Feuilleton Österreich

Goldenes Wienerherz

Photo: Christian Prade (cropped), CC-BY 2.0

Endlich zu Hause 

Ein paar Jahre nach Abschluss meines Studiums in Wien verließ ich diese Stadt fluchtartig in einem kleinen Renault in Richtung Berlin und nahm nur mit, was Platz im Auto hatte. Nach Berlin zog ich nach New York, dann nach München und wieder nach Wien, doch zwei Jahre später nach New Delhi, danach nach Singapur und Hong Kong. Und so ging es weiter. Von einer Stadt zur anderen, mit einer weiteren Wiener Unterbrechung von 1999 bis 2004.

Ich ging Wien aus dem Weg, kam gern zurück auf Besuch, doch nach einer Woche war ich froh, die Stadt wieder verlassen zu können. Doch ich kam zurück und lebe seit zwei Monaten in Wien, und dieses Lied von Georg Kreisler geht mir nicht aus der Erinnerung, in dem er singt, wie er von einer Stadt zur anderen zieht und sich nirgendwo zu Hause fühlt, bis er zurück kommt an den Ort, den er verlassen hatte, wo er sich endlich zu Hause fühlt und daran zugrunde geht.

Wir wohnen in Wien in einer ruhigen Gegend, einem kleinen Haus mit nur drei Wohnungen. Der Nachbar unter uns zeigt auf dem Türschild alle seine akademischen Titel. Als ich ihn das erste Mal traf, erklärte er mir, noch bevor er sich vorgestellt hatte oder mir die Gelegenheit gab meinen Namen zu nennen, die Regeln des Hauses, und welche ich in den paar Tagen, seit ich eingezogen war, bereits verletzt hatte.

Als ich ein paar Tage nach seinen Erklärungen über die Stiegen herunter kam, stand er bereits in der offenen Tür, hinter ihm seine wesentlich kleinere, doch laute Ehefrau und beide sprachen gleichzeitig auf mich ein.

Er: »Die Fahrräder können nicht im Flur stehen«
Sie: »Das Haustor muss auch unter Tags immer abgeschlossen sein«
Er: »Die Waschküche ist für alle Parteien, dort können sie nicht einfach einen Korb liegen lassen«
Sie: »Ihr Hund muss immer an der Leine und mit Beißkorb geführt werden«
Er: »Der Keller gehört nur uns, dort dürfen sie nichts abstellen, auch nicht im Gang davor«
Sie: »Die Kartons muss man flach treten und können nicht einfach so in den Papierabfall geworfen werden«

Das ging so weiter ein paar Minuten bis ich den ersten Satz sagen konnte.

Ich: »Entschuldigen Sie, aber wer sind Sie überhaupt?«

Er: »Na hören sie, ich wohne hier, ich bin Mitbesitzer des Hauses. Zehn Prozent gehören mir, auch vom Flur und vom Stiegenhaus!«

Ich: »Wie kann ich das wissen, sie könnten ja auch Besucher sein, oder diese Wohnung nur kurz für ein paar Tage gemietet haben. Sie haben schon letzte Woche mit mir gesprochen, ohne sich vorzustellen. Ich heiße übrigens Peter Sichrovsky und bin eben aus England hergezogen. Es freut mich, sie kennenzulernen.«

Ich hatte die beiden unterbrochen in ihrem Beschwerde-Schwall, der Mann lächelte verkrampft und unsicher, doch fand sehr schnell wieder zu seinem Vorhaben zurück, mir die Vorschriften des Hauses zu wiederholen. Während der kurzen Unterbrechungen konnte ich ihn mir genauer ansehen, mit seinem dichten, grauen Haar, dem kurzen Schnurrbart auf der Oberlippe, wie er leicht nach vorn gebeugt bei jedem lauten Wort einen Schritt nach vorn machte, mir immer näher kam, und ich zurückwich. Der Zorn in seinen Augen war beeindruckend. 

Er: »Ich muss mich überhaupt nicht vorstellen, aber sie müssen die Regeln des Hauses beachten! Sie sehen ja meinen Namen am Türschild!«
Sie: »Ja, genau, das geht sie gar nichts an, wer wir sind, und es interessiert uns auch nicht, wer sie sind, so lange sie sich nicht entsprechend benehmen!«

Ich hatte vergessen, die Tür zu unserer Wohnung zu schließen als ich nach unten ging, da ich nur in den Postkasten schauen wollte. Mein Hund kam die Stiegen heruntergelaufen und begann an den Beinen des Nachbarn zu schnuppern. 

Er: »Der muss einen Beißkorb tragen und an der Leine sein. Jetzt läuft er auch noch im Haus herum!«
Sie: »Der macht mir Angst, der muss weg oder an die Leine, weg am besten. Wir wollen hier keine Hunde.«
Er: »Der scheißt in die Wiese vor meinem Fenster.«
Sie: »Uns gehört das Haus, wir bestimmen, was hier erlaubt ist!«

Ich beobachtete die beiden ohne zu antworten, und mich quälten plötzlich fürchterliche Fantasien. Ich sah meine Großeltern mit der jüngsten Schwester meines Vaters, der sich nach England flüchten konnte, wie sie 1939 aus ihrer Wohnung gejagt und ein paar Monate später ermordet wurden. Diese fratzenhaften Gesichter mit den Resten des Frühstücks in den Mundwinkeln und den Zip der Hose nur halb geschlossen, ein Bild des alternden Elends voller Hass und Unzufriedenheit mit allem und jedem. Das Fremde immer der Feind, immer störend und die Regeln nicht beachtend. 

Doch dann ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich keinen Konflikt austragen konnte, ohne gleich an einen Nazi-Vergleich zu denken. Die beiden konnten nichts dafür, würde mein logisches ich zu mir selbst sagen, und ich müsste in meinem Alter endlich einmal versuchen, einen Streit auszutragen, in der Jetzt-Zeit ohne die Vergangenheit zu benutzen.

Also beschimpfte ich die beiden nicht als »alte Nazis«, die früher meine Großeltern vertrieben und ermordet hätten, ignorierte mein Vorhaben, sie einfach als Faschisten zu beleidigen und blieb ruhig und gelassen, versuchte zu argumentieren, dass der Hund nicht gefährlich und mit Kindern aufgewachsen sei und außerdem durch sein Bellen, wenn ein Fremder das Haus betrete, auch eine gewisse Sicherheit garantiere. Versprach, den Zugang zum Keller frei zu halten und einen anderen Platz für die Fahrräder zu suchen.

Doch sie schrien weiter, als ob ich nicht vorhanden wäre. Wiederholten jeden Satz mehrere Male und regten sich derartig auf, dass ich schon befürchtete, sie würden hier vor mir stehend mit einem Herzinfarkt zu Boden sinken.

Er: »Alles, was unten im Flur steht werde ich abholen lassen, und wird einfach weggeschmissen!«
Sie: »Und den Hund melde ich der Polizei!«

So ging es weiter, bis ich sie unterbrach: »Darf ich ihnen eine Frage stellen?«

Nachdem ich diesen Satz zehnmal wiederholt hatte, wurden sie beide ruhig und ich fragte sie: »Glauben Sie, dass Sie sich im Vergleich zu ihren Eltern verändert haben? Würden sie sich heute so verhalten wie vielleicht ihre Eltern damals?«

Der Mann sah seine Frau an, sie schaute ihm in die Augen, sie schüttelten beiden verwundert die Köpfe, bis er sagte: »Wie meinen sie das, was hat das mit den Hausregeln zu tun?« »Eine Frechheit, diese Frage! Was soll das überhaupt?« Meldete sich seine Frau aus dem Hintergrund, sie hatte sich mehr und mehr hinter ihren Ehemann zurückgezogen.

Ich wiederholte sie dennoch, diese Frage, und er wurde ruhiger, immer ruhiger und ich wusste im Moment selbst nicht, was ich mit dieser Frage bezwecken wollte. Und ich verlor die mir planmäßig auferlegte Selbstbeherrschung und sagte: 

»Meine Großeltern lebten im zweiten Bezirk mit ihren Kindern. 1939 vertrieb man sie aus ihrer Wohnung. Der Großvater starb wenige Monate später an einem Herzinfarkt. Die Großmutter versteckte sich im Keller des Hauses mit der jüngsten Tochter bis der Hausmeister sie verriet. Sie wurden abgeholt und ein paar Monate später in einem Konzentrationslager ermordet. Sie waren damals sicher Kinder und wussten nicht, was passierte, doch Ihre Eltern sahen alles, hörten alles und haben wer weiß was getan.«

Sie starrten mich an, als hätte ich auf Chinesisch gesprochen und gingen beide einen Schritt zurück. Ich hatte längst die Kontrolle verloren und sprach weiter:

»Ich konnte mir nie vorstellen, wie Familien, die Jahrzehnte in Wohnungen nebeneinander lebten, den Alltag der Nachbarn kannten, ihre Sorgen, ihre Krankheiten und auch die vielen fröhlichen Ereignisse, plötzlich voller Hass ein paar wenige Familien im Haus attackierten, sie ohne Hemmungen aus den Wohnungen vertrieben, mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit einzogen und alles zu ihrem Eigentum erklärten.«

Sie wichen immer weiter zurück und die Frau hinter dem Mann flüsterte ihm zu, doch die Tür zu schließen.

»Wenn ich ihnen heute zuhöre und sie beobachte, kann ich mir plötzlich vorstellen, was damals geschehen ist,« sagte ich laut durch die die geschlossene Tür. Dann hörte ich, wie sie die Eingangstür absperrten. 

 

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