THIEM VS. SCHWARTZMAN

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Ein jüdisches Dilemma

»Zu wem hältst du heute beim Spiel Thiem gegen Schwartzman?« Fragte ich einen Freund, der mir ein Ticket gegeben hatte, das er von irgendeiner Organisation bekam, für die er jährlich ein paar hundert Euro spendet.

»Was ist das für eine blöde Frage, Thiem natürlich«, fährt er mich an und setzt noch nach: »Du vielleicht nicht?«

»Schwierige Angelegenheit«, murmelte ich und fuhr mir mit der Hand übers Kinn wie ein denkender Rabbiner. Nur Bart hatte ich keinen.

»Wenn du für den Argentinier schreist, hätte ich das Ticket jemand anderen gegeben. Was soll denn da schwer sein, sich zu entscheiden?«, sagte der Freund zu mir.

Ich antwortete nicht und überlegte, ob ich es ihm überhaupt erklären sollte. Er würde es nicht verstehen.

»Jetzt sag schon, was ist mit dir und dem Argentinier? Oder kennst du den Schwartzman persönlich?« Er ließ nicht locker.

»Er ist Jude, also fühl‘ ich mich ihm verpflichtet«, sagte ich und bereute es sofort.

»Das meinst du doch nicht im Ernst!« Fuhr mich der Freund an.

»Ja und nein, das ist ein Dilemma für mich, wenn nur der Schwartzman kein Jude wär‘, wär’s viel einfacher. natürlich würde ich nur für Thiem klatschen!«

Wir standen in der Warteschlange vor dem Eingang zur Stadthalle. Der Freund ging plötzlich zur Seite, aus der Reihe der Wartenden und zog mich am Ärmel. Eigentlich waren wir gar nicht befreundet, er rief mich wahrscheinlich nur an, weil er ein zweites Ticket hatte und ihm alle anderen, die er bereits vorher anrief, abgesagt hatten.

»Also ich frag dich jetzt lieber hier, bevor wir in die Stadthalle gehen, willst du mich dort blamieren und den Argentinier unterstützen? Wir sitzen in einer der Logen, das kann ich den anderen, die mich alle kennen, nicht antun!«

»Wahrscheinlich schon, ich kann nicht anders«, sagte ich und sprach weiter, dass es bei einem Wettkampf zwischen einem Österreicher und einem jüdischen Spieler, da es doch so wenige unter den Tennisspielern gäbe, fast eine Pflicht für mich sei, diesen zu unterstützen, und wusste, dass es eine blöde Ausrede war und mit Tennis nichts zu tun hatte.

Ich rechnete damit, dass er sich ärgern und mir das Ticket wieder wegnehmen würde, aber es war’s mir wert, das Risiko.

»Was wäre, wenn der Österreicher ein Jude ist?« Fragte er plötzlich.

»Wie meinst du das?«

»Ja, sagen wir, es sind beide Juden!«

»Dann würde ich den Österreicher unterstützen«, antwortete ich ihm.

»Also zuerst kommt das Jüdische und dann die Heimat?« Fragte er mich.

Ich wusste, dass er mich erwischt hatte, und ich dem Vorurteil entsprechen würde, für Juden sei das eigene Volk immer die Heimat, und dann käme erst alles andere.

»Dann bist du eben kein Österreicher, sondern Jude von der Nationalität her«, sagt er und er sprach plötzlich so laut, dass andere in der Warteschlange zu uns schauten.

»Ich bin Österreicher und Jude, man kann auch beides sein«, entgegnete ich ihm.

»Eben nicht. Du bist der Beweis dafür, du kannst eben nicht beides gleichzeitig sein, denn du hast eine Reihung im Kopf, wer zuerst kommt!« Sagte er und grinste, jetzt nicht mehr böse, denn er hatte anscheinend das Gefühl, mich ertappt zu haben.

»Es tut mir leid, wir haben diese absurde Sympathie für andere Juden, auch wenn wir sie nicht kennen oder sogar sie nicht leiden können«, sagte ich ziemlich hilflos.

»Deshalb kann man euch auch nicht trauen«, sagt er plötzlich nach einer kurzen Pause.

»Ich trau ihnen auch nicht«, sagte ich und wir beide lachten.

Die Reihe war inzwischen immer kürzer geworden, die letzten gingen durch die Sicherheitskontrollen, und wir standen bald als einzige vor dem Eingang.

»Weißt du was«, sagte der Freund plötzlich. »Eigentlich ist es völlig egal, wen du unterstützt, der Thiem gewinnt sowieso! Komm, gehen wir hinein.«

Ich nickte und war froh, dass wir das Spiel sehen konnten. Ich klatschte dann bei Schwartzman, mein Freund bei Thiem, und Thiem gewann, so wie es der Freund vorausgesagt hatte. Den anderen Freunden in der Loge sagte er, meine Frau sei aus Argentinien und deshalb fühlte ich mich verpflichtet, für Schwartzman zu klatschen.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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