Feuilleton Wissenschaft

Giftgas

Photo: Hermann Rex (1884-1937) 

Die Frau des Erfinders

Der Deutsche Fritz Haber, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Breslau, der schon als Student zum Christentum übergetreten ist, gilt als „Vater der chemischen Kriegsführung“. Mit Begeisterung begrüßte er den Eintritt Deutschlands in den 1. Weltkrieg und war einer Unterzeichner des „Manifests der 93“, einer Unterschriftenliste von 93 führenden Intellektuellen und Wissenschaftlern, die den 1. Weltkrieg geradezu bejubelten.

Trotz der Haager Konvention von 1907 leitete er nach 1914 eine Gruppe Wissenschaftler, die an chemischen Waffen arbeiteten, und kontrollierte 1915 persönlich den ersten Einsatz des neu entwickelten Giftgases. Am 22. April 1915 starben 6000 Soldaten an der französischen Front, und Haber feierte mit seinen Kollegen und Auftraggebern diesen Erfolg.

Über Fritz Haber wurde bereits eine Menge geschrieben und das Internet ist voll mit Beiträgen. Seine Widersprüchlichkeit in der Geschichte der Naturwissenschaft als Erfinder des Giftgases, jedoch auch als Entwickler der modernen künstlichen Düngung, die Millionen Menschen das Überleben sicherte, und wofür er 1919 den Nobelpreis bekam, ist bis alle Einzelheiten erforscht und publiziert.

Clara Immerwahr

Weniger bekannt ist die Geschichte seiner Frau, Clara Immerwahr. Sie kam wie Fritz Haber aus einer jüdischen Familie aus Breslau und war die Jüngste der drei Geschwister. Nach dem Abitur überraschte sie ihre Eltern mit dem Wunsch, Chemie zu studieren und schloss 1900 als erste Frau in Deutschland ihr Studium mit einem Doktorat in Chemie ab.

Ihre Doktorarbeit lautete: „Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze des Quecksilber, Kupfers, Bleis, Cadmiums, und Zinks“ und wurde von der Universität mit Magna Cum Laude ausgezeichnet. Mehrere Universitäten boten ihr Forschungsstellen an, doch sie heiratete 1901 Fritz Haber und entschloss sich Mutter und Hausfrau zu bleiben, was sie ein Leben lang bereute.

Sie beklagte sich in Briefen an Freunde, wie sie durch ihren Ehemann unterdrückt wurde, der ihr auch später verbot wissenschaftlich zu arbeiten, als der einzige Sohn älter war. Um nicht völlig als Hausfrau unterzugehen, bot sie sich dem Ehemann an, ihm bei seinen Veröffentlichungen zu helfen, übersetzte und korrigierte seine Arbeiten und publizierte gemeinsam mit ihm ein Lehrbuch.

Doch Fritz Haber, der in diesen Jahren seinen rasanten Aufstieg in der deutschen Gesellschaft genoss, erwartete von seiner Frau eine aktive Unterstützung, und statt einer eigenen wissenschaftlichen Karriere waren ihre Tage mit der Vorbereitung gesellschaftlicher Ereignisse, Dutzenden offiziellen Abendessen und Besuchen ausgefüllt.

Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs und der Beförderung des Ehemannes zum Leiter der chemischen Kriegsführung begann die Emanzipation der Clara Immerwahr von ihrem Mann, seinen Ideen und seiner rassistischen Ideologie. Schon während der ersten Monate der Krieges kritisierte Clara die Arbeit ihres Ehemannes als „Perversion der Ideale der Naturwissenschaften“.

Für sie war die Erforschung neuer Kampfstoffe ein barbarisches Verhalten und ein Missbrauch einer Wissenschaft, die neue Erkenntnisse für das Leben und nicht den Tod bringen sollte. Als sie erfuhr, dass er konkret an der Entwicklung von Giftgas arbeitete, kam es zum offenen Bruch. Sie bat ihn mehrere Male, die Arbeit aufzugeben und äußerte sich auch in der Öffentlichkeit kritisch gegenüber seiner Arbeit. Er reagierte wütend und warf ihr – ebenfalls in der Öffentlichkeit – Verrat des Vaterlandes vor.

Die beiden gingen sich mehr und mehr aus dem Weg. Fritz Haber kam kaum noch nach Hause, hatte zahlreiche Affären, und Clara beklagte sich bei ihren Freunden, dass die Ehe eigentlich am Ende sei.

Der verheimlichte Selbstmord

Nach dem ersten erfolgreichen Einsatz des von Fritz Haber entwickelten Giftgases wurde er befördert, und man bereitete für ihn einen großen Empfang in Berlin vor. Anfang Mai kam es in der noblen Villa im Berliner Bezirk Dahlem zu einer Auseinandersetzung zwischen Haber und seiner Frau, die sich angeblich weigerte, ihn zu den Feierlichkeiten zu begleiten, die das Kriegsministerium vorbereitet hatte.

Am frühen Morgen des 3. Mai plante Fritz Haber zurück an die Front zu reisen, wo ein weiteres Experiment mit Giftgas geplant war. In der Nacht vom 2. auf 3. Mai erschoss sich Clara Immerwahr in den frühen Morgenstunden im Garten der Villa. Nur der Sohn Hermann hörte den Schuss, eilte in den Garten, wo seine Mutter in seinen Armen starb. Er verständigte den Vater, der noch am selben Tag an die Front reiste und nicht am Begräbnis teilnahm. Die Medien verschwiegen das Ereignis. Nur eine kleine Notiz in der „Grunewald Zeitung“ meldete den Selbstmord und schrieb, dass über die Gründe des Todes der unglücklichen Frau nichts bekannt sei.

Das Ende

Das Ende des schrecklichen Weltkrieges mit Millionen Toten war auch der Beginn des Abstiegs des Fritz Haber. Selbst bei der Nobelpreisverleihung weigerte sich der damals berühmteste Physiker Ernest Rutherford, ihm die Hand zu geben.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 forderte die Universität Fritz Haber auf, alle jüdischen Forscher aus seiner Abteilung zu entlassen, er selbst könne dank seiner Verdienste bleiben. Doch er war krank, enttäuscht und verzweifelt und trat von seiner Position zurück, floh nach England, wo er eine Zeitlang in Cambridge unterrichtete, doch auch hier verfolgte ihn der Vorwurf, der „Vater der Chemie-Waffen“ zu sein. Er zog weiter in die Schweiz, wo er 1934 an einem Herzinfarkt starb. Sein Sohn Hermann nahm sich 1945 das Leben.

In den 1970-iger und 80-iger Jahren begannen Historiker sich mehr und mehr mit Clara Immerwahr zu beschäftigen und 1991 schuf die „German Section of International Physicians fort he Prevention of Nuclear War“ den Clara Immerwahr Preis.

 

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