Wer Europa verteidigt

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Europa wird derzeit an zwei Fronten verteidigt, ohne selbst einen einzigen Soldaten in den Kampf zu schicken: in Israel und der Ukraine.

Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 war die Übersetzung des Slogans „From the river to the sea“ in die Wirklichkeit. Israel weiß das und führt seither einen Krieg gegen die Hamas in Gaza und deren Verbündete, der weltweit für Empörung sorgt und von antisemitischen Exzessen begleitet wird.

Ressentiments gegenüber Israel sind alles andere als neu. Und doch erstaunt das Ausmaß der in Europa vorherrschenden Ignoranz gegenüber den weitreichenden Folgen einer Niederlage Israels: Man blickt auf den Konflikt, als ginge uns dessen Ausgang nichts an.

Die Folgen für Europa

Derzeit bindet Israel die militärische islamistische Achse, deren Ideologie und Netzwerke längst in Europa operieren. Fällt Israel, könnte als nächstes Europa ins Visier geraten. Der politische Islam bekäme Auftrieb, eine massive Islamisierungswelle in Europa wäre die Folge. Dabei sind Terroranschläge nur ein Teil der Strategie. „Islamisierung“ beschreibt vielmehr die Hegemonie in immer mehr Teilräumen wie Schulen, Wohlfahrtsorganisationen und der Kommunalpolitik. 

Fällt Israel, gerät als nächstes Europa ins Visier. 

Die bereits laufenden Konflikte würden weiter verschärft: um Normen in Schulen, um das Gewaltmonopol in einzelnen Vierteln, um die Sicherheit jüdischer und säkularer Institutionen. Schon heute brauchen jüdische Institutionen und „Islam-Kritiker“ rund um die Uhr Polizeischutz. Die dschihadistischen Netzwerke würden die Migration über die bisherigen Balkan- und Mittelmeerrouten weiter anheizen. In immer mehr Städten würden sich islamistische Organisationen mobilisieren.

Der islamistische Herrschaftsanspruch

Allzu oft ignorieren Medien und Politik, dass beide treibenden Kräfte vom 7. Oktober – der schiitische Iran und die sunnitische Muslimbruderschaft – einen globalen Herrschaftsanspruch stellen. Ajatollah Chomeini, politischer und religiöser Führer der Islamischen Revolution von 1979 und danach bis zu seinem Tod iranisches Staatsoberhaupt, forderte den Export der Revolution und erklärte eine weltweite islamische Ordnung als Ziel der Bewegung. Die Auslöschung Israels ist seit den ersten Tagen die offizielle Linie der Islamischen Republik. Auch bei der Muslimbruderschaft gehört der weltweite Kalifatsanspruch zum Gründungsprogramm. 

Der politische Islam – verstanden nicht als private Religiosität, sondern als Netzwerk aus Staaten, Milizen und legalistischen Organisationen – hat die Ersetzung der säkularen durch eine schariabasierte Ordnung zum Ziel. Yusuf al-Qaradawi, zu Lebzeiten der einflussreichste religiöse Bezugspunkt der Muslimbruderschaft, sagte 1995 und erneut 2007, der Islam werde Europa und Amerika nicht durch das Schwert erobern, sondern durch Missionierung (Daʿwa) und Ideologie. Den Rest erledigt dann die Demografie, möchte man ergänzen. 

Im arabisch-israelischen Konflikt geht es nicht um Land für einen palästinensischen Staat. Im palästinensischen „Befreiungskampf“ ging es von Anfang an nur um die Existenz Israels als jüdischen Staat.

Die Front an der Ukraine

Hier schließt sich die Klammer zur zweiten Front, der Ukraine – geopolitisch manifestiert in der Achse Moskau-Teheran. Auch in der Ukraine geht es nicht um die Krim oder den Donbas. Es geht darum, ob an der Grenze Russlands ein von Moskau unabhängiger Staat existieren darf. Der Angreifer bestreitet das Recht seines Nachbarn auf eine eigene staatliche Ordnung.

Putin hat 2021 das historische Recht einer eigenen ukrainischen Nation bestritten, die heutigen Grenzen als sowjetisches Konstrukt auf „russischer“ Erde dargestellt und die Ukraine ein „Anti-Russland“ genannt. Im Juni 2025 sagte er auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, es gelte die alte Regel: Wo der Fuß eines russischen Soldaten stehe, sei das unseres.

Putin macht, womit er durchkommt.

Das Institute for the Study of War in Washington benennt drei strategische Ziele des Kremls: die Ukraine und Belarus wieder unter Moskauer Kontrolle zu bringen, den postsowjetischen Raum einschließlich Baltikum und Moldau dominant zu beeinflussen und eine Weltordnung zu erzwingen, in der NATO und EU nicht als geschlossene Blöcke handeln und ihre wirtschaftliche und militärische Überlegenheit ausspielen können. 

Eine solche Weltordnung wäre das Ende des Westens, wie wir ihn kennen. 

Putins Logik

So wie es in Israel nicht nur um die Sicherheit des jüdischen Staates geht, geht es in der Ukraine nicht nur um die Frage, ob das Land sein Recht auf Eigenstaatlichkeit durchsetzen kann. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Russland sich mit einem Erfolg in der Ukraine zufriedengeben würde. Putin folgt einer einfachen Logik: Er macht, womit er durchkommt. 

Grosny wurde 1999/2000 im zweiten Tschetschenienkrieg zerstört, als Putin die Präsidentschaft übernahm. Der Westen sanktionierte nicht. Der Einfall russischer Truppen in Georgien 2008 und die Besetzung von Abchasien und Südossetien blieben ebenso ohne nennenswerte Folgen wie die russischen Interventionen in Syrien und Afrika. Mit gutem Grund konnte er die Annexion der Krim 2014 als begrenztes Risiko betrachten. Ob Überfälle auf andere Staaten, Cyberangriffe auf europäische Länder oder die Ermordung von Regimegegnern in Europa: Putin kam damit durch. 

Moskau hat gelernt, dass begrenzte Gewalt territoriale und politische Gewinne bringen kann. Ein erzwungener Frieden, der die Ukraine entmilitarisiert und aus NATO und EU heraushält, würde diese Lehre aufs Neue bestätigen. Warum sollten er oder seine Nachfolger von einer erfolgreichen Politik Abstand nehmen?

Europa ist gespalten

Mit Israel und der Ukraine werden die äußeren Ränder des europäischen Sicherheitsraums von autoritären Staaten und Milizen angegriffen. Die meisten europäischen Regierungen haben erkannt, dass Russlands Angriff auf die Ukraine ihre eigene Sicherheit bedroht. Gleichzeitig wird die Bedrohung durch die islamistische Achse ignoriert oder heruntergespielt. 

Nicht nur im vorpolitischen Raum tobt die Auseinandersetzung quer durch die politischen Lager. Die linke Palästina-Solidarität betreibt das propagandistische Geschäft der Hamas. Rechte Parteien entdecken ihre Freundschaft zu Israel, möchten aber die Ukraine im Tausch für Gas und Öl vor den Bus werfen. Und dazwischen tummeln sich eine Menge Leute, die in beiden Konflikten verlässlich auf der falschen Seite der Geschichte stehen. 

Das Hufeisen-Theorem besagt, dass die linken und rechten Ränder des politischen Spektrums nahe beieinanderliegen. Wie bei einem Hufeisen seien beide von der Mitte gleich weit entfernt. Dieses Hufeisen ist längst zum Kreis geworden. 

 Zuerst erschienen in DER PRAGMATICUS.


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Über den Autor / die Autorin

Thomas M. Eppinger

Thomas Eppinger ist davon überzeugt, dass alle Menschen mit unveräußerlichen Rechten geboren sind, zu denen das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören. Daraus ergab sich alles andere, auch diese Website.
Der Publizist ist 1961 in Vöcklabruck geboren, lebt heute in Graz und arbeitet in Wien als Lead Editor bei »Der Pragmaticus«. Davor leitete er den unabhängigen Nahost-Thinktank Mena-Watch.