Feuilleton USA

Apu muss raus

Photo: pngimg.com, CC BY-NC 4.0

In der politisch korrekten Version der Simpsons hat der Inder keinen Platz

Der Hindu Apu Nahasapeemapetilon, der mit einem Doktor-Titel in Computer Science der Universität Kalkutta in die USA emigrierte und in Springfield einen Gemischtwaren-Laden für alles und nichts eröffnete, in dem Homer gern einkaufen geht, soll aus der erfolgreichen TV-Show The Simpsons herausgeschrieben werden.

Ein bisher wenig bekannter, so genannter Komödiant namens Hari Kondabolu, dessen Scherze bisher kaum ein Publikum interessierten, schaffte es mit Hilfe tausender Unterstützer, die Produzenten der Simpsons zu zwingen, die beliebte Figur aus der berühmtesten und erfolgreichsten Comic-Serie aller Zeiten zu entfernen. Kondabolu produzierte eine Dokumentation über Apu, in der er behauptet, dass es Rassismus sei, wenn ein weißer Autor sich einen Inder für eine Show ausdenke, ein weißer Schauspieler ihm seine Stimme leihe und sich mit dem Akzent über die Einwanderer aus Süd-Asien lustig machen würde.

Der weiße Autor ist übrigens der erfolgreiche Komödiant Matt Groening, und der weiße Schauspieler hinter Apu heißt Hank Azaria, der für das Sprechen verschiedensten Figuren in den Simpsons wie Polizeichef Wiggum und Bartender Moe bereits vier Emmy Awards bekommen hat. Beide sind – rein zufällig – jüdisch, und Azaria gilt als einer der begabtesten Stimmenimitatoren in den USA.

Der Anti-Homer

Apu ist der erfolgreiche Gegensatz zu Homer, dem Scheusal in der Serie, und ohne ihn wird der Endlos-Comic wohl kaum funktionieren. Immer höflich und freundlich, immer positiv und optimistisch, freut er sich über jeden Kunden und wünscht ihnen beim Hinausgehen: »Thank you come again!« Als seine Ehefrau Manjula ihn einmal fragte, ob er sie immer noch attraktiv fände, antwortete er: »Natürlich, mein Liebling. Du bist wunderschön, glänzt wie Seide und bist pflegeleicht!« – bevor er ihr gestehen musste, dass er die Worte von einem Hair-Conditioner abgelesen hatte.

Er ist wie viele indische Einwanderer in den USA ein begeisterter Patriot und änderte nach der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft die Namen seiner acht Kinder, die er übrigens nur bekam, weil seine Frau irrtümlich die »Befruchtungs-Pillen« überdosierte. Vom Zeitpunkt der Passübergabe an nannte er sie Lincoln, Freedom, Condoleezza, Coke, Pepsi, Manifest Destiny, Apple Pie und Superman.

Doch der entscheidende Unterschied zu Homer, der sein Lebensmotto einst so definierte: »Wenn du es nicht erreichen kannst, brauchst du es nicht« – ist Apus Fleiß und Arbeitseifer. Er ist das Symbol der Emigranten aus Asien, die zu der erfolgreichsten Gruppe der Einwanderer in den USA zählen. Probleme in seiner Ehe sind höchstens Folgen seines Eifers und seiner Arbeitswut, mit der er beweisen will, dass er nicht nur seine Familie kleiden und ernähren, sondern auch seinen acht Kindern eine Zukunft garantieren kann. Als er endlich den amerikanischen Pass bekam, jubelte er: »Jetzt bin ich offiziell Amerikaner, also wo geht‘s hier zum Büro für die Sozialhilfe?« – dann lachte er und sagte: »War nur ein Scherz, ich werde arbeiten und arbeiten!«

Lächerliche Vorwürfe

Die Simpsons gibt es seit 30 Jahren. Selten gab es Proteste der Süd-Asien Community in den USA oder sonst wo in der Welt über die Figur Apu oder dessen Frau. Kaum ein Inder oder eine Inderin haben sich je aufgeregt, kein indischer Politiker und keine Interessensvertretung der Inder in den USA. Im Gegenteil. Seit Bekanntwerden der Streichung des Charakters Apu meldeten sich tausende Inder, die begeistert der Figur folgen, und viele von ihnen schrieben persönliche Briefe an die Produzenten mit der Bitte, Apu in der Serie zu behalten. Fast rührend die auf YouTube veröffentlichten Videos, wo junge Männer ihre Väter zeigen, die vor vielen Jahren in die USA kommen waren und auch heute noch so sprechen würden wie Apu.

Die Lächerlichkeit der Vorwürfe zeigt sich auch an den anderen Figuren der Comic-Serie, die extrem negativ und zynisch dargestellt werden. Wenn jemand wegen Rassismus einschreiten sollte, warum nicht weiße Männer, die mit der Figur Homer als fette, faule, schlampige und unsensible menschliche Wesen porträtiert werden. Warum protestieren Frauen nicht, die mit Homers ewig leidender, blauhaariger Ehefrau Marge, die mehr durch die Nase spricht, als dass sie ihren Mund öffnet, lächerlich gemacht werden. Der grinsende Nachbar Ned, der dem happy- skandinavischen Christen entspricht, der es in der amerikanischen Gesellschaft geschafft hat und vor lauter Optimismus und Selbstzufriedenheit fast zerplatzt. Oder Krusty, der Clown, der typisch jüdische Klischees repräsentiert. Weder die einen noch die anderen haben sich bisher aufgeregt.

Ganz zu schweigen vom Bösewicht der Serie, dem Unternehmer Burns, der ein Atomkraftwerk wie eine Holzfabrik führt, mit einem Sicherheitssystem, das tagtäglich eine nukleare Katastrophe zu Folge haben könnte, und noch immer hat sich die angeblich so mächtige Atom-Lobby nicht beklagt und eine Absetzung der Serie gefordert.

Alle Figuren sprechen mit einer künstlichen Sprache, die man im realen Leben wahrscheinlich nie so hören würde, die aber durchaus charakteristisch für die einzelnen Figuren ist. Der Akzent ist einer der Grundlagen des Erfolgs der Serie. Viele der Sprecher wurden für ihre Arbeit ausgezeichnet und bekamen Awards, darunter vierzehn Emmys.

Der Schauspieler Azaria, der sich weigerte den Kritiker Kondabolu zu treffen, erklärte, dass er viele Schauspieler studiert hatte, bevor er die Sprache von Apu entwickelte. Unter ihnen Peter Sellers in den Filmen Die Millionärin und Der Partyschreck. Selbst Klassiker wie Inspector Clouseau könnten nicht produziert werden, würde man Peter Sellers den absurden französischen Akzent verbieten mit dem Argument, es sei eine Beleidigung der französischen Polizei.

Peinliche Angst

In seiner Dokumentation über Apu behauptete der Kritiker Kondabolu, dass Kinder aus asiatischen Familien auf Spielplätzen verhöhnt und ausgelacht wurden aufgrund des Apu-Charakters. Er konnte zwar keine Beispiele zeigen, aber allein die Unterstützung, die er über Social Media bekam, genügte, dass die Produzenten nachgaben.

Könnte ein Film wie Borat heute noch produziert werden, in dem sich ein britischer Schauspieler mit deutsch-jüdischen Wurzeln, Sascha Baron Cohen, über einen TV-Mitarbeiter aus Kasachstan lustig macht? Wahrscheinlich nicht.

Die Simpsons werden in der ganzen Welt gezeigt. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen über verschiedene Episoden, wenn manche die Meinung vertraten, es sei die Grenze des Humors überschritten worden. Doch noch nie haben sich ein Land, eine Regierung, eine Gemeinschaft, ein Volk, eine Berufsvertretung, eine Religionsgemeinschaft oder sonstige Gruppen darüber aufgeregt, dass die Serie rassistisch oder beleidigend sei, oder die Mitglieder einer Gruppe pauschal falsch und unsensibel dargestellt würden.

Peinlich auch das Verhalten der Produzenten, die mit der Serie hunderte Millionen verdienten, die eine ganze Generation von Autoren, Sprechern und Regisseuren reich gemacht hat, und jetzt klein beigeben aus Angst vor möglichen Folgen, die wie immer bei der Diskussion um Political Correctness unausgesprochen und warnend ein System bedrohen, ohne mit einer konkreten Konsequenz zu drohen.

Die Auf-Schrei Gesellschaft

Das System der Einschränkung der künstlerischen und intellektuellen Freiheiten funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip. Nicht-Betroffene organisieren Unterstützung von anderen Nicht-Betroffenen unter dem Vorwand, Betroffene beschützen zu müssen, und erzeugen ein System des »vorauseilenden Gehorsams«, das ein Verhalten durch Druck beeinflusst und letztendlich den nicht-betroffenen Kritiker auf Kosten der Betroffenen, die sich allerdings nicht betroffen fühlen, bekannt, berühmt und reich macht.

Der kaum komische Komiker Kondabolu, den außer seinen Nachbarn und vielleicht seinem Zimmervermieter bisher kaum jemand kannte, ist plötzlich ausgebucht und plant eine Welt-Tournee – mit den meisten Vorstellungen in Deutschland, wo seine rettenden Aktionen gegenüber der Figur Apu wahrscheinlich als anti-rassistische und anti-faschistische Heldentat gefeiert werden.

Es geht in der modernen hysterischen Auf-Schrei-Gesellschaft nicht um den Beleidigten, Verletzten, der sich beschwert und bei seinen Protesten unterstützt wird. Das Kontrollsystem der Korrektheit funktioniert durch die Möglichkeit, dass jemanden verletzt werden könnte – das genügt bereits. Verletzend, rassistisch oder diskriminierend sind dann jene Personen, denen es egal ist, ob jemals jemand verletzt sein könnte. Die Möglichkeit dominiert die Realität, auf die nicht gewartet werden muss, die Theorie kontrolliert die Praxis, die völlig bedeutungslos wird. Ob es überhaupt jemals zu einer Verletzung oder Beleidigung kommt, oder ob sich jemals jemand als misshandeltes Opfer fühlt – alles egal. Es zählt, was sein könnte und nicht was ist.

Das Ursprungsland der modernen Komik und des Humors – von Billy Wilder bis Woody Allen – hat sich damit erfolgreich zum Ursprungsland der modernen Langweile verändert.

 

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