SCHIFAHREN MIT VERGANGENHEIT

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Photo: Johannes Gruber, CC BY-ND 2.0

St. Anton ist ein Stück Familiengeschichte

In Golders Green, im Norden von London, wo viele der orthodoxen Juden leben, jenseits des Nobelviertels Hampstead, gibt es noch ein paar glatt-koschere Restaurants, die oft von sephardischen Rabbinern kontrolliert werden. 

Da ich die jüdischen Speiseregeln nicht einhalte und an einer Leberkäs-Semmel während eines Wien-Besuchs nicht vorbeikomme, ist es für mich ein Restaurant wie jedes andere mit ein paar Spezialitäten aus dem vergessenen ost-europäischen Schtetl, wie Gefilte Fisch, Hühnersuppe (oder Jewish Penicillin wie es meine Mutter nannte) mit Lockshen und Kneidlach, einem Reuben Burger ohne Käse natürlich, und zum Nachtisch ein Lockshen Pudding oder Apple-Honey Cake. Auch Apfelstrudel wird angeboten, doch ich warne jeden, der je einen in der Kärntner Straße in der Konditorei Sluka gegessen hat. Er wird diesen nicht bis zum Ende schaffen.

Einmal im Monat treffe ich in einem dieser Restaurants, das gleich neben der U-Bahn-Station liegt, einen entfernten Verwandten, der auf Facebook entdeckte, dass ich jetzt in der Nähe von London lebe, und mir bei unserem ersten gemeinsamen Kaffee auf einem Stammbaum erklärte, wie wir mit einander verwandt wären. Auf irgendeinem Zweig des Familienbaumes scheint er als Sohn eines entfernten Cousins meines Vaters auf, ist etwas älter als ich, klein, rundlich, kommt immer mit demselben dunklen Sakko, einem rot-braunen kariertem Hemd und einer dunkelroten Krawatte, auf der die abgewischten Reste der letzten Mahlzeit zu erkennen sind. Auf seiner rötlichen Kopfhaut liegen ein paar lange, quergekämmte, weiße Haare, und in der Mitte der oberen Zahnreihe hat Robert – so heißt mein Verwandter – eine Lücke, die er angeblich, so erzählte er gleich beim ersten Treffen, nicht füllen könne, weil die verdammten Zahnärzte in London lauter Gauner seien.

Ich treffe ihn ungern in diesem Restaurant. Alles sieht hier ein wenig schäbig aus, an den Tischen sind die Ecken abgeschlagen, die Sitzflächen der Sessel hängen durch, und die mit Plastik überzogenen Lehnen riechen nach Huhn, Gulasch und Fisch.  Das Essen ist vielleicht den Regeln der Kashrut entsprechend, schmeckt jedoch eher wie der Mittagstisch in einem Internat für Schwererziehbare – zumindest stell ich mir deren Speiseplan so vor.

Robert unterrichtete Physik auf irgendeiner Universität in London und ist begeisterter Radfahrer. Ob Winter oder Sommer, er benutzt immer sein Rad in London, wo es zum Unterschied von Wien kaum Radfahrwege gibt, und wird daher regelmäßig von Autos niedergestoßen, die ihm sofort eine finanzielle Regelung anbieten, da in London ein Unfall Punkte des Führerscheins kostet, und fällt man unter ein bestimmtes Minimum, wird der Führerschein für ein paar Wochen oder Monate eingezogen. Er verwendet diese altmodischen Metallspangen für seine weiten Hosen, nimmt sie jedes Mal im Restaurant ab, nachdem er sich niedergesetzt hat, und legt sie auf den Tisch, gleich neben dem koscheren Huhn und den Gefilten Fischen.

»Wie geht es dir?« Fragt mich Robert.

Ich antworte ihm nicht.  Wir sitzen einander gegenüber und ich taste mit meinen Augen sein Gesicht und seinen Oberkörper ab und verstehe nicht, wie er mit mir verwandt sein kann. Der dickliche, ehemalige Professor kommt mir als das definierte Gegenteil von mir vor.

»Warum trägst du immer dieselbe Krawatte. Die hat lauter Fettflecken«, frage ich ihn und bereue es sofort.
»Das stimmt doch nicht, ich putze sie jeden Abend!« Fährt mich Robert an.
»Was heißt Putzen, wie kann man einen Fettfleck putzen. Gib sie doch in die Reinigung!«
»Stört dich das wirklich? Was bist du doch für ein Jecke-Potz!« Sagt Robert und lacht, zeigt mir seine gelblichen Zähne links und rechts der Zahnlücke, und ich möchte eigentlich nur mehr raus aus dem Lokal.

»Kann ich dir den Zahn zahlen? Die Lücke schaut furchtbar aus«, frag ich ihn.
»Ich nehme nichts von Familie, wenn du ein Goj wärst, würd ich dich zahlen lassen«, wieder lacht er, und plötzlich, ohne dass sich Robert verändert hätte, kommt er mir so normal vor, nicht mehr fremd, nicht mehr unangenehm, irgend etwas verbindet uns. Eigentlich ist er einfach so, wie alle anderen in meiner familiären Umgebung. Verrückte eben. Als hätte er meine Gedanken erraten sagt er:
»Du verbringst zu viel Zeit mit den Gojim, das ist nicht gut für dich, deren Verspannungen sind ansteckend. Du kommst daher steif wie der Spazierstock eines englischen Lords!«

Ich nickte und wusste, dass er recht hatte. 

»Was machst du zu Weihnachten?« Fragte ich ihn um das Thema zu wechseln.
»Wir spielen Karten beim Chinesen. Wie jedes Jahr zu Weihnachten. Die eigentliche Katastrophe passiert nur, wenn der 24. Dezember auf einen Freitag fällt.«
Einen Moment wusste ich nicht, was er meinte, doch dann erinnerte ich mich, dass er ja an einem Freitagabend nicht Karten spielen darf.

Eine ältere Frau mit einer Perücke, wie sie die orthodoxen Juden tragen, bringt uns die Suppe. Die künstliche Haarpracht war ihr leicht verrutscht und der Scheitel passte nicht mehr zur Symmetrie des Kopfes. Sie trug eine Schürze und sah aus, als hätte sie die Suppe selbst in der Küche vorbereitet. Natürlich gab es Mazze-Knödel Suppe. Robert hatte für uns beide das Mittagsmenü bestellt, drei Gänge um 9.99 Pfund.

»Is this your brother?« Fragte die Frau mit einem Akzent als hätte sie am Morgen des selben Tages ihre erste Englisch-Stunde absolviert.
»No«, antwortete Robert.
»Ah, yes, no brohter! He looks so nice«, sagte die Frau und grinste, sprach weiter in Jiddish und ich verstand sie kaum mehr.

»Kommst du oft hier her?« Fragte ich ihn.
»Jeden Tag seit meine Frau gestorben ist.«

Dann erinnerte ich mich an seine Geschichte, den frühen Tod seiner krebskranken Frau, und ich fühlte mich elend, weil ich so unfreundlich gewesen war. Ich wollte etwas Nettes sagen als er mich unterbrach in meinen Gedanken.

»Gehst du eigentlich Schifahren? Du bist doch in Wien aufgewachsen, du musst Schifahren können. Meine Eltern waren begeisterte Schifahrer, die waren noch echte Österreicher!« 

Ich war ihm dankbar, dass er das Thema wechselte, und sagte ihm, dass ich sehr gerne in den Bergen sei und eine Woche im Jänner in St, Anton verbringen würde.

Robert legte Messer und Gabel weg. Wir waren inzwischen beim zweiten Gang, dem gebratenen Huhn angelangt, das mit zerkochten Kartoffeln und zu weichen Karotten serviert wurde. Ich hatte vergessen, das dunkle Fleisch zu bestellen, wie es auf der Speisekarte zur Auswahl stand, entweder Brust oder Keule. Mein Stück weißes Fleisch war trocken wie ein Knäckebrot.

Er starrte mich an und sagte:
»Das kannst du nicht machen, nicht nach St. Anton!«

Ich verstand ihn nicht und fragte, warum nicht St. Anton.

»Ja weißt du nicht! Unsere Familiengeschichte! Die haben unseren Verwandten dort in den Tod getrieben. Nach all dem, was er für den Ort getan hat!«

Jetzt wusste ich, was er meinte. Es ging um Rudolf Gomperz, einen der Gründer des Schizentrums Arlberg. Seine Mutter war Elisabeth Sichrovsky, eine direkte Verwandte von uns. Gomperz wurde bis 1933 als Held von St. Anton gefeiert. Er brachte zwischen 1926 und 1930 mit seinen Ideen des Schiurlaubs 5.000 Touristen nach St. Anton, entwickelte als Ingenieur die erste Bergbahn und war Herausgeber des ersten Bandes des »Skiführers Arlberg«.

1933 setzte eine beispiellose Hetze gegen ihn ein, er wurde als »Nicht-Arier« aus dem Schiverband ausgeschlossen, 1942 nach Wien deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet. Heute erinnert ein Denkmal in St. Anton an ihn, das vor allem auf Betreiben von Karl Schranz errichtet wurde. Der Tiroler Schriftsteller Felix Mitterer setzte ihm mit dem Theaterstück »Kein schöner Land« ein literarisches Denkmal.

»Das Schicksal von Gomperz war der Normalfall damals, dann kann ich nirgendwo in Österreich Schifahren gehen. Aus jedem Ort haben sie uns vertrieben, bestohlen und viele von uns ermordet«, versuchte ich mich auszureden.

»Das stimmt auch wieder. Aber warum ausgerechnet St. Anton?« Robert sprach leise und stocherte in seinem Huhn herum. Er hatte wenigstens ein Stück dunkles Fleisch.

»Ich war nie in Österreich, auch nicht in Deutschland. Jeden Vortrag habe ich abgelehnt, wenn die Einladung von einer deutschen oder österreichischen Universität kam. Ich konnte es einfach nicht. Mir waren sogar die Studenten aus diesen Ländern unangenehm, und das hatte überhaupt keine logischen Gründe, die waren ebenso freundlich und intelligent wie alle anderen«, sagte er fast flüsternd und blickte mich an mit seinen endlos traurigen Augen.

Doch ich hatte keine Lust, ihn zu trösten und sagte:

»Ich verstehe dich schon, aber es ist dein Problem und nicht meins. Ich bin im Gegensatz zu dir nicht in London, sondern in Wien aufgewachsen, habe am Semmering Schifahren gelernt und auf der Silvretta während des Studiums als Schilehrer gearbeitet. Mir ist dieses Land mit seiner Sprache, dem Essen, seinen Bergen und Städten, dem Zynismus und der schlechten Laune seiner Bewohner so vertraut wie meine Hosentasche. Und nicht nur das, ich bin auch so. Und ich lass es mir nicht nehmen!«

Ich musste zu laut gesprochen haben, denn die Gäste an den anderen Tischen sahen zu uns herüber.

Robert starrte mich einen Moment lang an und sagte dann grinsend:
»Wie ich schon sagte, ein Jekke-Potz eben!«

Wir lachten beide, waren bereits beim »Apple and Honey Cake« angekommen, und seine klebrige Krawatte störte mich überhaupt nicht mehr.

 

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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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