Feuilleton Großbritannien

Pep Guardiola

Photo: Thomas Rodenbücher, CC BY 2.0

Der Fußball-Einstein

Von dem Dorf Santpedor inmitten Kataloniens, nördlich von Manresa, braucht der Bummelzug etwa zwei Stunden nach Barcelona. Mit 7000 Einwohnern, einem kleinen Hotel, drei Restaurants und mehreren winzigen Bars am Hauptplatz wäre die Statistik bereits vollständig, wenn nicht zwei Menschen diesen Ort berühmt gemacht hätten. Die Sängerin Sandra Sangiao, die mit ihrer Gruppe ‚Barcelona Gipsy Klezmer Band’ Erfolge feiert und Pep Guardiola, der Philosoph des modernen Fußballs.

Seit der letzten Saison leitet der Sohn eines Maurers, der in seinem Dorf als Balljunge die Fußball-Karriere begann, für ein Jahresgehalt von 17 Millionen Euro die Englische Traditions-Mannschaft Manchester City. Roman Abramovich, der Eigentümer von Chelsea, bot ihm noch mehr und schickte einen Hubschrauber, der den Trainer auf die Jacht des Milliardärs bringen sollte, um dort den Vertrag zu unterzeichnen. Doch Pep wollte nicht und sagte ab. Er war der erste Trainer, der dem Russen einfach Nein sagte und auf das zusätzliche Geld verzichtete. Manchester, diese rohe und laute Industriestadt, reizte ihn mehr als das glattgebügelte London.

Der Philosoph …

Guardiola ist die Ausnahme unter den Trainern. Mit meist freundlicher, fast sanfter Sprache, schlank und elegant, gibt er bei Interviews dem Gegenüber dennoch meist das Gefühl, des Nicht-Vorhanden-Seins. Irgendwie spricht der Mann gegenüber Journalisten, als ob er alleine im Raum wäre und nur einfach so vor sich hin philosophiert.

Doch was ist schon ‚normal’ bei Guardiolino. Zu seinen besten Freunden zählen der Poet Miquel Martí i Pol und die Sängerin Lluís Llach. Bei Barcelona überraschte er die Spieler einst mit einer Kiste Bücher. Kein Fachbuch über Fußball, Fitness oder Strategien, nein, es war ein Roman, der ihn faszinierte und die Nacht nicht schlafen ließ. Manchmal begann er das Training mit einem Gedicht, das er irgendwo gelesen hatte. Die Spieler starrten ihn meist an, wussten nicht, was sie sagen sollten, doch er war ihr Pep, und der durfte ohnehin machen, was er wollte.

Die meisten kamen zwar aus derselben Welt wie Pep, doch Romane, Gedichte und klassische Musik waren ihnen fremd, und sie erwarteten von einem Trainer nicht unbedingt kulturelle Ratschläge. Doch sie lauschten den Gedichten, lasen die Bücher, die er vorschlug, denn was immer von Pep kam, war einfach wichtig.

in Manchester

Als er in Manchester landete, überwog die Skepsis gegenüber der Begeisterung. Natürlich kannte man ihn und seine Erfolge. Doch er scheiterte in München mit dem hochgesteckten Ziel, Meisterschaft, Cup plus Champions League zu gewinnen. Im Gegenteil, auch unter seiner Leitung musste Bayern München erkennen, wie hoch die Latte der Europäischen Spitze liegt, und wie weit es davon noch entfernt ist.

Er verließ München, begann 2016 in Manchester und veränderte dort vom ersten Tag an einfach alles. Training, Personal, Spielerkauf, Vereinsstruktur wurden seinen Wünschen angepasst. Er fand eine Atmosphäre der Freiheit und des Vertrauens, die er in München immer vermisste.

Der erste Schock begann mit seiner Einkaufsliste. Während sein direkter Konkurrent José Mourinho als Chef von Manchester United auf die Englische Tradition von großen, kräftigen Spielern setzte, die dem britischen System der aggressiven direkten Spielweise entsprechen, ging Pep bei seiner Suche nach neuen Spielern andere Wege.

Die Durchschnitts-Körpergröße der zugekauften Fußballer bei Manchester United liegt bei 185 cm, einige von ihnen erreichen 195 und mehr und wirken wie unaufhaltbare Riesen, die über den Rasen trampeln. Die durchschnittliche Größe der Spieler bei Manchester City ist nur 175. Der Kleinste bei MU wäre immer noch einer der Größten bei MC.

Doch seine Konkurrenten hätten es wissen müssen. Es ist nicht das erste Mal, dass Guardiola das Prinzip der sich ständig bewegenden Mannschaft mit kleineren, schnellen und wendigen Spielern praktiziert. Seine Unterstützung des 170 cm großen Messi wurde auch in Barcelona zu Beginn belächelt. Doch seine Verfeinerung des Tiki-Taka-Fußballs, von Johan Cruyff erfunden und in der Jugendakademie La Masia des FC Barcelona mit jungen, talentierten Spielern ausgearbeitet und entwickelt, machte den FC Barcelona jahrelang unbesiegbar.

Dennoch begann die Saison 2016/17 nicht so, wie es viele in Manchester erwartet hatten. Die Spieler verstanden Peps komplizierte Erklärungen nicht, hatten Schwierigkeiten, sich seinem Stil anzupassen und ihre alten Spielweisen zu ändern. Mit 78 Punkten erreichten sie zwar den 3. Platz, jedoch mit großem Abstand zu den 93 Punkten des Meisters Chelsea. In der Champions League scheiterten sie schon vor dem Achtel-Finale und im FA Cup im Semi-Finale.

All die kritischen Kommentare, vor allem in den Medien, beeindruckten Pep nicht. Er werde dafür bezahlt, seine Fantasien und Vorstellungen umzusetzen, konterte er. Und wenn dies ein paar Jahre dauern würde, müsse man sich damit abfinden. Guardiola spricht in Interviews gern über Gefühle und antwortete seinen Kritikern, er werde seine Mannschaft darauf vorbereiten, so zu spielen, wie er es fühle, dass es richtig sei und fügte dann zur Überraschung der Journalisten hinzu:

Auch dann, wenn wir Fehler machen und verlieren.

Doch es dauerte nicht ein paar Jahre. Guardiola verbrachte den Sommer mit dem, was er vor einer Saison immer macht – er studierte seine Gegner. Bekannt als Arbeitstier mit einem 14 Stunden Tag, liebt er die Vorbereitungen für die Saison und vor allem für einzelne Spiele. Planung sei alles für ihn, beschreiben ihn seine Spieler. Nichts wird dem Zufall überlassen. Er traut niemandem, wenn es um die Vorbereitung und die Analysen von Spielen geht. Keinem Assistenten und keinen Fachleuten im Verein. Er muss alles alleine recherchieren, befragt ehemalige Manager, alte Spieler, spricht mit Journalisten und Sport-Fachleuten, sitzt in Bars und Gaststätten und hört einfach nur zu.

Pep studiert nicht nur Spieler und Trainer seiner Gegner, sondern kennt jeden Manager, jeden Direktor, die medizinischen Betreuer, die Berater, die Familien der Spieler, deren Hobbies, Schwächen und Stärken. Einfach alles, was er über die Menschen findet, interessiert ihn. Bekannt als geduldiger Zuhörer spricht er mit jedem, der auch nur die scheinbar unwichtigste Information zu bieten hat.

In den Tagen vor einem Spiel steigert sich Pep laut Beschreibung seiner Umgebung in einen Rausch, der alle mitreißt. Planung sei alles, ist sein Leitspruch und Planung bei Pep heißt, dass er jede noch so unwichtige Einzelheit über den Gegner kennt und seine Mannschaft darauf vorbereitet.

Play – Possession – Position

Die Fans von MC mussten nicht lange auf den Erfolg warten. Das Team explodierte mit Beginn dieser Saison. In den ersten 10 Spielen schossen sie 35 Tore und liegen derzeit mit 31 Punkten an erster Stelle vor MU mit 23. Doch es sind nicht nur die Zahlen, die beeindrucken. Jedes einzelne Tor begeisterte Fans und Journalisten, und einige Kommentatoren vermuten, dass diese Saison zu Weihnachten bereits entschieden sein könnte.

Das letzte Mal beendete Arsenal 2003/4 die Saison ohne ein einziges Spiel zu verlieren. MC könnte diesen Rekord wiederholen. Würde man die 35 Tore, die bis jetzt erzielt wurden, auf die Saison hochrechnen, könnte MC 133 Tore erreichen. Der bisherige Rekord liegt bei 103, den Chelsea 2009/10 erzielte.

Eines der vielen Geheimnisse, die um Pep schwirren und die Kommentarseiten der Zeitungen in Großbritannien füllen, ist sein Talent, aus einer Gruppe von Genies eine Mannschaft zu bilden. Manchester Citys Spielweise vor dem gegnerischen Tor unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Mannschaften. Die meisten Tore werden durch uneigennützige Vorbereitung der Spieler untereinander erzielt. Das Zuspiel innerhalb des Strafraums, der Verzicht auf den eindrucksvollen Abschluss durch einen einzelnen Spieler, wenn andere in besserer Position sind, ist eine Besonderheit des Systems Guardiola.

Die drei ‚P’ sind die Säulen seiner Technik: Play – Possession – Position; wobei er auch eine Steigerung in den Begriffen sieht. Es geht für ihn letztendlich immer nur um die richtige ‚Position’, um ein Tor zu erzielen.

Wie er seine Spieler dazu bringt, als Team zu denken und zu handeln, beschreibt er mit dem spanischen Wort ‚cariño’, ein fast unübersetzbarer Begriff für Freundschaft, Respekt und Verbundenheit.

Sicherlich, es geht um viel Geld in der Britischen Premier League. Für Manche scheint es nicht so schwierig zu sein, mit hunderten Millionen das beste Team zusammenzukaufen. Doch England ist anders. Die Spitze ist eng, und alle haben genügend Geld. Chelsea, Arsenal, Tottenham, Liverpool und noch einige Überraschungsmannschaften haben immer wieder gezeigt, dass die Meisterschaft anders läuft als in Deutschland, wo Bayern München ein Abo auf den Meistertitel hat.

Guardiola überrascht nicht nur mit Siegen, sondern mit einem Guardilo-Team, das so spielt, wie er es wünscht, anders als alle anderen Mannschaften, und das ist neu in der konservativen, fast schon erstarrten Fußball-Welt Englands.

 

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