wort. Doch er blieb ruhig.

„Sie werden sich wundern“, sagte er, „ich verstehe Sie sogar, ich würde genau so reagieren. Aber Sie müssen mir glauben, dass es eine kleine Minderheit unter uns Moslems ist, die so denkt und so agiert.“

Nun verlor ich die Kontrolle.

„Wenn Sie schon ‚unter uns Moslems’ sagen, dann sind Sie es, der daraus eine Gruppe macht. Dann sind Sie auch dafür verantwortlich, dass extremistische Elemente identifiziert, kritisiert und bekämpft werden, dann muss diese Gruppe einen Kontrollmechanismus entwickeln, der Kriminelle erkennt und ihre mörderischen Taten verhindert. Oder bedeutet UNS nur, dass alle zum selben Gott beten?“

„Mit UNS habe ich nicht gemeint, dass die Mehrheit den Extremismus unterstützt. Das können Sie nicht ernsthaft behaupten. Die meisten hier sind friedlich und gehen ihrer Arbeit nach, leben einfach so wie alle anderen.“

Er hatte etwas Verzweifeltes in seinem Gesicht, als wäre er selbst nicht ganz sicher, dass alles, was er sagte, auch das sei, was er meinte.

„Ich habe eigentlich keine Lust, mit Ihnen zu streiten“, antwortete ich ihm.

„Nur eines, letzte Woche wurde ein Bericht über muslimische Pflegeeltern in England veröffentlicht, die christliche Kinder aufnehmen. Es war eine Idee der örtlichen Behörden, um muslimische Familien besser zu integrieren. Der Bericht beschrieb ein Mädchen, das nach ein paar Wochen, die es bei den neuen Pflegeeltern verbracht hatte, von den Großeltern abgeholt wurde. Das Mädchen erklärte nun der Großmutter, dass Weihnachten und Ostern dumme und sinnlose Feste wären, dass westliche Frauen schlechte Mütter wären und ihre Männer betrügen. Sie würde auch die Kette mit dem Kreuz nicht mehr tragen, das sie von der vor kurzem verstorbenen Mutter bekommen hatte.

Das Projekt wurde im Auftrag eines Richters gestoppt und muslimische Familien dürfen keine Kinder aus christlichen Familien mehr aufnehmen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, die Ihrer Theorie über die Normalität widersprechen.“

Wir standen immer noch vor den Äpfeln. Er antwortete nicht, sah zu Boden und plötzlich tat er mir leid. Wahrscheinlich hatte er wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun und es beschäftigten ihn Alltagssorgen wie Arbeit, Kinder, Kredite und Übergewicht. Aber warum ist es meine Verantwortung zu trennen und zu unterscheiden, warum ist es so schwer, nicht zu Verallgemeinern und die Kritik auf die Verantwortlichen zu konzentrieren? Warum machen es einem die Muslime so verdammt schwer, sich nicht in Klischees zu verirren? Und warum tut er mir jetzt auch noch leid?

Der BBC Sprecher auf meinem Mobiltelefon, das ich während des Gespräches nicht abschaltete, nannte es jetzt einen ‚terroristischen Anschlag’. 22 Verletzte wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Der US Präsident nannte den Attentäter in einer ersten Reaktion ‚a loser terrorist’.

„Die Station ist zehn Minuten von hier entfernt“, sagte ich.

Er schaute weiter auf mein Mobiltelefon und sagte:

„Ich weiß. Was soll ich tun? Sagen Sie mir doch, was soll ich tun?“

„Ich weiß es auch nicht, ich bin kein Terrorismus-Fachmann und will Ihnen auch keine Ratschläge geben“, antwortete ich ihm.

20 Minuten später war ich wieder in meinem Apartment.

„Und? Wo sind die Äpfel und das Brot?“, fragte mich meine Frau.

 

1 Kommentar

  • Letztlich läuft es darauf hinaus, auch wenn ich persönlich ein netter friedlicher Kommunist bin, ich kann nicht argumentieren, dass meine Weltanschauung nichts mit den Verbrechen des Kommunismus zu tun hätte.

    Es gibt zwar keine Kollektivschuld, aber sehr wohl eine Kollektivverantwortung.
    Erst recht wenn die Anhänger dieser Weltanschauung nicht bereit sind, sich selbst-kritisch damit auseinanderzusetzen (konkret mit der Person Muhammed, den Inhalten von Quran und Ahadith, wie mit der glorifizierten eigenen Geschichte).

Kommentar verfassen