USA

Good morning Chicago!

Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0

Berechenbar korrupt gegen unberechenbar korrupt

»Habe ich dich aufgeweckt?« 

»Natürlich, es ist sechs Uhr morgens!«

»Tut mir leid, ich dachte es ist schon sieben.«

»Auch um sieben würde ich noch schlafen. Seit ich zu Hause arbeite, geht es bis in die Nacht.«

»OK, ich melde mich später.«

»Jetzt ist es egal, bin ohnehin schon wach, also was ist los, ist dir langweilig in Wien?« 

Ich musste lachen, und sagte:

»Sicherlich nicht so spannend wie bei dir in Chicago derzeit.« 

»Spannend? Ich weiß nicht, ob man das noch spannend nennen kann, es ist einfach zum Verzweifeln.« 

Ich sprach mit David. Er sagte, er würde ins Arbeitszimmer gehen, um seine Frau nicht zu wecken, ist 45 Jahre alt, lebt in Evanston, einem Vorort nördlich von Chicago  mit der berühmten ›Northwestern University‹, die jedes Jahr bei der Reihung der besten Unis einen Spitzenplatz erreicht, wo er Deutsch und Deutsche Literatur unterrichtet. Wir waren befreundet als ich noch in Chicago lebte, spielten im selben Tennisklub, und er lud mich manchmal ein, mit seinen Studenten zu diskutieren. Seit meiner Übersiedelung nach England und später nach Wien sprechen wir einmal die Woche miteinander.

»Kannst du dich erinnern, vor vier Jahren, als Trump gewonnen hatte, und wir uns nicht beruhigen konnten vor lauter lachen?« Fragte ich ihn. Wir saßen damals gemeinsam mit den Ehefrauen und unseren beiden Söhnen in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher und verfolgten die Wahl.

»Wie kann ich das vergessen, wie blöd waren wir damals, einfach nur gegen Clinton zu sein, ohne zu ahnen, was wir mit Trump bekommen«, antwortete David.

»Ja, eine eigenartige Situation. Der Hass auf die Clintons hat Trump zum Präsidenten gemacht, nicht einmal unsere Frauen hatten Sympathien für sie«, sagte ich.

»Im Grunde genommen war es Bill, der alle vertrieben hat. Als er ankündigte, mit seiner Frau als Ehemann im Weißen Haus zu leben, dachten wir alle, um Gottes Willen, dieser korrupte Typ im Weißen Haus! Er wird seine Frau, wie er es mit allen Frauen getan hat, einfach zur Seite drängen«, sagte David.

»Und jetzt?« Fragte ich ihn.

»Jetzt muss ich den verdammten Biden unterstützen, den ich mehr verachte als alle Clintons«, antwortete er. Ich musste lachen und sagte: »Schon zu Obamas Zeiten warst du kritisch gegenüber Biden, und jetzt lese ich deine begeisterten Aufrufe, ihn zu unterstützen.«

»Wir machen es wie bei Trump gegen Clinton. Damals haben wir Clinton verhindert, diesmal müssen wir Trump verhindern, völlig gleichgültig, wer der Kandidat der Demokraten ist…«

»Und machen den gleichen Fehler?« Unterbach ich ihn.

»Das kann man nicht vergleichen, und das weißt du auch. Wir müssen Trump aus dem Weißen Haus, wenn es sein muss eigenhändig, raustragen. Der Mann macht uns alle kaputt«, antwortete David.

»Sicher, das verstehe ich ja, aber ihn ausgerechnet mit Biden ersetzen? Damals wolltet ihr alle Clinton verhindern, jetzt unterstützt ihr einen Kandidaten, der weitaus konservativer ist als Clinton!«

»Das hat auch Vorteile«, sagte David, »er vertritt die Konservativen in der Demokratischen Partei, deshalb hat ihn Obama damals ausgewählt, um diesen Teil der Partei zu beruhigen und ist damit jetzt hoffentlich wählbar für die Liberalen unter den Republikanern…« 

»Konservativ? Ich würde ihn eher als Rechten bezeichnen«, unterbrach ich ihn wieder, »erinnere dich an seine Ansichten über Sozialhilfe, er war einer der wenigen unter den Demokraten, die immer für eine Reduzierung der staatlichen Unterstützung der Armen und Arbeitslosen argumentierte. Er war für das Verbot, dass die staatliche Krankenfürsorge Abtreibungen bezahlt und unterstütze als Vertreter der Demokraten den Irak-Krieg, und so einen siehst du als Rettung Amerikas nach Trump? Das widerspricht doch all deinen politischen Überzeugungen!«  

»Was quälst du mich?« Fragte David, »was soll ich deiner Meinung nach tun? Für Trump Propaganda machen?«

Ich musste wieder lachen und konnte mir David nicht vorstellen in einer Gruppe von Trump-Unterstützern.

»Allen, die ihn jetzt unterstützen, ist klar, was für ein Weichei er ist, der alle politischen Unruhen überlebte und sich immer nach dem Wind richtete, völlig unbekümmert von jedem Geld nahm, egal wo es herkam und es immer nur in die Headlines schaffte, wenn er sich versprach, den Namen seiner Gegenüber nicht kannte, oder sich sonst wie lächerlich machte.« 

David lachte plötzlich und fuhr fort: »Kannst du dich erinnern, als er in seiner Rolle als Vice-President dem Irischen Premierminister im Weißen Haus sein Beileid aussprach, weil dessen Mutter verstorben war. Es war allerdings der Vater und nicht die Mutter.«

»Sein absurder Vergleich der Republikaner mit einer Frau, die wegen eines zu kurzen Rockes vergewaltigt wurde, war weniger lustig, so wie viele seiner Positionen und politischen Ansichten.« Sagte ich.

David schwieg einen Augenblick, und sagte dann: »Wenn ich ehrlich bin, es ist noch viel schlimmer, als wir es wahrhaben wollen. Bidens wichtigster Unterstützer war immer die Kreditkarten Industrie. Als Dank dafür setzte er sich für ein Gesetz ein, dass es verarmten Amerikanern fast unmöglich machte, Privatkonkurs zu erklären und damit die Schulden zu reduzieren. Er arbeitete verbissen und erfolgreich, ein Verbot von Spenden der Pharma-Industrie und privaten Krankenversicherungen an Politiker zu verhindern, kassierte Millionen von ihnen und blockierte eine staatliche Versicherung für alle Amerikaner. Er erklärte, als Unterstützer der Bekämpfung der Klima-Katastrophe keine Spenden der Ölindustrie zu nehmen und trat ein paar Monate später bei einem Fund-Raising eben dieser Industrie als Sprecher auf. Der Typ ist einfach zum Kotzen und trotzdem brauchen wir ihn.«

»Ihr seid nicht zu beneiden, in dieser Situation. Wenn der Erfolg der Misserfolg von Trump ist, und dann ein Biden Präsident wird, braucht man einen guten Magen, um das alles zu schlucken und zu verdauen,« sagte ich.

»Wir tauschen einen korrupten Politiker durch einen anderen aus, und doch ist ein Unterschied«, erklärte David, »Biden ist sozusagen der Normalfall des korrupten Politikers, nichts ist überraschend und er macht das, was alle anderen tun, er ist berechenbar, das unterscheidet ihn von Trump, der völlig unberechenbar und damit extrem gefährlich ist. Dann kommt noch die politische Erfahrung dazu. Bei Biden ist anzunehmen, dass er ein gutes Team auswählen wird, Spezialisten und Fachleute, die gute Arbeit leisten könnten und seine Fehler verhindern oder abschwächen. Es geht ja nicht mehr um links oder rechts, sondern um Pragmatismus und Professionalität.«

»Und, was glaubst du, wird er gewinnen?« Fragte ich David. Er antwortete nicht, schien in der Küche zu sein, ich hörte Geschirr und das Wasser rinnen.

»Warte, ich mach mir nur einen Kaffee, das ganze Gespräch regt mich auf«, sagte er und fragte nach einer kurzen Pause: »Wie geht es dir in Wien? Geht dir Chicago ab?«

»Es ist angenehm hier, fast zu angenehm. Jeder schwärmt mir vor, wie herrlich diese Stadt sei, so dass ich es langsam selbst glaube. Doch die Dynamik von Chicago geht mir ab, eine Stadt, die ständig auf der Suche nach neuem ist, während man hier hauptsächlich stolz auf das Vergangene ist, wie ist denn der Alltag in Chicago jetzt?« Fragte ich ihn.

»Es hat sich beruhigt hier. Restaurants und Geschäfte sind offen, und wir spielen auch wieder Tennis. Aber zwischen Corona, Trump und den Demonstrationen mit den Plünderungen vergeht kein Tag, der keine Aufregung bringt. Ich könnte ein paar langweilige Tage in Wien vertragen«, sagte David und lachte.

»Was glaubst du, wird es sich ausgehen für Biden?« Fragte ich ihn noch einmal.

»Nach der Überraschung mit Trump ist nichts mehr vorauszusagen. Die Umfragen sprechen für einen Wechsel und Trump verliert bei seinen Stammwählern, den weißen Männern ohne High-School Abschluss, die werden die Wahl entscheiden«, antwortete David.

»Und was machst du, wenn Trump wieder gewinnt?« Fragte ich ihn. 

»Dann komme ich nach Wien und stell einen Antrag für Asyl!« Sagte David, und wir lachten beide.

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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