Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Jubiläen

Aus und vorbei

2017 neigt sich dem Ende zu, die Reformation ist abgehakt und in zukünftiger Irrelevanz versunken. Da fällt mir auf, dass 2018 das 50er Jubiläum der 68er ansteht. Bevor die Feierei losgeht, sage ich schon mal: Den vermeintlichen Aufklärern zu huldigen, fällt mir nicht ein, nicht mal ihre angebliche Nazi-Aufarbeitung entlockt mir ein gutes Wort.

Es genügt ein Blick auf den heutigen Stand von Literatur, Theater, Film und Politik, um den grotesken Niveauverlust und neuerlichen Totalitarismus zu erfassen, den sie als direkte Nachfolge-Generation des kollektiven Ungeists zu verantworten haben. Bis sie dieselbe Irrelevanz wie der Protestantismus erlangen, wird es noch ein paar Jahre brauchen. Aber ganz gewiss kein halbes Jahrtausend, nicht mal ein Jahrhundert. Höchstens zehn oder zwanzig Jahre. Der Schaden allerdings, den sie angerichtet haben, wird das historische Zwergentum überdauern.

Verneigung

Da lädt der 85. Geburtstag von Charlotte Knobloch, begangen Ende Oktober 2017, zu ganz anderen Reflexionen ein. Es ist unfassbar, wieviel Großes, Intaktes, Schönes und Liebendes inmitten derartig nach Zerstörung trachtender Kräfte erwachsen kann.

Hält man die Tiefe und Weite ihres seelischen Ausgreifens (ohne mir anmaßen zu wollen, es vollauf zu ermessen) neben die geistige Flachheit und wechselseitig brutale Borniertheit der Nazis und 68er, ihrer Zeitgenossen, dann verneigt man sich in Ehrfurcht vor jüdischer Kultur und jüdischem Glauben – und hat immer noch nicht jenen ganz persönlichen Anteil gewürdigt, der sich wie alles wahrhaft Menschliche über die Umgebungsfaktoren erhebt. Hier ist, ohne historisches Limit, Orientierung, Inspiration und Halt zu finden.

Und sonst?

Es gibt 2017, wenn man mal nachschaut, ja eine Unmenge von Jubiläen. Da wäre Ovids 2000. Todestag, Lichtenbergs 275. Geburtstag oder der 500. Geburtstag von Sebastian Brant: Autor des großartigen Narrenschiffs. Feierwürdige Jubiläen allesamt, genau wie der 200. Geburtstag von Theodor Storm und der 250. von Wilhelm von Humboldt. Denkwürdig desgleichen der 200. Todestag von Jane Austen. Dagegen fallen der 100. Geburtstag von Heinrich Böll sowie des 90. von Günter Grass und des irgendwie ähnlich leblosen Martin Walser doch stark ab.

Nah und fern

Interessant ist auch, dass 2017 der 150. Todestag von Charles Baudelaire und sowie der 160. Todestag von Joseph von Eichendorff zu begehen waren. So nah die beiden Daten zu liegen scheinen: im Grunde trennen sie Lichtjahre. Deutsche Innerlichkeit und französische Urbanität könnten nicht schärfer abgegrenzt sein!

Blutrausch

Ein Jubiläum hätten wir noch, die Oktoberevolution. Für manche tatsächlich ein Grund zum Feiern, zum kommunistisch-wohligen Schaudern… Fragt sich nur, ob das Geschehen im Jahr 1917 eher als Geburts- oder als Todesjahr zu begehen wäre. Einigen wir uns auf den Beginn weiteren gigantischen Hinschlachtens. Soll das begehen, wem danach zumute ist!

 

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