Feuilleton

Meine Corona Familie

Verschränkte Hände

Aus dem Corona Tagebuch (13)

Vor ein paar Tagen, es war spät abends so gegen 23.00 Uhr, rief mich meine Tochter T. aus New York an und hörte nicht mehr zu reden auf. »Papa, hast du dir endlich diese neue App heruntergeladen«, rief sie laut ins Telefon, als ob so die Distanz zwischen den USA und Österreich überwunden werden müsste. Ich stammelte eine Ausrede, ich hätte mir den genauen Namen nicht gemerkt, um mein Vergessen zu verbergen, und sie antwortete, sie würde mir einen Link senden, ich sollte sie sofort herunterladen und mehrmals täglich Puls und Sauerstoffgehalt im Blut messen. Falls er unter einen gewissen Wert fallen würde, sollte ich sofort den Arzt aufsuchen. Dann fragte sie mich, ob ich Husten müsse und vielleicht sogar Fieber hätte. Als ich verneinte, meinte sie, das bedeute gar nichts, sie habe etliche Fälle im Krankenhaus, bei denen die Infektion ohne diese Symptome begonnen hätte. Ich sollte mich lieber auf eigenen Kosten testen lassen.

Sie ist die Älteste, lebt in New Jersey, außerhalb von New York, mit ihren vier Kindern und arbeitet als Kardiologin in einem Krankenhaus. Zurzeit hat sie ihr Haus geteilt in einen Bereich, in dem sie isst und schläft, und einen anderen Teil, abgetrennt für den Rest der Familie, um sie nicht anzustecken. Sie betreut unsere ganze Groß-Familie mit ihren Ratschlägen und kontrolliert streng deren Einhaltung. Streng ist überhaupt ein besonderes Kennzeichen von ihr und erinnert mich von allen meinen Kindern am ehesten an meine Mutter, vor der wir drei Söhne und natürlich mein Vater ständig in Panik lebten, was wir wieder falsch gemacht hätten.

In der Alterspyramide darunter ist ihr Bruder A., lebt in Berlin als Schauspieler mit zwei Kindern und schreibt an einem Corona-Tagebuch, das immer wieder von einem seiner Schauspielkollegen online vorgetragen wird. Seine Frau ist Architektin, und nach Wochen der Isolation beschlossen sie, die gesamte Wohnung neu einzurichten, verschoben Möbel, nahmen Bilder von den Wänden, bemalten die Wände mit neuen Farben und reparierten wackelige Bücherregale. 

A. kommentiert manchmal, was ich auf Facebook schreibe, um mir dann zu widersprechen. Selbst wenn ich schreiben würde, dass Kühe »muh« machten, wäre seine Bemerkung dazu, ich hätte keine Ahnung von Kühen. Unsere humorvollen Streitereien auf Facebook haben sich während Corona intensiviert, und manchmal drängen sich unterschiedliche politische Überzeugungen in scheinbar harmlose Geplänkel.

Mein jüngster Sohn M. studiert Biochemie in St. Andrews, dieser kleinen, romantischen Stadt an der Küste in Schottland, etwa eine Stunde von Edinburgh, mit einer der besten Universitäten Europas. Von den 16.000 Einwohnern sind ein Drittel Studenten. Hier wurde 1754 einer der ersten Golfclubs der Welt gegründet, der ›Royal and Ancient Golf Club of St Andrews‹. 

M. ist der Pragmatiker unter meinen Kindern, der Alltag ist geplant wie eine Untersuchung im chemischen Labor, da gibt es auch während Corona wenig Veränderungen und Überraschungen. Mit drei Wochen Verspätung gegenüber Österreich ist Großbritannien noch weit hinter der Öffnung der ersten Geschäfte oder Restaurants, das Leben wird streng reguliert, und sogar die Distanz, für die man das Rad verwenden darf, ist genau definiert. M. als Chemiker hat die chemischen Versuchsanordnungen des Labors mit Kochrezepten ersetzt, und die Küche in dem kleinen Haus, wo er mit mehreren Studenten lebt, ist jetzt sein Versuchslabor, wo er die kompliziertesten Rezepte versucht. 

Eine Tagesreise entfernt von M. lebt mein Sohn J., ein paar Jahre älter als M., südlich von London in Shalford, einem winzigen Dorf in der Nähe der Universitätsstadt Guildford, wo J. heuer sein Jus-Studium abschließen sollte. J. ist der verträumte Philosoph der Familie. Er hat vor dem Jus-Studium in Großbritannien in den USA Philosophie studiert. In Shalford lebt er zur Untermiete in dem Haus eines älteren Ehepaars, das die meiste Zeit, wie er erzählt, im Garten verbringen würde, wobei er sich nicht sicher ist, ob der Grund die Liebe zur Gartenarbeit oder die ängstliche Distanz zu ihm sei. 

J. versteht weder etwas vom Kochen, noch verspürt er Lust, es zu lernen, und hat sich zu Beginn der Krise mit zwei Dutzend verschiedenen Cornflakes-Packungen, Brot, Butter, Wurst und Käse eingedeckt. Am Wochenende laden ihn die Eltern seiner Freundin zum Abendessen ein, was natürlich verboten ist, ihm jedoch die einzig warme Mahlzeit der Woche beschert. Den sich schuldig fühlenden Eltern versichert er jedes Mal, dass er als zukünftiger Anwalt eine Lücke in den Bestimmungen gefunden hätte, die diese Treffen legal machen würde.

Bleibt L., die älteste der drei jüngeren Kinder. Sie lebt in Wien und studiert Psychotherapie und finanziert sich das Studium mit online-Babysitten, das bei manchen Kindern Begeisterung auslöst, die den ganzen Tag mit den Eltern verbringen. Wie sie es schafft, dass Mütter sie verzweifelt schon Tage im Voraus buchen und ihr eine Erhöhung des Honorars vorschlagen, wenn sie andere Kinder aufgeben würde, versteh ich auch nicht, aber was soll’s, der Markt entscheidet. L. versucht sich als Therapeutin der isolierten Geschwister und bietet ihnen ihm Gegensatz zu den medizinischen Ratschlägen von T. eher tiefgreifende Analysen des Verhaltens in der Krise. Sie ist die einzige der Kinder, die ich hin und wieder treffen kann und geht mit mir manchmal mit dem Hund spazieren, und ist das Gesicht zur Familie, die ich vermisse.

Sie leben isoliert in den USA, Schottland, England, Deutschland und Österreich unter nicht so unterschiedlichen Bedingungen und zeigen wie grenzenlos und international diese Krise ist, die alle, selbst innerhalb einer derart verstreuten Familie, erreicht hat, von der Chefärztin in New York bis zur Online-Babysitterin in Wien. 

 

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