VERTEIDIGUNG UND SICHERHEIT

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Die Verantwortung israelischer Politik

Letzte Woche kam es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe israelischer Soldaten und Mitgliedern des Hamas tief im Inneren von Gaza, wobei ein israelischer Offizier und sechs Palästinenser getötet wurden, unter ihnen ein führendes Mitglied des Hamas.

Eine Armee in der Armee

Die verantwortliche Einheit der israelischen Armee wurde von offizieller Seite nicht näher beschrieben und von dem getöteten Offizier gab man nur die Initialen bekannt. Doch Kenner der Struktur der israelischen Armee wussten, dass es nur eine Gruppe der Spezialeinheit Sajeret Matkal gewesen sein konnte, die diesen Auftrag übernommen hatte. In Israel einfach nur haJechida (Die Einheit) genannt, verbirgt sich dahinter eine der wohl am besten trainierten, ausgerüsteten und organisierten militärischen Einheiten der Welt, die sich auf Terroristenbekämpfung und nachrichtendienstliche Aufklärung konzentriert. Bei dieser Einheit gilt oberste Geheimhaltung, keine ihrer Mitglieder sind bekannt und in vielen Fällen werden weder Fotos noch Namen der getöteten Soldaten und Offiziere bekannt gegeben.

Begonnen hat alles mit einer kleinen Gruppe von Soldaten, die 1953 versuchten, die Batterien von Abhöreinrichtungen in Syrien auszutauschen und von den Syriern dabei ertappt wurden. Die Gefangenen wurden gefoltert, und einer von ihnen beging Selbstmord, weil er die Grausamkeiten nicht mehr ertragen konnte. Danach beschloss die Armeeführung Israels eine Spezialtruppe einzurichten, die unabhängig von der Armee situativ eingesetzt werden kann.

Die Einheit ist selbst in der flexiblen und modernen israelischen Armee einzigartig. Sie ist weder eingegliedert in eine militärische Ordnung, noch in eine Befehlsstruktur der militärischen Hierarchie, hat ihre eigenen unterstützenden Gruppen wie Nachrichtensysteme, eine eigene medizinische Versorgung, Scharfschützen, Pioniereinheiten und Ex- und Infiltrationsexperten. Sajeret Matkal operiert wie eine eigene Armee innerhalb der Armee und kann für die verschiedensten Zwecke je nach Notwendigkeit eingesetzt werden. Ihre Mitglieder sind autorisiert, ihre Kleidung selbst zu bestimmen. Wenn sie Uniform tragen, verzichten sie meistens auf Rangabzeichen, und in vielen Fällen arbeiten sie in Zivilkleidung. Die Einheit hat ihre eigenen Beschaffungswege, kann selbst entscheiden, welche Waffen, Materialen oder Geräte sie benötigt und sie auf dem freien Markt kaufen. Im TV-Serienhit Faudaauf Netflix ist diese Sondereinheit die Grundlage für das Drehbuch.

Bis zur »Operation Thunderbolt« in Entebbe 1976 wusste auch die israelische Bevölkerung nichts von der Existenz der Einheit, und man konnte sich für die Aufnahme nicht bewerben. Die Besten der anderen militärischen Einheiten wurden von ihren Offizieren empfohlen und ausführlich getestet, ob sie der schwierigen Vorbereitung auch gewachsen waren. Seit den 80-iger Jahren können sich Israelis für die Einheit bewerben. Zweimal pro Jahr gibt es ein kompliziertes Auswahlverfahren, das mehrere Tage dauert, und jeder Einzelne wird von einem Team aus Ärzten, Psychologen und Offizieren sowohl körperlich als auch geistig unter Stress gesetzt, um die Eignung für die Ausbildung zu prüfen. Das äußerst anstrengende Training dauert etwa zwei Jahre auf allen möglichen Ebenen, die weit über den üblichen Drill von Soldaten hinausgeht. Eine der Voraussetzungen ist die Fähigkeit, völlig akzentfrei arabisch zu sprechen. Aus diesem Grund sind viele Mitglieder der Einheit Juden aus den arabischen Ländern, sogenannte Mizrachim oder Drusen. Sie verbringen oft Wochen und Monate »under cover« in arabischen Ländern und bereiten Geheimaktionen ihrer Einheit vor.

Als Spezialeinheit steht sie allen anderen Einheiten der israelischen Armee zur Verfügung, und ihre Fachleute werden zur Vorbereitung von militärischen Aktionen oder Verteidigungsmaßnahmen hinzugezogen. Auch bei der Entwicklung neuer Waffen, Abhörsystemen und Kampftechniken bildet die Gruppe eine experimentelle Plattform, die als Spezialeinheit neue Methoden und Geräte testet, bevor diese von der Armee übernommen werden.

Zu den bekanntesten Einsätzen gehört die Geiselbefreiung in Entebbe 1976, als 106 Passagiere befreit wurden, die mit einer Air France Maschine von der PLO entführt worden waren. Bei der Aktion wurde der verantwortliche Kommandant, Yonatan Netanyahu, der ältere Bruder des jetzigen israelischen Ministerpräsidenten, getötet. Wie bei der Aktion der letzten Tage passiert es nicht selten, dass Offiziere bei den Einsätzen dieser Gruppe ihr Leben verlieren, da es zum Grundsatz der Einheit gehört, dass die Offiziere immer an vorderster Front kämpfen. Der Einsatz in Entebbe hieß zuerst »Operation Donnerschlag«, nach dem Tod des leitenden Kommandanten nannte man sie »Operation Yonatan«.

Etliche Einsätze dieser Spezialtruppe gehören zu den eindrucksvollsten militärischen Aktivitäten der Militärgeschichte, wie zum Beispiel die Sprengung von Kraftwerken und einer Brücke über den Nil 1968 in Ägypten und die Zerstörung von 14 Flugzeugen in Beirut. 1969 montierte die Einheit eine ganze Radarstation in Ägypten ab und brachte sie nach Israel. Die Geiselbefreiung des entführten Sabena-Flugs im Jahr 1972. Die Tötung des Leiters der Terrorgruppe »Schwarzer September« 1973 in Beirut. Weitere Geiselbefreiungen aus überfallenen Bussen 1978 und 1984, einem Kibbuz 1980 und die Tötung Dutzender Verantwortlicher von Attentaten und Terrorangriffen. Niemand ist vor dieser Einheit sicher, egal wo in der Welt er/sie sich versteckt.

Vom Militär in die Politik

Wer die Denk- und Arbeitsweise der verschiedenen Regierungen Israels der letzten Jahrzehnte verstehen möchte, egal ob sie aus dem rechten oder linken Lager kommen, sollte sich die Karrieren der einzelnen Politiker genauer ansehen.

Der ehemalige Premierminister Ehud Barak war vor seinem Aufstieg zum israelischen Generalstabschef Kommandeur der Sajeret Matkal, der jetzige Premierminister Benjamin Netanyahu war Hauptmann und hat zahlreiche Aktionen selbst geplant und geleitet. Scha’ul Mofas, stellvertretender Kommandant der Einheit, war später Generalstabschef, Verkehrsminister und Verteidigungsminister. Mosche Jaalon, einst ebenfalls stellvertretender Kommandant, brachte es bis zum Verteidigungsminister, und der frühere Soldat Avi Dichter zum Minister für innere Sicherheit. Siegfried Pluschke war der erste Offizier, der aus einer deutschen jüdischen Familie kam. Naftali Bennett, ehemals Hauptmann der Gruppe und später Stabschef, gründete seine eigene Partei Habajit Hajehudi, »Jüdisches Zuhause«.

Israelische Politiker kommen nicht aus Elite-Schulen mit den familiären Türöffnern der High-Society, sondern müssen sich oft jahrelang in der Armee oder Spezialeinheiten bewähren. Österreichische Polit-Karrieren von der Jugendorganisation über die Studentengruppe der Partei, dann zum Sekretär eines Politikers bis zur eigenen Partei-Karriere funktionieren in Israel eher nicht. Verbeamteten Bürokraten vertraut man nicht die Sicherheit Israels an. Eine wohlbehütete Sohn- oder Tochter-Karriere, wie sie beispielsweise vor einigen Wochen als alpenländische Spezialität präsentiert wurde, als der Sohn des Kärntner Landeshauptmanns plötzlich als Nummer eins von Kärnten für die EU-Wahl nominiert wurde – ohne jegliche politische oder professionelle Erfahrung – wäre in Israel kaum vorstellbar.

Doch auch die für Außenstehende oft unverständliche Härte israelischer Politiker bei Auseinandersetzungen mit Feinden und Terroristen muss in Bezug auf ihre eigene persönliche Geschichte verstanden werden. Wer mit Gewalt und Terror persönlich konfrontiert wurde, Freunde und Kameraden verlor oder erleben musste, wie diese bei Gefangennahme gefoltert wurden, wird unnachgiebig auf die Angriffe von Feinden reagieren.

Politische Verantwortung ist in Israel von der militärischen nicht zu trennen, und beide dienen der Sicherheit der Bewohner. Wenn westliche Politiker schulmeisterlich auftreten, und die angebliche »Unverhältnismäßigkeit« der israelischen Reaktionen auf Terrorangriffe kritisieren, spricht aus ihnen die Ahnungslosigkeit der Wohlstandsbürger, die seit drei Generationen keinen Krieg mehr erlebt haben.

Sicherlich ist Kritik an jeder israelischen Regierung berechtigt und wird nirgends so intensiv diskutiert wie in Israel selbst. Doch das präpotente Auftreten, die Ratschläge und die Verurteilung der Verteidigungsmaßnahmen zeigen eine Form der moralischen Selbstüberschätzung sogenannter Kritiker, die vor allem in Israel immer wieder Verwunderung und Verärgerung hervorruft. Die politisch Verantwortlichen mit ihren militärischen Erfahrungen haben sich ohnehin längst von der oft naiven Kritik aus dem Ausland befreit und agieren selbstbewusst und unbeeinflusst im Bewusstsein, dass Verteidigung und Sicherheit Israels in der alleinigen Verantwortung Israels liegen.

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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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