Feuilleton

Alte, wehrt euch!

Aus dem Corona Tagebuch (4)

Heute Vormittag am Supermarkt hing ein kleines Plakat, nicht offiziell von der Geschäftsführung, es sah eher aus, als hätte es jemand auf seinem Computer geschrieben und dann ausgedruckt.

Sind Sie über siebzig, bleiben Sie zu Hause und gehen Sie nicht einkaufen!

Stand in dicken, fetten Buchstaben und darunter die Telefonnummer eines Studenten, der besonders preisgünstig das Einkaufen für die Alten anbot.

Da stand ich nun vor der Eingangstür, die immer wieder auf und zu ging, da ich weder hinein noch hinausgehen wollte, und dachte mir, was für ein verdammtes A..loch, mir einzureden, dass ich nicht einmal mehr in ein Geschäft gehen sollte. Das Angebot richtete sich nicht an Kranke oder Behinderte, die reine Jahreszahl genügte bereits. Meine Beine funktionieren noch, die Arme kräftig genug, um eine Einkaufstasche zu tragen, weder Fieber noch Husten quälen mich, also was oder wer soll mich in das Privatgefängnis meiner Wohnung zwingen?

Dann erinnerte ich mich an die Aussagen mancher Politiker und Fachleute, dass die ganze Isolation eigentlich nur angeordnet wurde, um die Todeszahlen der Alten zu reduzieren. Manche gingen soweit zu warnen, dass ein Ausgehen und Ignorieren der Anordnungen, den Alten und Kranken den Tod bringen würde, was wiederum Reaktionen von besonders Mutigen provozierte, die in Social Media verbreiteten: Sollen sie doch sterben, die Alten, brauchen wir ihnen weniger Pension und Krankenbetreuung zahlen, dann bleibt für uns mehr übrig, und wir können die Isolations-Bestimmungen früher aufheben.

Die Corona-Krise hat uns Ältere – ohne etwas dafür oder dagegen getan zu haben – in den Mittelpunkt der Diskussion gedrängt. Man spricht über uns, verbreitet Theorien und Ansichten, diskutiert unser Leben, unser Ende und unseren Alltag – ohne uns auch nur einmal um unsere Meinung zu fragen.

Ich kann hier nicht für alle Älteren sprechen. Sie sind so unterschiedlich untereinander wie Menschen in allen Altersgruppen. Doch eines verbindet uns. Wir hatten auch ein Leben vor Corona, und zwar ein wesentlich interessanteres als die meisten Jungen. Es geht nicht nur um die Jahre, die uns noch bleiben, die Erinnerungen und Erlebnisse sind mindestens so wichtig, und die kann uns kein Virus wegnehmen. Das haben wir den Jungen voraus. Und wenn man uns schon den Respekt und die Achtung verweigert, dann sollten wir den Jungen das verweigern, was sie von uns brauchen: Unser Geld, für das wir ein Leben lang geschuftet haben!

Hier ein paar Ratschläge für die Alten in Zeiten der Corona-Krise:

  • Geht Einkaufen so oft ihr wollt und so lange ihr noch gehen könnt.
  • Kauft immer das Beste, ignoriert die Sonderangebote, die sind meistens auch die schlechtere Qualität.
  • Verprasst eure Ersparnisse.
  • Überzieht eure Konten, was kann man uns noch wegnehmen, im schlimmsten Fall werden die Schulden vom übrig gebliebenen Erbe abgezogen.
  • Bestellt euch endlich im Internet den Kaviar, den ihr sonst nur in Filmen seht, wie ihn die Reichen essen.
  • Auch Hummer, Lobster und Pasteten gibt‘s geliefert im Internet, dazu eine Flasche des besten Champagners. 
  • Dann noch eine Kiste der besten Rot- und Weißweine, ›Vigneto Bordini‹ zum Beispiel ist mit 60 Euro pro Flasche gerade gut genug fürs Abendessen.
  • Kauft euch das Kaschmir-Sakko, das ihr schon immer haben wolltet, und das Ihr in der Auslage in der Stadt so oft gesehen und nie gekauft hattet.
  • Lasst euch die Schuhe endlich beim Nobelschuster anfertigen, alle anderen drücken und passen nie.
  • Das Kleid, in diesem Geschäft in der Innenstadt, an dem ihr immer nur vorbeigeht und die Kundinnen bewundert, die mit großen Papiertaschen herauskommen; all das kann man auch im Internet bestellen.
  • Bestellt euch die teuersten Matratzen und die beste Bettwäsche, bequem Schlafen ist ein einmaliges Vergnügen.
  • Schreibt euren Kindern, dass ihr bankrott seid, und sie euch jetzt monatlich einen bestimmten Betrag überweisen sollen.
  • Bucht Luxusreisen, die kann man jetzt bestellen mit einem flexiblen Termin, d.h. erst dann antreten, wenn es wieder möglich ist.

Abschließend könnte man alle Ratschläge so zusammenfassen: kauft immer das Beste und Teuerste, so oft ihr wollt, und wann immer es irgendwo eine Auswahl gibt, wählt nach dem Preis – aber von oben nach unten. 

Zeigt den Jungen, dass ihr auch anders leben könnt als immer nur für sie da zu sein, immer ihnen auszuhelfen, wenn sie Geld brauchen, einzuspringen, wenn die Enkelkinder krank sind, und ihnen Jobs zu verschaffen mit euren Beziehungen. 

Wenn wir Alten tatsächlich so eine Belastung sind, können wir gerne die Jungen entlasten und uns zurückziehen, und unsere verbleibenden Jahre rücksichtslos und voller Vergnügen genießen.

 

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