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Auf der Flucht (II)

Die Völkerwanderung

In den Ländern der Mena-Region von Marokko bis Iran leben derzeit rd. 370 Millionen Menschen. 2030 werden es um 110 Millionen mehr sein. Allein Ägypten wird in fünfzehn Jahren um 28 Millionen Einwohner wachsen, Algerien um 10 Millionen, der Jemen um 9. Schon heute findet nur eine Minderheit von rd. 40% einen Arbeitsplatz. Die meisten Stellen sind schlecht bezahlt. Der private Sektor ist chronisch unterentwickelt. Der Arbeitsmarkt wird von unproduktiven Jobs im öffentlichen Bereich und schlecht bezahlten Hilfsarbeiten im Dienstleistungssektor ohne soziale Absicherung dominiert. Israel nimmt eine Sonderstellung ein, das Land ist in jeder Hinsicht die große Ausnahme der Region.

Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlichte 2016 eine Studie mit dem Titel: „Krisenregion Mena. Wie demographische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet.

Pulverfass vor den Toren Europas

Im „Pulverfass vor den Toren Europas“, wie die Studienautoren die politisch instabile Mena-Region bezeichnen, wächst die Bevölkerung sehr viel schneller als die Wirtschaft: „die Erwerbsbevölkerung im Alter von 20 bis 64 Jahren [wird] im gesamten Mena-Raum zwischen 2015 und 2030 um 73 Millionen Personen wachsen – das bedeutet eine jährliche Zunahme von beinahe 5 Millionen Menschen. Alleine in Ägypten sind es 1,3 Millionen pro Jahr.“

Das ist nicht das einzige Problem. Im Gegensatz zu anderen Schwellen- und Entwicklungsländern führen selbst ein Sinken der Geburtsrate, gestiegene Einschulungsraten und formal höhere Bildungswerte nicht zu wirtschaftlichem Aufschwung. Anderswo schaffen solche gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse Arbeitsplätze und politische Stabilität. Im Mena-Raum ist das Gegenteil der Fall: Bildung führt nicht zu höherer Wertschöpfung, sondern zu Konflikten.

Dafür machen die Autoren drei Gründe fest: Erstens, die Bildungswerte sind zwar formal gestiegen, die Bildungsqualität entspricht aber nur selten den Anforderungen der Moderne. „Schulkinder erlangen zu wenig Mathematik-, Lese- oder Problemlösungskompetenzen. Naturwissenschaftliche Fächer und Fremdsprachen, die international wettbewerbsfähig machen würden, spielen eine untergeordnete Rolle. Berufliche Bildung hat außerhalb von Israel und Iran kaum eine Bedeutung.“ Das Fazit: „Trotz steigender Akademikerquoten fehlen Fachkräfte mit wirtschaftsrelevanten Qualifikationen.“

Zweitens ist das private Unternehmertum unterentwickelt. Es fehlt an erfolgreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen, wie sie weltweit der Motor von wirtschaftlichem Aufschwung sind. Der private Sektor wird von Kleinstunternehmen geprägt, die nur wenige Arbeitskräfte beschäftigen und nur einfache Waren und Dienstleistungen anbieten. Weltweit gibt es nur in Subsahara-Afrika weniger Neugründungen als im Mena-Raum. Die wenigen privaten Großunternehmen sind eng mit dem Staat verknüpft, in diesem Umfeld können sich Gründer kaum durchsetzen.

Drittens nehmen Frauen kaum am Arbeitsmarkt teil. Nicht einmal ein Drittel der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren steht in einem bezahlten Arbeitsverhältnis oder ist auf Jobsuche, Unternehmerinnen sind kaum zu finden. Auch hier ist Israel die Ausnahme. „Einzig in Israel erreichen Frauen etwa die gleiche Erwerbsbeteiligung wie Männer.“

Die Frage, ob, und wenn ja welche, kulturellen und religiösen Wurzeln die oben beschriebenen Phänomene haben, wird in der Studie nicht behandelt.

Youth Bulge

In politisch instabilen Ländern gilt Jugendüberschuss (‚Youth Bulge‘) als Hauptursache für Verteilungskonflikte. Einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet ist der deutsche Soziologe Gunnar Heinsohn, der unter anderem am Management Zentrum St. Gallen und am NATO Defense College in Rom lehrt. Heinsohn macht das Konfliktpotenzial an einem „Kriegsindex“ deutlich, der die Relation misst zwischen den 15- bis 19-jährigen Männern, die gerade ins Wirtschaftsleben eintreten, und den 55- bis 59-jährigen, die sich dem Ruhestand nähern. Kann eine große Zahl an nachdrängenden jungen Männern keinen Platz in der Gesellschaft finden, mündet das zwangsläufig in Krieg oder Flucht. Wenn in einem Land 1000 Ältere in Rente gehen, und 5000 oder mehr um deren Plätze kämpfen, ist das für vier Fünftel aussichtslos: 80% der jungen Männer finden keinen Platz in der Gesellschaft. Heinsohn weist diesen Zusammenhang bis zurück ins Europa des 16. Jahrhunderts nach, als Europa immer genug Personal für Kriege, Eroberungen und die Besiedlung anderer Kontinente hatte.

Heute liegt der deutsche Kriegsindex bei 0,66: auf 1.000 Männer im Alter von 55 bis 59 Jahren kommen nur noch 660 zwischen 15 und 19. Der Kriegsindex im Gaza-Streifen ist zehnmal so hoch, jener von Afghanistan beträgt 6,4. „In den Ländern Subsahara-Afrikas liegt er zwischen drei und sieben. In Uganda liegt der „Kriegsindex“ bei sieben, in Mali, Afghanistan und Ruanda über sechs, in Palästina, Jemen und Somalia bei fast sechs.“, war hierzu in der FAZ zu lesen.

Heinsohn hält kriegerische Auseinandersetzungen ab einem Kriegsindex von drei für wahrscheinlich, ab fünf für fast unausweichlich. Dies gilt umso mehr, als der Überschuss an jungen Männern gerade in den politisch instabilsten Ländern des Mena-Raums und in Subsahara-Afrika nicht annähernd durch Wirtschaftswachstum abgefedert werden kann. Die Folgen sind Bürgerkriege bis hin zu Völkermorden, Eroberungskriege, Vertreibung, Flucht und Migration.

Der Migrationsdruck steigt

Dass sich die Kluft zwischen armen und reichen Ländern in einem Ausmaß schließen würde, das Migration weniger attraktiv macht, ist nicht absehbar. Zwar steigt der globale Wohlstand, aber nicht im gleichen Tempo. Gegenwärtig erbringen 2,8 Milliarden Menschen aus Ostasien, Europa, Nord- und Südamerika und Israel rd. 75% der globalen Wirtschaftsleistung. Die übrigen 4,5 Milliarden fallen im Vergleich zurück.

Die Bevölkerung Afrikas wird sich in den nächsten 35 Jahren auf 2,4 Milliarden verdoppeln. Schon 2040 wird die Hälfte der Menschheit im Alter unter 25 Jahren afrikanisch sein. 2050 wird jedes zweite Neugeborene in Afrika zur Welt kommen.

In einer großen Gallup-Befragung, die von 2007 bis 2009 in 135 Ländern durchgeführt wurde, gaben 38% der Einwohner Subsahara-Afrikas an, dass sie in andere Länder emigrieren würden, wenn sich die Möglichkeit dazu ergäbe. Das entsprach damals rund 165 Millionen Menschen. „In Nordafrika und im Nahen Osten waren es 23 Prozent Auswanderungswillige. Laut einer Umfrage des Doha-Instituts von 2015 liegt der Anteil in Arabien immer noch bei etwa einem Viertel. In den islamischen Länder Asiens, von Afghanistan über Pakistan und Bangladesch bis Indonesien, möchte laut Gallup-Umfrage mindestens ein Zehntel gerne emigrieren.“, zitiert die FAZ aus den Umfragen.

Schon 2013 schätzte die UNO die Zahl der Menschen, die in einem Land leben, in dem sie nicht geboren wurden auf weltweit 232 Millionen. Mehr als 60 Millionen sind gegenwärtig auf der Flucht vor Armut, Hunger, Krieg, Gewalt und politischer Verfolgung. Bis zum Jahr 2050 werden aus den Herkunftsländern der heutigen Immigranten 600 bis 950 Millionen Menschen ihre Zukunft in Europa suchen, wenn sie eine Chance dafür sehen.

Niemand kann ernsthaft glauben, dass Europa in der Lage wäre, all diesen Menschen eine Perspektive zu bieten. Die unbegrenzte Aufnahme von Migranten löst kein Problem, ließe aber die Sozialmodelle der europäischen Staaten binnen einer Generation zusammenbrechen.

Doch welche Möglichkeiten hat Europa überhaupt, auf die Herausforderung zu reagieren?

> Teil 1: Migration und Integration
> Teil 3: Hoffnung Europa

Zuerst erschienen auf mena-watch

 

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